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200 Quadratmeter Borsdorfer Geschichte(n) in einem einzigen Raum

750-jähriges Bestehen 200 Quadratmeter Borsdorfer Geschichte(n) in einem einzigen Raum

Heute auf den Tag vor 750 Jahren, am 26. Juli 1267, wurde Borsdorph erstmals in einer Urkunde erwähnt. Darin trat ein Edler von Friedeburg das Dorf an seinen jüngeren Bruder ab, der es kurze Zeit später an Bischof Friedrich von Merseburg verkaufte. Vom 1. bis 10. September feiert Borsdorf die Ersterwähnung mit einer Festwoche.

Das Heimatmuseum im ehemaligen Hirtenhaus, dem ältesten Haus im Dorf, öffnet jeden Freitagnachmittag für Besucher seine Türen.

Quelle: Ines Alekowa

Borsdorf.

Die Urkunde mit der Ersterwähnung Borsdorfs 1267

Die Urkunde mit der Ersterwähnung Borsdorfs 1267.

Quelle: Ines Alekowa

Wer hier, wie in vielen Dorfmuseen üblich, eine Sammlung bäuerlicher Geräte erwartet, wird angenehm enttäuscht. Gegenständliches macht nur einen kleinen Teil des Museums aus. Dafür ist auf circa 500 Tafeln, Gesamtfläche 200 Quadratmeter, akribisch die Geschichte des Ortes aufgezeichnet. Platzsparend eben. Denn das kleine Haus in der Leipziger Straße 5, das älteste im Ort, hat nicht viel davon – da wird eine Vitrine auch schon mal im Sanitärraum aufgestellt. Das Hirtenhaus wird im November 1627 im Beuchaer Sterberegister erwähnt. Die Parthe, nur wenige Meter entfernt, der ihr Bett oft genug zu eng wurde, hat dessen Lehmwellerwände dank des leicht abfallenden Geländes immer verschont. „Es fehlten immer nur wenige Zentimeter“, erzählt Eckelt. Nach der Wende wurde das Gemeindeobjekt mit Fördermitteln instand gesetzt und 1996 an den im Jahr zuvor gegründeten Heimatverein zur kostenfreien Nutzung übergeben. Drei Jahre gab Eckelt hier auch mal den Vorsitzenden. „Aber ich bin nicht so der Vereinsmeier“, bekennt er. Er widme sich lieber „seinem“ Museum.

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Museumsleiter Christoph Eckelt hat mit seinen ehrenamtlichen Mitarbeitern auf 500 Tafeln Borsdorfer Geschichte und Geschichten zusammengetragen. Zu sehen sind sie im Heimatmuseum im ehemaligen Hirtenhaus in der Leipziger Straße 5. Es ist das älteste Haus im Ort. Hier wird auch eine Kopie der Urkunde aufbewahrt, in der Borsdorf am 26.7.1267 das erste Mal erwähnt wird.

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Bahnstrecke Leipzig–Dresden bringt den Aufschwung

Für dieses wird seitdem fleißig Material gesammelt, und mit jedem Stück wächst das Wissen über die Geschichte. „Borsdorf hat eine ganz besondere Entwicklung genommen“, weiß Eckelt und erklärt dies mit dessen Nähe zu Leipzig und Lage an der Ferneisenbahn Leipzig – Dresden. Borsdorf war 1838 eine der ersten Stationen. „Dem Ankommenden ... bot sich ein idyllischer Ausblick. Kein Haus weit und breit, nur Wiesen und Felder und vereinzelte Flurgehölze. Rechter Hand die Reste der einstigen Auenwälder mit mächtigen Buchen und Eichen, geradeaus Zweenfurth mit seinem malerischen Kirchturm, links Brandis, wo der Grundherr in seinem Schloss residierte, und der Kohlenberg, die höchste Erhebung in der Leipziger Tieflandsbucht“, schreibt Eckelt in der 2007 von Harro Gehse und ihm verfassten Chronik, von der übrigens noch ein paar Exemplare auf neugierige Leser warten. 1871, da hatte Borsdorf gerade mal 118 Einwohner, gründeten mit dem Schub des gewonnenen Krieges findige Bodenspekulanten die Leipzig-Borsdorfer Baugesellschaft, luchsten den Bauern ihre Güter ab, parzellierten das Gelände, legten ein Wegenetz an und verkauften die Grundstücke mit ordentlichem Gewinn. „In der Landhauskolonie siedelten sich wohlhabende Leipziger, wie Theaterbesitzer Max Staegemann, an, die im Sommer in ihren Villen entspannt das Landleben genossen und im Winter die Kultur in Leipzig“, erzählt Eckelt. Ziegelei und Sägewerk kamen hinzu und machten Borsdorf zum Gewerbestandort. Der Ort explodierte förmlich: 1880 waren es schon 429 Einwohner, 1900 bereits 1682 und heute 8200.

