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"Taucha soll eine weltoffene und tolerante Kleinstadt bleiben"

"Taucha soll eine weltoffene und tolerante Kleinstadt bleiben"

Nach 25 Jahren und zwei Monaten geht mit Holger Schirmbeck Tauchas erster und bisher einziger Nachwende-Bürgermeister in den Ruhestand. Der promovierte Diplom-Agraringenieur und damals frisch gewählte Merkwitzer LPG-Vorsitzende hatte sich in der Zeit der Friedlichen Revolution 1989 am Runden Tisch in Taucha eingebracht, den Sozialdemokraten angeschlossen und bereiterklärt, als Bürgermeister Verantwortung zu übernehmen.

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Zum Dienstjubiläum erhielt Holger Schirmbeck aus dem Fachbereich Bauwesen das 25er-Schild und eine Torte mit faulenzendem Bürgermeister geschenkt.

Quelle: Olaf Barth

Taucha. Im Gespräch mit der LVZ blickt der heute 59-Jährige nach drei Wiederwahlen auf ein Vierteljahrhundert in diesem Amt zurück, die längste Zeit, die je ein Tauchaer Bürgermeister seit 1570 im Amt war. Morgen gibt er von 11 bis 14 Uhr in der Grundschule Am Park seinen Ausstand.

Sie räumen gerade Ihren Schreibtisch aus. Was findet man da nach 25 Jahren in den untersten Schubladen?

Bis ganz unten bin ich noch gar nicht vorgedrungen. Dennoch ist das wie eine Reise in die eigene Geschichte. Ich finde Schriftwechsel und Mappen mit Vorgängen aus den Anfangszeiten, viel Positives, aber auch Papiere über weniger schöne Dinge.

Zum Beispiel?

Eine Familie beschwerte sich, dass es schon längere Zeit durchs kaputte Dach regnet. Die Antwort der Wohnungsgesellschaft war, wenn mal Kapazitäten da sind, wird repariert. Heute unvorstellbar, dass so ein Schaden nicht sofort behoben wird. Und dem gesamten Vorgang lag kein Anwaltsschreiben bei, ganz anders als heute.

Können Sie sich noch an Ihre erste Amtshandlung erinnern?

Nein, kann ich nicht. Die meisten wollen von mir zurzeit auch was ganz anderes wissen.

Was?

Wie das so ist, plötzlich aufzuhören, das müsse doch ganz komisch sein.

Und ist es das?

Man macht alles irgendwie zum letzten Mal. Aber komisch? Nein, ich habe noch gar nicht so richtig realisiert, dass der Freitag mein letzter Arbeitstag in der Stadtverwaltung Taucha sein wird. Es gibt immer noch zu tun, allein in dieser Woche zwei Ausschusssitzungen.

Aber die Übergabe an Ihren Nachfolger Tobias Meier läuft doch schon?

Natürlich. Er nimmt an Dienstberatungen teil, es gab mehrere Vier-Augen-Gespräche, in denen ich seine Fragen beantwortet habe und wir über zu übergebende Vorgänge, Akten und Unterlagen geredet haben. Durch seine Arbeit im Stadtrat ist ihm vieles ja nicht fremd.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger?

Dass er sich schnell in das Amt hineinfindet, er ein glückliches Händchen bei dessen Ausübung hat und die Dinge weiter ordentlich laufen. Sicher bringt er einen anderen Blickwinkel ein, er wird auch eigene Akzente setzen, neue Wege gehen. So etwas ist immer gut. Denn nach 25 Jahren wird man schon etwas betriebsblind. Mein Nachfolger steigt in funktionierende Verwaltungsstrukturen mit einer außerordentlich engagierten Truppe ein. Ich war bestrebt, den Laden so zu organisieren, dass er weiterläuft, auch wenn mal jemand nicht da ist. Das bedeutet, auch Verantwortung abzugeben, am besten an Mitarbeiter, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig hat er aber auch die Chance, aufgrund des bevorstehenden Generationswechsels selbst personelle Veränderungen vornehmen zu können.

Mit der aktuellen Finanzlage übernimmt er eine schwierige Situation.

