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Geballtes Wissen 60 Jahre nach Studien-Ende

Geballtes Wissen 60 Jahre nach Studien-Ende

240 Jahre Industriegeschichte? Auf diese gewichtige Zahl wollen sich die vier Herren, die sich kürzlich in einem Tauchaer Garten versammelten, denn doch nicht hochrechnen lassen.

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Harry Standke, Otto Pick, Manfred Leisebein und Helmut Liesaus (von links) stoßen zum 60. Jahrestag ihres Studienabschlusses an.

Quelle: AnneMarie Rieger

Taucha. Aber vor genau 60 Jahren konnten sie auf ihren Studienabschluss anstoßen. So wie jetzt. Drei Jahre lang hatten Harry Standke, Manfred Leisebein, Otto Pick und Helmut Liesaus die Leipziger Fachschule für Schwermaschinenbau besucht, dann waren sie Ingenieure für Kraft- und Arbeitsmaschinen. Eine kurze gemeinsame Zeit, die lange Bindung schuf, obwohl sie völlig unterschiedliche Vorleben hatten: Der eine hatte als Zwölfjähriger die Vertreibung aus Schlesien, aber kaum geregelten Schulbetrieb erlebt. Der andere hatte den Verlust des Vaters zu verkraften. Der nächste hatte vor dem Krieg bereits ein Semester studiert, bevor er zum Militär eingezogen wurde. "Weil der schon ein bisschen studiert hatte, und sogar Jagdflugzeugführer war, dachte er, er kann's besser, als wir mit unserer mangelhaften Kriegs-Ausbildung. Den haben wir dann aber überholt", erklärt Pick mit breitem Lachen. "Im Gegensatz zu den jungen Herren wurde ich auch mit Extra-Aufgaben bedacht", kontert Leisebein. Er ist Jahrgang 1925 und somit der Älteste.

Das Trio Leisebein, Pick, Liesaus fungierte als Lerngruppe. Der letztere, Jahrgang 1932, war das Küken des Trios, das sich nach dem Studieren nicht aus den Augen verlor, sich auch mit Ehefrauen und den heranwachsenden Kindern immer wieder traf. Standke gehörte ebenfalls zur Seminargruppe. Doch ihn hatte es fünf Jahre nach dem Studium aus der DDR getrieben. Er machte im Westen Karriere in einem Chemiekonzern als Leiter mehrerer Betriebsteile. Herausforderungen in den Unternehmen hüben wie drüben. Auch bei ihm wurde manchmal die Nacht durchgearbeitet, um eine Havarie zu beseitigen. "Der Chef hat früh nur gefragt, ob's läuft. Es lief. Dann war's ok. Mehr kam da nicht."

In den 90ern zog er als Ruheständler in die Heimat zurück. Die ehemaligen Kommilitonen hatten im Osten ebenfalls ihre Höhen und Tiefen erlebt. Zum Beispiel den Enthusiasmus, mit dem der Aufbau der Luftfahrtindustrie unter anderem in Chemnitz startete. "Die Leute schliefen manchmal in den Regalen in der Werkshalle, damit sie gleich weitermachen konnten", erzählt Pick. Doch der eigentliche Bündnispartner, die Sowjetunion, drehte über die Zulieferungen eiskalt den Hahn ab. Ein Aufbau dieses Industriezweigs war nicht gewollt. "Dabei ging es immerhin um einige Tausend Leute, die in dem Werk arbeiteten. Und das hatte Millionen Mark gekostet."

Insgesamt gehörten zur Seminargruppe 28 Kommilitonen, darunter drei junge Frauen. "Und die waren gut", betont Pick. Wie es ihnen allen ergangen ist, wissen die vier leider nicht. Diese Kontakte gingen verloren. Die Mehrzahl der Abgänger wanderte irgendwann in den Westen ab, so die Vermutung. "Es gab auch vier, die sich gegen den Russisch-Unterricht gewandt hatten. Sie hatten eine Petition geschrieben, die älteren Semester sollten davon befreit werden. Da wurde dann gleich ein Politikum draus gemacht und vier Studenten exmatrikuliert", erzählt Pick.

Das Gebäude der Fachschule in der heutigen Wächterstraße 13 gehört jetzt zur Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig, ist Sitz der Fakultät Elektrotechnik und Informationstechnik. "Der Lehrbetrieb, Vorlesungen, Seminare und Prüfungen liefen für uns in den  drei Jahren im Prinzip in einem Raum", sagt Liesaus. "Nur das Labor und die Werkstätten waren im Keller." Es herrschte ein strenges Regime. Es gab Anwesenheitslisten und jeweils nur einen Prüfungstermin, der musste bestanden werden. Wiederholungen fanden nicht statt. "Es wurde auf Disziplin geachtet. Aber unser bester Student hat sich doch tatsächlich damit ausgezeichnet, dass er den Spickzettel genau ans Lehrerpult lehnte. Da guckte der Dozent einfach drüber", staunt Pick immer noch, wie gut dieser Trick funktionierte.

Sie erinnern sich auch an die "Kasperbude", die sie zum Fasching übers Pult gebaut hatten und an den Typen, der immer die Flasche Bier in der Vorlesung unter der Bank hatte. Betriebsbesichtigungen wurden auch mal mit dem Fahrrad durchgeführt. "Und am Ende des ersten Semesters verkündete der Dozent: ,Machen Sie sich keine Sorgen, den Stoff fürs nächste Semester haben Sie schon abgearbeitet. Sie brauchen sich aber nichts darauf einzubilden, denn das mache ich immer so.' Da war mir klar, warum ich nichts verstanden hatte", bemerkt Liesaus trocken. Die Lehrkraft sei in den Semesterferien verstorben. Mit der neuen wurde der Stoff auch für ihn begreifbar.

"Außerdem bekamen wir am Freitag die Abschluss-Urkunden und am Montag ging's auf Arbeit", stellt er fest. So war das damals. Nichts mit Urlaub dazwischen. Der Selbstfindungstrip war noch nicht erfunden.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.08.2015
Anna-Maria Rieger

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