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Gewalt stets ausgeschlossen

Gewalt stets ausgeschlossen

Christoph Wonneberger ist nicht groß gewachsen, wirkt eher schmalschultrig als stark. Dennoch ging von dem heute 66-Jährigen in den 80er Jahren in Leipzig eine mitentscheidende Kraft aus, die junge Menschen dazu bewog, Anfang Oktober 1989 das System der DDR öffentlich in Frage zu stellen.

Ganz ohne Waffen, nur mit der Macht des Wortes und dem Gedanken der Freiheit. Wonneberger war 1972 bis 1977 Pfarrer in Taucha, ein ganz unkonventioneller, was damals schon für Aufruhr sorgte.

Frage: Was gehörte in der Tauchaer Gemeinde zu den Aufgaben, woran Sie sich gern erinnern?

Christoph Wonneberger: Ich war der zweite Mann neben Pfarrer Bock und war für die Dörfer Sehlis und Dewitz zuständig, habe die Konfirmanden betreut und mich parallel mit Jugendlichen getroffen, die nicht der Kirche angehört haben. Es gab keine richtige Jugendarbeit. Ich habe versucht sie anzuleiten, selbst etwas zu tun.

Wie sah das aus?

Ihre Fragen und Probleme waren meine Arbeit. Ihnen hat die Freiheit gefehlt sich zu äußern, sie hatten das Gefühl ständig gegängelt zu werden. Ich habe ihnen ein Stück weit versucht zu vermitteln, die Welt für sich zu entdecken. Dass es nicht ständig besser ist, sich anzupassen und gemeinsam mit anderen zusammen Antworten zu finden. Ich habe versucht mit den ­Jugendlichen zu leben, schließlich ­waren ihre Themen meine Arbeit. Dabei habe ich viele Jugendliche gefunden, die neugierig waren. Leute bei denen nicht der Lebensweg vorprogrammiert war. Für mich war das sehr spannend.

Warum war und ist der Verzicht auf Gewalt die stärkste Waffe, eine politische Systemwende einzuleiten?

Das kann man nicht hundertprozentig verrechnen. In Prag hatte ich in den 60ern die Besetzung hautnah miterlebt, habe gesehen wie Jugendliche verzweifelt gegen Panzer gekämpft haben und das mit ihrem Leben büßten. Gewalt ist für mich als gesellschaftliche Methode ausgeschlossen. Das muss anders passieren. Damit habe ich mich während des Studiums beschäftigt, etwa der Theologie der Befreiung. Es ging immer darum, kreativ Widerstand zu organisieren und diesen öffentlich zu machen. Das wirkt gegenüber der eigenen Faulheit motivierend, macht es schwer für den Einzelnen Ausreden zu finden.

Wurde Gewalt in ihrem konspirativen Kreis jemals als letztes Mittel erwogen?

Innerhalb der Gruppen nicht, außerhalb gab es Anfang September 89 schon Anzeichen dafür. Die Wut lag auf der Straße, etwas zu zeigen. Da bestand die Gefahr, dass alles kippt. Und deswegen habe ich ein Friedensgebet nur über das Thema gehalten. Soweit ich es beeinflussen konnte, habe ich drastisch versucht zu verdeutlichen, was dann passieren kann.

Am 30. Oktober 1989 setzte Sie ein Hirninfarkt außer Gefecht. 20 Jahre war es ruhig um ihre Person. Warum?

Die Krankheit war ein enormer Einschnitt in meinem Leben. Von einen auf den anderen Tag war ich plötzlich aus dem Rennen. Man darf nicht vergessen, dass es gerade damals eine verdammt schnelllebige Zeit war. Viele haben sich aus den Augen verloren, eine Woche später fiel die Mauer. Die Leute haben die Freiheit entdeckt. Sie haben nicht mitbekommen, dass ich weg war. Ich war auch nicht greifbar. Freunde haben mich mit nach Hannover genommen. Ich war in zweifacher Hinsicht weg: Erstens lokal und zweitens konnte ich mich nicht äußern. Ich musste das Sprechen neu lernen. Zudem habe ich seit all den Jahren das Gefühl, meine Arbeit getan zu haben.

Sie sind Träger des Bundesverdienstkreuzes und Bambi-Gewinner. Was bedeuten solche Ehrungen?

Ich habe Abzeichen schon immer gehasst. Das Kreuz ist in der Schachtel, der Bambi in einem Säckchen hinter dem Fernseher. Ich habe genossen, was ich gemacht habe. Ein Signet hat nur einen Sinn, wenn es mit einer aktuellen Bedeutung behaftet ist, dann würde ich es auch tragen. Die Preise aber beziehen sich auf etwas in der Vergangenheit. Trostpreise braucht keiner. Aber ich bin schon froh, dass ich nicht als Vorzeigefigur hingestellt werden konnte. So ist mir manches erspart geblieben. Dieses ständige Gefragtwerden, für künftige Probleme Lösungen parat haben zu müssen, das ist nichts für mich.

Sie wurden 1991 gegen ihren Willen in den Ruhestand versetzt. Wie schmerzhaft war das?

Darüber habe ich lange getrauert. Ich habe bestimmt zehn Jahre gebraucht, das zu verarbeiten. Das Pfarramt hat mir unheimlich viel bedeutet. Ich hätte gern wieder klein angefangen, entsprechend meiner Fähigkeiten, die ich mir nach und nach erarbeitet habe. Es hat mich schon überrollt, weil mir da die sprachlichen Fähigkeiten gefehlt haben, gewisse Dinge zu durchschauen. Aber ich trage mittlerweile keine Bitterkeit mehr in mir. Auch wenn ich es nicht so geplant habe, hat sich doch alles gut für mich gefügt.

Alexander Bley

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