Wir zehren unsere Rücklagen auf, dennoch haben wir in den vergangenen Jahren kontinuierlich unsere Schulden abgebaut. Doch mit dem neuen Kindergarten und dem Vorhaben der Deutschen Bahn stehen große Aufgaben ins Haus, für deren Umsetzung die dann Verantwortlichen sicher auch Lösungen finden werden.

Politikern in Spitzenämtern wird oft nachgesagt, sich selbst während ihrer Amtszeit ein Denkmal setzen zu wollen. Was ist Ihr Denkmal?

So einen Anspruch hatte ich nie. Sicher ist vieles, was an Infrastruktur in Taucha entstand, in Stein und Holz gehauen und zeugt von dem, was wir insgesamt geschaffen haben. Rückblickend wird meine Amtszeit wohl dadurch geprägt sein, dass Taucha zu einem attraktiven Wohn- und Arbeitsstandort mit einer kompletten, gut ausgestatteten Schul- und Kindertagesstätten-Landschaft sowie vielen Freizeitmöglichkeiten geworden ist. Das zu erreichen, war ein klarer Plan. Allerdings gibt es dazu noch etwas Entscheidendes zu sagen.

Und das wäre?

Hinter der ganzen positiven Entwicklung Tauchas steckt eine Teamleistung, nie die eines einzelnen. Nicht der Bürgermeister allein, sondern der Stadtrat entscheidet im Zusammenspiel mit der Verwaltung. Ich kann nicht der Bestimmer und Vordenker für alles sein, aber als Bürgermeister das Zusammenspiel organisieren und versuchen, breite Mehrheiten zu schaffen. Ich kann allen, die in der Verwaltung, im Stadtrat und den städtischen Gesellschaften von Anfang an mitgewirkt und Verantwortung getragen haben, nur ausdrücklich danken. Ich möchte auch die Aufbauhilfe, die große Unterstützung der Stadt Hilden Anfang der 90er Jahre nicht vergessen.

Was würden Sie als Sternstunde Ihrer Amtszeit bezeichnen?

Da könnte ich schon einiges aufzählen, aber zuallererst fällt mir da kurz nach der Wende die erste große Ansiedlung ein. In Taucha waren gerade viele Arbeitsplätze, besonders für Frauen, verloren gegangen. Dann gelang es uns, vor 25 Jahren auf der grünen Wiese Noweda anzusiedeln. Dort fanden viele wieder Arbeit. In Erinnerung bleiben natürlich auch die Grundsteinlegung für die neue Feuerwache, das Richtfest für die neue Grundschule, die Eröffnungen von Mehrzweckhalle und Parthebad.

Die schwärzeste Stunde Ihrer Amtszeit?

Auch da gibt es einiges. Zuletzt der Tod von unserem Ordnungsamtschef Albrecht Walther. Auch die Zeit der Haushaltskonsolidierung, in der Mitarbeiter entlassen werden mussten, war schwierig. Und das gesamte Thema um die finanziellen Vorgänge bei den KWL gehört dazu. In die Folgen des Handelns der beiden Geschäftsführer Klaus Heininger und Andreas Schirmer war ich als amtierender Aufsichtsratsvorsitzender ja involviert.

Eigentlich könnte für einen Tauchaer Bürgermeister eine Dienstreise nach London etwas Schönes sein, für Sie wohl eher nicht.

Ich war vorgeladen, in der KWL-Sache als Zeuge vor einem Londoner Gericht auszusagen. Das war sehr anstrengend, aber auch eine sehr lehrreiche und intensive Erfahrung. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, das Verfahren ist ja noch nicht endgültig abgeschlossen.

Ihnen wird aber auch nachgesagt, bis zuletzt zu den KWL-Geschäftsführern gestanden zu haben, auch als andere schon auf Distanz gingen. Warum?

Ja, ich habe, wie ein großer Teil des Aufsichtsrates auch, sehr lange zu den beiden Herren gestanden, als es 2006 um Vorwürfe im Zusammenhang mit Reisen und Uhren ging. Ich sehe die Unschuldsvermutung bis zum Beweis des Gegenteils als ein hohes Gut. Und zweitens gab es in Leipzig zu jener Zeit gerade Bestrebungen, städtische Unternehmen zu privatisieren. Das Ganze in einem Klima, in dem ich den Eindruck hatte, dass politisch motiviert Personen in Misskredit gebracht werden sollten. Vor allem jene, die sich, wie die KWL-Geschäftsführer, gegen eine Privatisierung aussprachen. Dem politischen Spiel wollte ich mich bewusst nicht unterwerfen, auch auf die Gefahr hin, dass das Ganze einen Schatten auf meine Amtszeit werfen kann. Als es aber später um die Finanztransaktionen ging, wurde sofort und sehr konsequent gehandelt.

