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Taucha Wilfried Herold übergibt seine Kinderarzt-Praxis
Region Taucha Wilfried Herold übergibt seine Kinderarzt-Praxis
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15:01 29.12.2018
Kinderarzt Wilfried Herold untersucht Susann Hellmichs Tochter Greta. Auch deren Schwestern Clara und Lotta (v. r.) gehören zu seinen Patienten. Quelle: Christian Modla
Taucha

Viele der einst von Herold behandelten kleinen Patienten sind inzwischen Eltern, manche sogar schon Großeltern und kommen noch immer in seine Praxis. Nun aber, um ihre Kinder oder Enkel untersuchen zu lassen. „Na wenn man schon mal die Vertrauensbasis hat, dann ist es keine Frage, auch mit den eigenen Kindern hierher zu kommen“, sagt Susann Hellmich. Die jetzt in Portitz wohnende ehemalige Tauchaerin war einst Herolds Patientin und lässt in seiner Praxis nun auch ihre Töchter Clara (6), Greta (3) und Lotta (18 Monate) behandeln. „Das Schöne ist, er hat immer ein offenes Ohr und nimmt sich Zeit für die Kinder und Nachfragen, egal, wie voll das Wartezimmer ist. Mit all seiner Erfahrung fühlen wir uns bei ihm gut aufgehoben, ich habe ihn auch noch nie mit schlechter Laune erlebt“, schätzt die 36-Jährige Herolds Art.

Beruf braucht Leidenschaft

Selbst an Wochenenden oder außerhalb der Sprechzeiten könne man sich in dringenden Fällen an ihn wenden. „Mir war das manchmal peinlich, ihn privat anzurufen, für ihn aber eine Selbstverständlichkeit. Schade, dass er aufhört, aber er hat sich den Ruhestand wohlverdient“, sagt die dreifache Mutter, die sich an den Gedanken, hier eines Tages nicht mehr Dr. Herold vorzufinden, noch nicht so recht gewöhnen kann.

„Für mich ist entscheidend, dass man seinen Beruf vertrauensvoll und mit Leidenschaft ausführt. Mir macht die Arbeit mit Kindern Spaß, es ist wie ein Hobby. Wenn man dann spürt, dass die Kinder das erwidern und mit einem Lachen die Praxis verlassen, ist das eine schöne Bestätigung. Das hat mich jung gehalten“, erzählt der Senior und fährt fort: „Das Schönste an meinem Beruf aber ist, wenn man in der Praxis oder bei Hausbesuchen miterleben darf, wie es schwer erkrankten Kindern nach und nach wieder besser geht.“

Er selbst ist „noch im 2. Weltkrieg“, vor fast 75 Jahren, in Borsdorf geboren worden und in Taucha aufgewachsen. „Ich bin ein Ur-Tauchaer“, so Herold. Nach seinem Medizinstudium in Leipzig absolvierte er in Naumburg eine Fachausbildung zum Kinderarzt und arbeitete dort acht Jahre. Als die Poliklinik Taucha für ihre Außenstelle An der Bürgerruhe einen Kinderarzt suchte, kehrte Herold in die Parthestadt zurück und übernahm an der Straßenbahnendstelle die Praxis. Dort arbeitete und wohnte er mit seiner Familie bis 2000. Es folgte 2001 der Umzug in die Leipziger Straße 41-43, sozusagen auf die andere Seite der Endstelle.

Rente hinausgeschoben

Am neuen Standort erlebte Herold seinen 65. Geburtstag, an dem er schon in den Ruhestand hätte gehen können. Doch weit gefehlt. Neun Jahre hatte er da in den neuen Räumen praktiziert, für ihn eine viel zu kurze Zeit, um das schon wieder aufzugeben. „So eine schöne Praxis mit Empfang, Behandlungszimmer, drei Wartezimmern und einem Infektionsraum, in dem wir Kinder bei Verdacht auf ansteckende Krankheiten untersuchen konnten - das alles wollte ich so schnell nicht aufgeben. Man ist so alt, wie man sich fühlt“, erklärt der künftige Ruheständler.

