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Taucha Tauchaer Pflegefamilie sieht sich vom Jugendamt allein gelassen
Region Taucha Tauchaer Pflegefamilie sieht sich vom Jugendamt allein gelassen
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11:14 23.04.2017
Petra Rippold und Uwe Möckel haben ihre Pflegetochter ins Herz geschlossen und versuchen alles, um sie weiter betreuen zu können. Quelle: Olaf Barth
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Taucha

Mit einem regelrechten Hilferuf wandte sich der Tauchaer Uwe Möckel (48) an die LVZ. Er und seine Ehefrau Petra Rippold (47) suchen dringend einen Kindergartenplatz für ihre fast fünfjährige Pflegetochter Sophie (Name geändert). Gelänge dies nicht, käme das Kind, das sich gerade eingelebt habe und sehr wohl fühle, erneut in ein Heim. Das Ehepaar fühlt sich bei der Suche nach einer Lösung des Problems vom Jugendamt allein gelassen.Die Pflegeeltern wussten allerdings bis Freitagabend nicht, dass die Behörde den Abschied des Mädchens von seiner neuen Familie schon fest eingeplant hat.

„Vor gut einem Jahr erhielten wir vom Jugendamt einen Anruf, ob wir uns vorstellen könnten, wieder ein Kind aufzunehmen. In einem Heim gebe es ein Mädchen, das bräuchte für seine persönliche Entwicklung unbedingt eine Familie. Uns wurde dabei jegliche Hilfe zugesichert“, schildert Möckel den Beginn einer langen Geschichte. Gemeinsam mit seiner Ehefrau, mit der er seit 17 Jahren verheiratet ist, habe er sich das genau überlegt. „Wir hatten beide aus unserer ersten Beziehung jeweils zwei Kinder in die Ehe gebracht und groß gezogen, alle sind aus dem Haus. Jetzt haben wir in Leipzig ein Enkelkind in Sophies Alter. Und wir hatten schon einmal ein Pflegekind betreut.“

Die Entscheidung der registrierten Pflegeeltern fiel zugunsten der Anfrage aus dem Jugendamt aus. Nach ersten Gesprächen in der Behörde und in Abstimmung mit der Kindesmutter, bei der das Sorgerecht für Sophie liegt, begann mit Besuchen im Heim, mit Ausflügen, ersten Aufenthalten in Taucha die sogenannte Anbahnungsphase. „Es lief alles gut, deshalb haben wir am 27. Januar das Kind übernommen. Die Stadt Taucha fand für uns einen Kindergartenplatz. In der Einrichtung wurden wir auch sehr positiv aufgenommen“, schildert Möckel. Doch schon nach drei Wochen habe es erste Signale aus der Einrichtung gegeben, dass Sophie besser in einer integrativen Einrichtung untergebracht wäre. Das Mädchen würde wütend und bockig werden, andere Kinder schlagen. „Das stimmt, sie kriegt manchmal ihren Rappel. Aber sie kommt aus einem Heim, schleppt ihren seelischen Rucksack mit sich rum. Das gibt sich doch nach und nach, jedenfalls bei uns“, sagt der 47-Jährige. Er habe dennoch teilweise auch Verständnis für die Sorgen der Kita-Chefin.

Ohne entsprechendes ärztliches Gutachten hätte man aber keine Möglichkeit, einen der wenigen integrativen Kita-Plätze zu erhalten, erfuhr Möckel und sagt: „Mindestens ein Vierteljahr hätten wir auf einen Termin für ein psychologisches Gutachten warten müssen. Wir hatten Anfang April dafür alle Papiere zusammen, da bekamen wir aber per Mail die Kündigung für Sophies Kita-Platz zum Monatsende. Sie sei wieder auffällig geworden.“ Seitdem versucht das berufstätige Ehepaar einen anderen Kita-Platz zu finden. In Taucha sind die Einrichtungen voll, wurde den beiden im Rathaus mitgeteilt. Und das Jugendamt sehe sich nicht in der Lage, bei der Suche zu helfen, hieß es. „Das hat uns am meisten enttäuscht. Gerade ein Jugendamt muss hier doch im Sinne des Kindes helfen können. Statt dessen teilte man uns mit, wenn wir keinen Platz finden, kommt Sophie wieder ins Heim. Da zerbricht Sophie doch dran“, fürchtet der Pflegevater. Mit seiner Frau habe er die aufgeweckte Kleine schon lange ins Herz geschlossen. Inzwischen meldete sich eine Tagesmutter, erzählt Möckel. Sie würde übergangsweise das Kind mit betreuen. Dafür sei allerdings die Zustimmung des Jugendamtes nötig.

Die Behörde allerdings hat offenbar andere Pläne mit Sophie. Zunächst informierte sie auf LVZ-Anfrage, dass sie tatsächlich keine Möglichkeit habe, auf die Vergabepraxis von Kommunen und Trägern von Kindereinrichtungen Einfluss auszuüben, damit Kinder bevorzugt behandelt werden. Und auf die Frage, ob eine mögliche Einweisung Sophies in ein Heim vom Tisch sei, wenn die Pflegeeltern eine Betreuungsmöglichkeit finden, hieß es ganz klar: „Nein.“ Zur Begründung wurde mitgeteilt, dass sich „mittlerweile auch anderweitige Entwicklungen und Bedarfe (immer mit Blick auf das Kind) ergeben haben, die im Rahmen der bestehenden Vollzeitpflege nicht gedeckt werden können.“

Eine Nachfrage bei den Pflegeeltern gestern Abend ergab, dass sie von dieser Wendung der Geschichte noch nicht ins Bild gesetzt worden waren: „Das ist uns neu. Wir wissen aber seit einem Tag von der Kindesmutter, dass sie sich mit anwaltlicher Hilfe bemüht, Sophie zu sich zu holen. Aus unserer Sicht wäre das sogar die schönste Lösung, wenn das Mädchen zu ihrer Mutter könnte. Da würden wir die junge Frau auch unterstützen.“ Auch das Jugendamt hatte erklärt, dass „die Kindesmutter eine andere Form der Unterbringung favorisiert und beim Jugendamt erbeten hat“. Diesem Wunsch habe das Jugendamt vorrangig nachzukommen.

Wie es nun konkret mit Sophie weiter geht, wollte das Jugendamt aus Datenschutzgründen nicht mitteilen. Nordsachsens Sozial-Dezernentin Heike Schmidt erklärte aber das Vorgehen des Amtes: „Das vorrangigste Ziel ist immer, Eltern und Kind wieder zusammen zu führen. Eine solche Zusammenarbeit muss meistens auch immer mit den Pflegeeltern erfolgen, auch dass ist ein Ziel. Ein Jugendamt ist immer zuerst ein Unterstützer. Es handelt immer im Interesse der Kinder und der Eltern. Das kann auch für Pflegeeltern manchmal schwer verständlich sein, auch das verstehen wir.“

Von Olaf Barth

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