Borsdorfer Industrie erwachte 1871

Apropos Industrie. Eckelt blättert kurz, schon hat er es schwarz auf weiß. Schule, Feste, Trabrennbahn, Völkerschlacht, Schreberverein, Borsdorfer Apfel, Kirche, Sport, die Hebamme Hede Hering, die 5000 Kindern auf die Welt half. Es gibt nichts, was er nicht auf Papier und hinter Glas gebracht hat. Man könnte Stunden schmökern... „Lorenz Uhlmann, Eckhard Uhlig, Olaf Beyer, Detlef Kupfer, Michael Peukert und Brigitte Lepschy, alles ehrenamtliche Mitarbeiter, haben in diversen Archiven etliche Dokumente ausgegraben, die Kopien füllen meterweise Ordner, und vieles harrt noch seiner Aufarbeitung“, verdeutlicht Eckelt die Fleißarbeit hinter der Ausstellung. Bei der Tafel-Lösung – „unser Anliegen ist, das Material sichtbar zu machen“ – kommt der Techniker durch: Eckelt ist gelernter Elektro-Ingenieur. Die Wendewirren verschlugen den Leipziger auf eine ABM-Stelle in seinen Geburtsort Borsdorf, wo ihn der damalige Bürgermeister Peter Pfützner bald zum Kulturamtschef machte – und Eckelt seiner heimlichen Leidenschaft nachgehen konnte: in Stadtgeschichte(n) graben. Die wurde schon 1980 mit einer alten Postkarte von Borsdorf geweckt. Er begann zu sammeln, die Vielschreiber sind ihm bald vertraut. Als er die Sammlung 1988 erstmals im Rathaussaal öffentlich ausstellt, haben vor allem ältere Leute ihre helle Freude.„Mittlerweile sind es 450 Karten geworden“, sagt er. Die älteste stammt von 1896 und ist mit „Deinem treuen Ernst“ unterschrieben.

In einer Vitrine zeigt das Museum die Büste von Heinrich Anton Kretschmann, die Schenkung eines Nachfahren des Industriellen

In einer Vitrine zeigt das Museum die Büste von Heinrich Anton Kretschmann, die Schenkung eines Nachfahren des Industriellen.

Quelle: Ines Alekowa

Überhaupt lässt man Eckelt am besten erzählen: „...da gibt es auch eine Geschichte dazu“, fängt er ein ums andere Mal an. Zum Beispiel zu Heinrich Anton Kretschmann (1844-1912), dessen Verblendsteinwerke bis 1908 die für Borsdorf so typischen bunten Ziegel produzierten. Als nach der Wende die Liebknechtstraße dessen Namen erhielt, meldet sich, erfreut über die Ehrung, wenige Tage darauf ein Nachfahre Kretschmanns im Rathaus. „Er hat uns eine Menge Material gegeben und sogar diese Büste geschenkt“, zeigt Eckelt in die Vitrine.

Sonderöffnungszeiten zur Borsdorfer Festwoche

Wenn Eckelt und seine Mitarbeiter Freitagnachmittag da sind, dann steht die Tür des Museums einladend offen – Eintritt frei. Nicht selten melden sich aber auch Teilnehmer von Klassentreffen oder Familienfeiern an, die zwischen Kaffee und Abendbrot mal auf andere Art in Erinnerungen schwelgen wollen. Zur Festwoche gibt es Sonderöffnungszeiten, um Besucher anzulocken. „Denn so eine Ausstellung werden Sie im Umkreis nicht noch einmal finden“, sagen Eckelt und seine Mitstreiter stolz.

Von Ines Alekowa

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