Und wie sehen Sie das Agieren der damaligen Geschäftsführer mit dem jetzigen Wissen?

Wir hatten ein vernünftiges Verhältnis zueinander, umso mehr bin ich menschlich riesig enttäuscht, mit so viel krimineller Energie hintergangen worden zu sein. Für mich als Tauchaer Bürgermeister ging es um die Themen Trinkwasser und Abwasser, nicht um internationale Bankgeschäfte und Finanzspekulationen.

Was soll bleiben von Ihrer Amtszeit, was soll später einmal in den Geschichtsbüchern und in den Chroniken stehen?

Unter dem Gesichtspunkt habe ich meine Tätigkeit nie gesehen. Wenn mein Name auftaucht, wünsche ich mir ein realistisches Bild von meiner Amtszeit, es sollte im Laufe der Zeit nichts verklärt oder dramatisiert werden und Höhen wie auch Tiefen umfassen.

Was hätten Sie als Bürgermeister selbst noch gern zu Ende gebracht?

Leider konnte ich doch nicht mehr den 15 000. Einwohner begrüßen, da fehlen noch einige. Und den Bebauungsplan für ein ganz neues Stadtgebiet an der Friedrich-Ebert-Wiese für die nächsten zehn bis 15 Jahre hätte ich noch gern mitgestaltet. Das ist für meinen Nachfolger sicher eine spannende, tolle Aufgabe, die ich aber allen, die daran mitwirken werden, gern gönne. Ansonsten bin ich sehr zufrieden, dass ich die Chance hatte, in einer der spannendsten Zeiten der jüngeren Geschichte Dinge mitgestalten zu dürfen. Das war auch eine riesige persönliche Chance, selbst wenn das Familienleben darunter manchmal gelitten hat.

Auf den Rückhalt der Familie haben Sie sich aber verlassen können?

Ich bin seit 36 Jahren verheiratet. Sowohl damals die Entscheidung, dass ich antrete, als auch voriges Jahr der Entschluss, nicht noch einmal zu kandidieren, hatte ich mit meiner Frau besprochen, beides wurde von ihr mitgetragen. Ohne ihre Unterstützung wäre vieles nicht möglich gewesen, auch dafür bin ich sehr dankbar.

Bleiben Sie politisch aktiv, und was wird aus Ihren Posten in verschiedenen Verbänden?

Mein Kreistagsmandat werde ich weiter wahrnehmen, ich bin ja gewählt. Die Aufgaben im ZV WALL, bei der KWL und im Zweckverband Parthenaue werde ich abgeben.

Was fangen Sie dann ab Sonnabend mit der vielen Freizeit an?

Ich lasse das auf mich zukommen, habe mir da bewusst noch nichts vorgenommen. Erst einmal will ich Abstand gewinnen und alles etwas entschleunigen. Langeweile wird nicht aufkommen, da viele Arbeiten an Haus und Hof mit der Aussicht auf den Ruhestand verschoben wurden. Vielleicht gibt es ja gelegentlich auch eine Liste meiner Frau mit den Tagesaufgaben für mich - (lacht)

Denken Sie daran, über die 25 Jahre Bürgermeister ein Buch zu schreiben, immerhin war das ja auch eine historisch nicht unbedeutende Zeit?

Ich bin kein Schriftsteller, habe darüber noch nicht nachgedacht. Ausschließen will ich so ein Vorhaben aber nicht.

Was wünschen Sie sich als nun bald ehemaliger Bürgermeister und einfacher Mitbürger für die Stadt Taucha?

Die Stadt möge sich auch künftig so entwickeln, dass man hier gern lebt und seine Zeit verbringt. Taucha soll weiterhin eine weltoffene, tolerante Kleinstadt bleiben, die auch von Leuten mit dem Blick von außen als sehr angenehm empfunden wird.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 23.07.2015
Olaf Barth

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