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Sport-Reporterlegende Heinz Florian Oertel zu Gast in Taucha

Sport-Reporterlegende Heinz Florian Oertel zu Gast in Taucha

Taucha.

Die Rundfunk- und Fernseh-Reporterlegende der DDR, Heinz Florian Oertel, war am Mittwochabend zu Gast im Lesecafé im „Café esprit“, wo er sein jüngstes Buch „Pfui Teufel.

Über Verdrängtes und Vergessenes“ vorstellte. Oertel, seinerzeit als Sportkommentator im DDR-Rundfunk und – Fernsehen tätig, war nicht zum ersten Mal in der Parthestadt. 1998 hatte er gemeinsam mit seinem Tauchaer Radiokollegen Werner Lindner, der auch im Publikum saß, ein Fußballturnier in der Mehrzweckhalle moderiert.

Oertel berichtete von 17 Olympischen Spielen und acht Fußball-Weltmeisterschaften. Unvergessen seine emotionsgeladenen Reportagen von der Friedensfahrt oder Eiskunstlaufmeisterschaften. „Dabei galt ich unter meinen Reporter-Kollegen als Pfeife“, bekannte Oertel. „Ich war ein schlechter Skatspieler, trank sehr wenig und ich habe nie geraucht". Mit täglichen 20 Minuten Frühsport und Spaziergängen von mindestens einer Stunde praktiziert er lieber seine Maxime „Mit Sport lebt es sich besser!“

„Ich danke allen Sportlern der Welt, die ich bei meinen Reportagen begleiten durfte“, sagte er rückblickend. Viele Athleten kennt er auch persönlich: Den Waldemar Czierpinski natürlich, Täve Schur, Helmut Recknagel und Wolfgang Behrendt oder die tschechische Langlauflegende Emil Zatopek. 17-mal wurde er zum Fernsehliebling des Jahres im Fernsehen der DDR gewählt.

Moderator Roman Knoblauch hatte im Verlauf des Gesprächs wenig Mühe, denn der wortgewandte, in Cottbus geborene und aufgewachsene Heinz Florian Oertel – 82 Jahre und kein bisschen leise – stellte und beantwortete die Fragen oftmals gleich selbst.

Ziemlich spät kam er direkt auf sein neues Buch zu sprechen, in welchem er sich die Frage stellte, wie in den alten und in den neuen Bundesländern voneinander gedacht wird. Er habe festgestellt, dass man Unerwünschtes verdrängen und lieber vergessen möchte. Es gebe wenig ehrliche Versuche, Geschichte auch wirklich zu verstehen, geschweige denn aufzuarbeiten, so Oertel. Es ist nicht nur ein Buch, in dem Oertel die unterschiedliche Interpretation der deutschen Geschichte aufzeigt, auch den gesamtdeutschen Sport unterzieht der promovierte Sportreporter einer kritischen Betrachtung. „Ein 18-jähriger Fußballmillionär ist doch eine Katastrophe! Wo ist denn hier die Relation zu Menschen, die ihr Geld durch eine echte, der Gesellschaft nützliche Leistung erbringen? Solange wir uns aber einer solchen Entwicklung nicht verweigern und unser Geld weiter in die Fußballstadien tragen, werden wir diese Diskrepanz nicht ändern“, echauffierte er sich.

Natürlich musste der Meister der bildlichen Sprache auch erklären, warum nach dem Marathon-Sieg von Waldemar Czierpinski 1980 in Moskau die Väter ihre Söhne Waldemar nennen sollten. Er habe Czierpinski bei diesem Wettkampf nie in der Spitzenposition erwartet und deshalb krampfhaft nach Überleitungen während der Zielrunde gesucht, so Reporter Oertel. Das sei eben dabei herausgekommen. Aber in einer Zeit, als die Kinder auch in der DDR gerade Kevin, Mike oder Geoffrey hießen, habe ein Waldemar keine Chance gehabt. Ihm sei auch niemand bekannt, der seinen Sohn nach Olympia 1980 tatsächlich Waldemar genannt hätte.

Man sieht es dem vitalen Kult-Reporter nicht an, dass er 14 Operationen überstanden und zudem ein neues Hüftgelenk hat. Obwohl er ein phänomenales Zahlen- und Zeitgedächtnis hat, Witze kann er sich nie merken und Fußballerwitze findet er sowieso doof. Sagt’s und zitiert ein längeres Rilke-Gedicht. Da merkte man ihm den gelernten Schauspieler an. Sechs Bücher hat er mittlerweile geschrieben. Der Tauchaer Harry Hoffmann brachte zur Signierstunde sogar Oertels erstes Buch „Mit dem Sportmikrofon um die Welt“ aus dem Jahre 1958 mit.

Dass Oertel in seiner Lesestunde am Ende nicht eine Zeile seines Buches gelesen hatte, merkte kaum einer der Anwesenden, denn bei den fesselnden Schilderungen verging die Zeit wie im Fluge. „Der Oertel ist ja heute noch genauso, wie wir ihn aus den Rundfunk-und Fernsehübertragungen von damals kennen", freute sich etwa Rosel Dominka aus Taucha. Ein dankbares Publikum applaudierte Oertel auf dem Weg zum Ausgang ehrlichen Herzens.

Am 4. November kommt die Schauspielerin Ursula Karusseit ins schon ausverkaufte Café esprit.

Reinhard Rädler

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