Mehr als moderne Technik seien ihm für die Diagnose immer die Befragung der Patienten und ihrer Eltern wichtig gewesen. Bei der Untersuchung blieben für Herold Stetoskop, Otoskop und Spatel (Mund auf, Zunge raus …) über all die Jahrzehnte die drei wichtigsten Instrumente. „Wurde etwas festgestellt, bei dem man selbst nicht weiterkommt, habe ich die Kinder natürlich an Spezialisten überwiesen“, sagt Herold. Dass es manchmal mit den vollen Wartezimmern für alle Beteiligten nicht immer einfach ist, sei ihm bewusst. „Außer mir gibt es noch eine Kollegin in Taucha, aber die Stadt könnte durchaus drei Kinderärzte gebrauchen. Die Kassenärztliche Vereinigung meint allerdings, dass wir überversorgt sind, was nicht stimmt. Es gibt Zuzüge und viele geburtenstarke Jahrgänge, das wird ignoriert“, findet Herold klare Worte zum Stand der medizinischen Versorgung

Zuverlässiges Team an der Seite

Dass er so lange mit Freude seinen Beruf ausübte, habe auch etwas mit seinen Mitarbeitern zu tun. „Ich bin froh und dankbar, dass ich mich immer auf ein gut eingespieltes Praxisteam verlassen konnte, das fachlich versiert sowie geduldig und liebevoll zu den Kindern war“, blickt Herold zurück und ist sich sicher, dass das auch künftig so bleibt. Als „gute Seele der Praxis“ stand ihm in all den Jahren seine Ehefrau und Sprechstundenhilfe Christina (70) zur Seite. Auch sie hört nun auf. Im Jahr 2022 wollen sie Goldene Hochzeit feiern. Tochter Susanne (37) bleibt der Praxis als Arzthelferin erhalten. Auch ihre Kolleginnen werden von Herolds Nachfolger übernommen. Die gelernte Kinderkrankenschwester Birgit Veit (58) ist schon seit 21 Jahren dabei. Sie habe sich mit viel Einsatz große Verdienste mit der Organisation in der Praxis erworben, sagt Herold. An der Rezeption begrüßt weiterhin Cornelia Flachsel (60) die Patienten.

Über das künftige Leben als Rentner habe er noch nicht so viel nachgedacht, dennoch schon einige Vorstellungen. „Sicher haben wir dann mehr Zeit für unser Enkelkind. Den Garten möchte ich umgestalten und mehr Fahrrad fahren, um auch im Alter sportlich fit zu bleiben“, nennt Herold einige Vorhaben. Auch eine Kreuzfahrt in den Süden, die Besuche von mehr Kulturveranstaltungen sowie hin und wieder das Anschauen eines Bundesliga-Spiels in Leipzig stehen auf der Aktivitäten-Liste des langjährigen Chemie-Fans. Fußball habe ihn schon immer interessiert, denn während des Studiums habe er an der Uni den Studenten Bernd Bauchspieß kennengelernt, den legendären Mittelstürmer von Chemie Leipzig. „Ich erinnere mich noch gut an die Meisterschaft 1964 und gucke auch heute noch, wie die Leutzscher gespielt haben“, so Herold. Nach seinen Wünschen für die Zukunft befragt, denkt Herold sofort wieder an die Kinder. „Ich wünschte mir für sie mehr Verkehrssicherheit auf den Straßen, viele sind ja mit dem Rad unterwegs. Und ich wünsche mir, dass Kinder in intakten Familien aufwachsen und sich die unterschiedlichen Generationen gut verstehen und gegenseitig helfen.“

Letzter Arbeitstag am 11. Januar

Seit gut zwei Jahren bereitet Herold die Praxis-Übergabe vor. Suchen musste er nicht, denn es hatte sich herumgesprochen, dass in einer gut gehenden Praxis in Taucha der Doktor bald in Ruhestand geht. „Die Interessenten hatten sich bei mir gemeldet. Wichtig war mir neben der fachlichen Kompetenz die Übernahme des Personals und eine freundliche Art des Umgangs mit Kindern. Mein Nachfolger muss zu den Patienten passen“, erklärt Herold seine Auswahlkriterien.

Mit dem Mediziner Christoph Eymann habe er seinen Wunschkandidaten gefunden. Der 41-jährige Röthaer praktiziert zurzeit im Medizinischen Versorgungszentrum Böhlen. „Er bringt Erfahrung mit, kann hier aber auch noch locker 20 Jahre dran hängen“, sieht Herold die Praxis auch künftig gesichert und in guten Händen. Ab 14. Januar wird sein Nachfolger die Patienten empfangen. Herolds letzter Arbeitstag ist der 11. Januar. Gefeiert werde nicht, ein normaler Tag mit Sprechzeit soll es werden. Er wolle kein großes Aufheben machen, sagt der scheidende Kinderarzt.

Von Olaf Barth

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