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Wurzen Abriss einer Geisterstadt
Region Wurzen Abriss einer Geisterstadt
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14:08 19.05.2015

Seitdem die letzten sowjetischen Soldate am 30. Juni 1992 ihre Koffer packten, liegen große Teil des Areals brach. Unmittelbar nach dem Abzug hätten sich die Stadtväter noch vorstellen können, Plattenbauten, in denen Offiziere mit ihren Familien wohnten, weiter zu nutzen. Doch inzwischen sind die Fünfgeschosser reif für die Abrissbirne.

Im Schutz des Kiefernwaldes hatte die Wehrmacht Anfang der 1930er Jahre den Fliegerhorst Brandis errichtet. Zu DDR-Zeiten entwickelte sich dann eine regelrechte Mini-Stadt 20 Kilometer östlich von Leipzig. Bis zu 5000 Leute zählte die Ansiedlung. Es gab alles, was nötig war: Schule, Lazarett, Bahnhof, Feuerwehr, Offizierscasino, Küche samt riesigem Speisesaal und nicht zu vergessen: die Villa des Kommandanten. Mehrere Neubaublöcke stampften die Sowjets noch in den 1980er Jahren aus dem Boden. Inzwischen ist alles von Birken und Gestrüpp umrankt. Ein Stadtteil im Grünen, der so manchem kurz nach der Wende vorschwebte, wird in diesen Tagen endgültig zu den Akten gelegt. Die Arbeit besorgen riesige Bagger.

Krachend brechen Wände ein, geben Giebel und Häuserfronten nach. Wer sich über die Baustraße den Weg zu den einstigen Mannschaftsunterkünften bahnt, staunt, wie geordnet der Abriss vonstatten geht. Mag es seit dem Armee-Abzug mit Paintballspielern, Metalldieben, Autorennen und illegalen Müllablagerungen wild zugegangen sein - wenigstens beim Abbruch hat jetzt alles seine Ordnung.

Den Auftrag, weite Teile der Mini-Stadt platt zu machen, erhielt die Firma Caruso aus Großpösna. "Schreiben Sie bitte nicht Abriss, sondern Abbruch", klärt Geschäftsführerin Dagmar Caruso auf. Das sei ein großer Unterschied, so die Unternehmerin, die auch dem Abbruchverband Sachsen/Sachsen-Anhalt vorsteht. Die deutschlandweit tätige Firma ist auf knifflige Aufgaben spezialisiert. So beförderte Caruso schon das Doppel-M der Leipziger Messe ins Jenseits. "Aktuell befreien wir den Kulturpalast in Dresden von seinem Innenleben", so die Chefin. Auch in Waldpolenz wartet eine Herausforderung auf ihre Mitarbeiter. "Mehrere Keller", erläutert Bauleiter Uwe Schmidt beim Blick auf die Karten, "müssen für Fledermäuse erhalten bleiben - aus Naturschutzgründen." Die schwere Technik kann schon deshalb nicht hausen wie die Axt im Walde. "Wir können die Keller nicht ohne weiteres befahren, da sie sonst einbrechen würden", erklärt Dagmar Caruso. Wenige Meter weiter hat deshalb der Neue in der Riege des Abbruchunternehmens Aufstellung genommen. "Ein Langfrontbagger 349 mit extra langem Ausleger." Der Bagger erlebte in Waldpolenz seine Taufe, beißt hier das erste Mal ins Mauerwerk. Er kann seinen Arm extrem weit ausfahren und so von der Seite her die Ruinen anknabbern.

Begonnen haben die Abbrucharbeiten vor einigen Tagen. Als erstes geht es drei Mannschaftsunterkünften im nördlichen Teil nahe der Straße Richtung Zeititz an den Kragen. Früher Domizil für bis zu 200 Soldaten, verschwinden die massiven Gebäude jetzt Stockwerk für Stockwerk von der Bildfläche.

"Die Häuser, die wir jetzt abreißen, sind mit die ältesten auf dem Gelände. Sie stammen noch aus Zeiten der Wehrmacht", hat sich Uwe Schmidt schlau gemacht. Graffitis an den Wänden zeugen von ungebetenen Besuchern, die sich in jüngster Zeit von der Abgeschiedenheit des Areals angezogen fühlten. Auch ihre Werke werden mit der russischen Mini-Stadt zu Staub. Wenige Meter weiter kann man einen letzten Blick in die Quartiere der Soldaten riskieren. Die letzten Bewohner haben nichts hinterlassen. Beim Abzug sollen selbst Heizungen und anderes Inventar von den Militärangehörigen ausgebaut worden sein.

In den vergangenen Jahren dienten die Ruinen Feuerwehr oder Katastrophenschützern zu Übungszwecken. Trümmerhunde des Technischen Hilfswerks trainierten hier die Bergung von Verschütteten. Im Auftrag der Staatsanwaltschaft wurde in einem der WBS-70-Bauten sogar gezündelt und durch Sachverständige ein Wohnungsbrand simuliert. Auch die sächsische Polizei war dankbar für eine ganze Stadt zum Üben: Das SEK seilte sich auf Hausdächer ab und trainierte das Verhalten bei Amokläufen, die Bereitschaftspolizei testete ihre Wasserwerfer.

Wo Planer und Denkmalschutz grünes Licht gaben, setzt der Bagger nun unbarmherzig die Zange an. Eine Staubfahne weht von einem einstigen Mehrgeschosser herüber. Fenster, Türen, Fußbodenbeläge wurden zuvor von den Caruso-Männern teilweise in Schutzkleidung entnommen. Auch beim Abbruch wird penibel sortiert - wenn es sein muss, per Hand.

Überall in Waldpolenz ist die Natur auf dem Vormarsch. Und das Tempo der Abbrucharbeiten bestimmt ein zartes und tagscheues Wesen - die Fledermaus. "Bis September kümmern wir uns um die Gebäude, deren Keller als Unterschlupf für die sensiblen Tiere erhalten bleiben müssen", klärt Lutz Knüpfer von der örtlichen Bauüberwachung auf. Von November bis Februar geht es dann den anderen Objekten, unter anderem Kommandantenvilla, Küche und Casino an den Kragen. "Die Stadt Brandis wird demnächst den Auftrag für den Abriss der drei Fünfgeschosser vergeben", kündigt Amtsleiter Robert Kröber an. Danach soll das Gelände endgültig wieder zu dem werden, was es mal war: Wald.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.08.2014
Simone Prenzel

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