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Wurzen 70-Jährige hat 250 Euro im Monat zum Leben
Region Wurzen 70-Jährige hat 250 Euro im Monat zum Leben
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00:17 24.07.2018
Einst lebte sie im Eigenheim mit Pool und großem Garten, heute kann sie sich keinen Eisbecher mehr leisten: Karin M. aus dem Landkreis Leipzig. Quelle: Thomas Kube
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Landkreis Leipzig

Karin M. (vollständiger Name der Redaktion bekannt) lebte einst richtig gut. Verheiratet, mit eigenem Haus, überdachtem Swimmingpool, schönen Urlaubsreisen. Das Geld dafür stammte aus einer gut gehenden Handwerksfirma, die sie gemeinsam mit ihrem damaligen Mann kurz nach der Wende gegründet hatte. Doch dann stürzte in wenigen Monaten ihr schönes Leben zusammen.

Scheidung und Insolvenz des Unternehmens brachten für sie den finanziellen Ruin. Denn es handelte sich um eine verschleppte Insolvenz, zu spät gemeldet, wie sie sagt. Ein Schuldenberg musste abgegolten werden. In diesem Fall dürfe der Insolvenzverwalter so ziemlich alles verkaufen. Autos, Mobiliar, Schmuck. Und das Eigenheim, dabei hatte sie es bis auf wenige Raten beinahe abgezahlt. Sie musste innerhalb kurzer Zeit ausziehen. Das Problem war nun: fehlendes Geld.

Um Rente und Absicherung kümmerte sie sich damals wenig

Die heute 70-Jährige hatte einst Verkäuferin gelernt und als Verkaufsstellenleiterin gearbeitet. Sie kam gut mit Zahlen und Organisation zurecht und nutzte das Wissen viele Jahre im Büro der gemeinsamen Firma – als mithelfende Ehefrau. Um Rente und Absicherung im Alter kümmerte sie sich damals wenig. „Man denkt ja dann schnell – ach, die Kosten können wir uns doch jetzt sparen“, sagt sie. Ein folgenreicher Fehler, wie sie heute weiß.

Das bedeutete nämlich, dass sie jetzt 560 Euro Rente hat. „Ich hab’ für das Geld keine passende Wohnung gefunden“, erinnert sie sich an den Herbst 2014. Ja, sie wollte auch nicht irgendwohin ziehen, räumt sie ein, „ich wollte es schon ein bisschen schön haben, aber das war alles zu teuer“. Außerdem hat sie noch drei kleine Hunde. Zwei Shih Tzu und einen Mischling. „Ich habe sie vor zwölf Jahren als Welpen bekommen und bringe es nicht übers Herz, sie ins Tierheim zu schaffen.“

Im Garten im Zelt und Wohnanhänger gelebt

Hinzu kam, dass sie bis heute verschuldet ist. Das erschwere die Wohnungssuche zusätzlich. Warum sie keine Privatinsolvenz angemeldet hat, bei der sie nach sechs Jahren schuldenfrei ist? „Das will ich nicht auch noch“, antwortet sie.

Sie zog damals in ihren Garten. Zunächst in ein Zelt, weil der geräumige Wohnanhänger zwei Wochen später kam. Unglücklicherweise regnete es in dieser Zeit Bindfäden, „das war ganz schlimm in diesem Zelt“. Ihre Tochter habe sie unterstützt, sei mit dageblieben. Von den einst vielen Freunden waren auf einmal nur noch zwei Freundinnen übrig, die ihr ebenfalls halfen. „Was eine Freundschaft wert ist, merkt man erst, wenn es einem so schlecht geht“, sagt sie.

Immer noch verschuldet: Wohnungssuche schwierig

Mit dem Wohnanhänger fühlte sie sich dann einigermaßen wohl, obwohl es weder Wasser- noch Stromanschluss gab. Vom Luxus war sie weit entfernt. Trotzdem habe sie das autarke Leben genossen. Sie wollte für sich sein, all das Vergangene hinter sich lassen. Doch dies währte nur wenige Monate. Grund: Es verstößt in Deutschland gegen geltendes Recht, so zu wohnen.

Karin M. (70) kann sie sich gerade so eine kleine Mietwohnung leisten. Quelle: Thomas Kube

Auf Anraten der Caritas-Mitarbeiterin fragte sie nach staatlicher Unterstützung, was sie eigentlich mit der Garten-Variante vermeiden wollte, „man kommt sich wie ein Bittsteller vor, das ist unangenehm“. Im Amt erfuhr sie, dass diese Wohnung zu groß und zu teuer ist und dass sie sich auch die Hunde nicht leisten kann.

Beim Einkauf wählt sie ausschließlich billige Angebote

„Mich hat die Art und Weise, wie mir das die Mitarbeiterin gesagt hat, so geärgert und verletzt, dass ich dort ausgeflippt bin“, erzählt sie. „Das war völlig falsch und unangebracht, aber ich konnte irgendwie nicht anders.“ Sie habe sich gesagt, „dass ich doch jahrelang mit der Firma so hohe Steuern gezahlt und noch nie einen Euro verlangt habe“. Ihr sei klar, dass es exakte Vorschriften geben müsse, aber in dem Moment fühlte sie sich irgendwie vom Leben insgesamt ungerecht behandelt.

Heute erhält sie jeden Monat 181 Euro Unterstützung für die Wohnung. 35 Euro Strom und 20 Euro Telefon kommen hinzu. Zum Leben würden ihr pro Monat rund 250 Euro bleiben. „Ich kann mir keine Extras leisten“, sagt Karin M. Bevor sie einkaufen geht, schaut sie sich Werbeprospekte an und nimmt, was im Angebot ist. Fleisch gibt es selten, „das ist zu teuer, aber das ist nicht schlimm, ich bin kein großer Fleischesser“.

Kino und S-Bahn-Fahrt nach Leipzig kann sie sich nicht leisten

Was sie wirklich schmerzt: „Ich kann nicht mehr ins Kino oder Theater gehen oder einfach mal nach Leipzig fahren und einen Eisbecher essen, dafür reicht es nicht. Eine Fahrt mit der S-Bahn kostet 4,60 Euro. Hin und zurück sind das 9,20 Euro, das sind zwei Tage Leben.“

Zwar versuche sie, hin und wieder mal fünf oder zehn Euro beiseite zu legen, „aber dann ist wieder irgend was und ich brauche das Geld“. Sehr teuer sei das Hundefutter, aber das müsse eben sein, sagt sie und streichelt einen der kleinen Shih Tzu, der ihr um die Füße wuselt.

Von Claudia Carell

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