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Taucha Leipzig liest in Taucha: Marathon mit Müller, Waal und Poppe
Region Taucha Leipzig liest in Taucha: Marathon mit Müller, Waal und Poppe
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18:12 21.03.2010
Weggesperrt: Autorin Grit Poppe (rechts) mit Kerstin Kuzcia, die einen Teil der in dem Buch geschilderten Ereignisse im geschlossenen Jugendwerkhof Torgau selbst erlebet hat. Quelle: Jörg ter Vehn
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Taucha

Unabhängig vom mitunter hochwertigen Inhalt waren die Lesungen unterschiedlich gut besucht. Hier eine kleine Auswahl: *Die wohl meisten Hörer drängten sich bei Reinhard Müller im Diakonat. Zusätzliche Stühle wurden hereingetragen, um im proppevollen Saal die Gäste aufzunehmen, die vom Erstlingswerk des Tauchaers hören wollten. Sein Verleger Dieter Nadolski konnte denn auch gleich von einem „Vorkommnis“ auf der Buchmesse berichten: Da habe doch eine junge Frau versucht, ausgerechnet Müllers Buch vom Stand zu stehlen. Sie sei ganz in Gedanken gewesen nach dem Lesen darin, habe sie sich entschuldigt. Nadolski glaubte ihr. „Die hohen Hundert – von den Irrlichtern der Macht“ sei ein außergewöhnliches Buch, so Nadolski. Wie berichtet, erzählt es die fiktive Geschichte eines Kardinals, der mit einigen jungen Leuten nach Rezepten sucht, die Probleme unserer Zeit wie Umweltverschmutzung, Wirtschaftskrise oder Werteverlust zu lösen. Der anspruchsvolle, weltanschauliche Roman spannt weite Bögen, die Müller und Nadolski gemeinsam dem Publikum vorstellten.*[image:phpF9d7HZ20100321181021.jpg]

Hans Waal im Cafe esprit fand dagegen nur eine handvoll Hörer. Dabei ist das satirische Werk „Die Nachhut“ des Reporters Holger Witzel, der seine fiktiven Geschichten unter Pseudonym erzählt, ebenso geistreich wie humorvoll erzählt. „Ich habe mir sagen lassen, Erich Loest hat hier mal vor noch weniger Leuten gelesen. Das macht mich ein bisschen stolz“, amüsierte sich Witzel. Sein Werk erzählt die Geschichte einiger strammer SS-Soldaten, die im geheimen Führerbunker unter dem heutigen „Bombodrom“ bei Wittstock den Krieg überdauert haben und sich in die „Reichshauptstadt“ aufmachen, als das „Kriegsgeräusch“ draußen aufhört – und der letzte Dosenöffner abbricht.Volker Wienicke fand extra mit der Bahn den Weg aus Leipzig zu Waal, um die Geschichte zu hören – und bereute es nicht, schmunzelte angetan. Wie Witzel seine Geschichte komponiert, ist lesenswert. Wie seine alten SS-Chargen etwa jedes heutige Zeichen wie Holzkreuz am Straßenrand deuten, um doch noch an den „Endsieg“ glauben zu können – Witzel schreibt treffsicher, lustig und böse zugleich, er liest nur leider nicht so. So blieb der Unterhaltungswert der Lesung weit hinter dem Buch zurück.*Erzählstark wie immer brachte Dieter Nadolski „Wahre Geschichten um sächsische Schlösser“. Das Café esprit war dazu ausgebucht, wohl auch, weil es neben den amüsanten Anekdoten einen schmackhaften Brunch gab. Deutlich weniger kamen am Samstagnachmittag zu den Fiffschen Gaffeesachsen, die in gewohnter Mundart Lene Voigt rüberbrachten.*Eher schwere Kost bot Grit Poppe gestern Nachmittag im Café esprit, das trotzdem gut gefüllt war. „Weggesperrt“ heißt ihr im vorigen September erschienenes Buch, das inzwischen in vierter Auflage erschien. Es basiert auf den erschütternden Erlebnissen, die etwa Kerstin Kuzcia im geschlossenen Jugendwerkhof Torgau machte. „Dort ist jeder Mensch gebrochen worden“, erzählte Kuzcia als Zeitzeugin bei der Lesung. Es sei wie im Knast gewesen, nur offiziell eine Heim- und Erziehungseinrichtung. Mit sechs Jahren sei sie als Bettnässerin ins DDR-Heimsystem geraten, habe alles durchlaufen, nach der Wende eine jahrelange Therapie nötig gehabt, um die Ereignisse zu bearbeiten. „Verarbeiten kann man das nicht“, sagte sie. Die Zuschauer hörten fassungslos von ihrem Schicksal, das sie mit vielen anderen jungen Opfern teilt. „Von uns hat nie einer vor Gericht gestanden oder ist verurteilt worden“, so Kuzcia. „Die Frage nach dem Warum geht bei mir nicht weg.“

Jörg ter Vehn

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