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Der Nikolaus aus der Neustadt

Der Nikolaus aus der Neustadt

Auf Einladung des Kunst- und Kulturvereins Taucha trafen sich 24 Stunden vor Heiligabend über 30 Neugierige, zu einem vorweihnachtlichen Stadtrundgang. In bewährter Weise unterhielt Vereinsmitglied Jürgen Ullrich als Nachtwächter Johann Christoph Meißner mit Interessantem aus der Historie und einigen Anekdoten.

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Der vorweihnachtliche abendliche Stadtrundgang mit Tauchas historischem Nachtwächter Johann Christoph Meißner, gespielt von Jürgen Ullrich, führt die interessierten Zuhörer auch zu Gebäuden am berühmten Parthe-Brunnen.

Quelle: Alexander Bley

Taucha. Rastlos galoppierte im Schutze der Dunkelheit der Reiter mit seinem Ross über das fahl schimmernde Pflaster der Neustadt. Durch enge Gassen, die sich von 1587 bis zum heutigen Tage in ihrem Charakter nicht wesentlich verändert haben. Der Reiter hatte nichts Böses im Sinn, im Gegenteil, so berichtete Johann Christoph Meißner, Nachtwächter im Dienste der Parthestadt. Dreimal habe er diesen Mann einst wohlwollend gewähren lassen, bevor der nie wieder gesehen ward.

Es ist eine der Geschichten, die Jürgen Ullrich seinem Publikum unter dem Laternenschein bei leichtem Nieselregen Freitagabend zu bieten hatte. Nicht etwa ausgedacht, nein, in mühevoller Recherche offengelegt. Im Tagebuch von Pfarrer Puschmann hatte er die Anekdote entdeckt. Einer der Glücksmomente, die den Hobby-Historiker und Gelegenheitsnachtwächter eher selten befallen, weil sich oftmals Übersetzungen in Kirchenchroniken nur als unnütze Notizen herausstellen.

Bei dem Reiter war das anders. 1796 soll er das erste Mal durch die Neustadt geritten sein. In der Weihnachtszeit mit 20 Jutesäcken beladen, warf er die Säcke nach und nach vor die Türen der Armen. Zwei Jahre wiederholte sich das Spektakel, das den Bedürftigen Äpfel, Nüsse, Leinen, Branntwein und Schafwolle einbrachte. Bis einen Besenbinder die Neugier gepackt hatte, wer sich wohl hinter dem Fremden, der wie ein Nikolaus Barmherziges tat, verbergen mag. So lauerte er dem edlen Reiter auf, versuchte ihn am Schurz zu packen, konnte ihn aber nicht ergreifen. Nach dieser Attacke ward der Spender nie wieder gesehen.

So erzählte es Ullrich auf seiner Weihnachtstour, die zu besonderen Plätzen seiner Heimatstadt führte. 33 Zuhörer hatten sich zum eineinhalbstündigen Historienspektakel trotz des nasskalten Wetters eingefunden, auch Helga Reyes. „Ich bin neugierig, was alles im Laufe der Jahrhunderte in meiner Heimatstadt passiert ist“, begründete sie ihre Teilnahme. Nicht das erste Mal gehörte Reyes dem Tross an, der Tauchas Gassen und Wege abschritt. „Nächstes Jahr werde ich wieder mitmachen“, kündigte sie an. „Zu DDR-Zeiten war der Begriff Heimatverein verpönt, erst durch Herrn Ullrich habe ich sehr viel über meine Heimatstadt erfahren können“, sagte Reyes weiter.

So auch die Anekdote, für die sich Ullrich ebenfalls verbürgt. 1813 soll es gewesen sein, erzählte er auf dem Tauchaer Markt unter dem leuchtenden Weihnachtsbaum, kurz bevor die Tour ihr Ende finden sollte. Vor dem Gasthof zu Jesewitz stolperte ein Spielzeugmacher über eine herrenlose Ledertasche, der er sich alsbald annahm. Beim Öffnen begannen die Augen des Tauchaers zu funkeln. Gold und Silber, dem heutigen Wert entsprechend etwa 9000 Euro, fand der arme Spielzeugmacher. Obwohl er das Geld für seine Familie und das Geschäft dringend gebraucht hätte, meldete er den Fund und übergab die Tasche der Ordnungswacht. Heiligabend klopfte es an dessen Tür. Ein Säckchen mit 200 Silbertalern fand der Spielzeugmacher davor. Dem nicht genug, allerlei Fressalien sollen die Weihnacht zusätzlich versüßt haben sollen. „Ein Amtsrat aus Kamenz hatte die Tasche verloren, in der die Städtischen Steuern aufbewahrt waren“, wusste Ullrich zu berichten.

Seit vier Jahren veranstalten die Mitglieder des Kunst- und Kulturvereins Taucha Nachtwächtertouren, stets schlüpft Jürgen Ullrich in die Rolle des Johann Christoph Meißner. Stets erfreut sich der Wissens-Spaziergang entlang der Parthe und dessen Gehöften großer Beliebtheit, weil Ullrich zu den Basisinformationen über Kirche, Diakonat, Rathaus und Neustadt immer noch ein Extra-Schmankerl zu bieten hat. Noch eins gefällig? Die Kirche war nicht nur ein Hort der Seligkeit, sondern auch einer für Schutzsuchende. „Mann und Maus gingen im Mittelalter in die Kirche“, begründete Ullrich alias Meißner. „Deswegen gleichen die alten Taufbecken Viehtränken.“ Natürlich gab es das auch in Taucha. Eins soll auf dem Friedhof noch vorhanden sein.

Alexander Bley

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