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Afghanischer Händler gastierte vorm Nerchauer Bürgerzentrum

Afghanischer Händler gastierte vorm Nerchauer Bürgerzentrum


Nerchau. „Die sächsischen Marktschreier kommen“ – so stand es auf den Plakaten. Doch nicht alle Händler bewiesen gestern in Nerchau ein solch lautes Organ wie Original-Käse-Günni.

. Abdul-Gafar Ahmadi etwa mochte es alles andere als marktschreierisch. Der 43-jährige Vertreter der eher leisen Zunft bot Uhren, Batterien und Wecker feil. Da er aus Afghanistan stammt, hatte er auch einige Informationen aus der Heimat auf Lager.

Er steckte sich eine Zigarette an und begann zu erzählen. Von einer wunderbaren Kindheit in einem armen, aber friedlichen und gastfreundlichen Land – ohne Waffen, Selbstmordattentate und fremde Truppen: „In Kabul besuchte ich die Schule, ging zum Fußballtraining, wollte so gern Journalist werden ...“ Die heile Welt hielt nicht lange. Als er noch ein halbes Kind war, sei der Bruder verhaftet und im Gefängnis umgebracht worden. Es tobte ein Stellvertreterkrieg zwischen sowjetischer Besatzungsmacht und den von den USA, Saudi-Arabien und Pakistan unterstützten Mudschaheddin. Diese übernahmen schließlich die Macht, bekriegten sich wenig später gegenseitig, bis 1995 die Taliban das Land eroberten.

„Moment, bitte“, entschuldigte sich Ahmadi und widmete sich einem Nerchauer, der eine Taschenlampe kaufen wollte. Der Afghane zündete sich wieder eine Kippe an, blauer Rauch stieg auf. „Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja.“ Nein, mit Krieg hatte er nichts am Hut, floh wie Millionen seiner Landsleute ins Ausland. Seitdem ist er Sachsen-Anhalter mit Frau und zwei Kindern. Und einem „Kamel“, wie er den Kleinbus nennt, mit dem er seit 1991 wie ein Nomade von Markt zu Markt zieht.

„Radikal-islamische Taliban“ – die Wortschöpfung des Westens gefällt ihm nicht: „Die etwa 20 000 rückschrittlichen Taliban missbrauchen den Islam für ihre Zwecke. Sie töteten Frauen und unschuldige Leute. Damit zieht eine absolute Minderheit unsere offene, friedliebende Religion in den Dreck.“ Der Marktschreier ist bekennender Moslem. Natürlich könne er hier zu Lande nicht fünf mal täglich beten. Aber so es sich ergibt, laufe er zu seinem „Kamel“ und finde dort etwas Ruhe.

11. September 2001, Osama bin Laden, Drogen, USA-Invasion, Uno-Mandat, Präsident Hamid Karsai – eine Nerchauerin fragte nach dem Preis für den Wecker. Wieder stieg blauer Rauch auf. „Afghanistan ist reich an Bodenschätzen. Die Nähe zu Russland, Turkmenistan und zum Iran macht das Herz Asiens auch strategisch interessant.“ Er wünsche sich so sehr Frieden für sein geschundenes Land, das mit seinen 25 Millionen Einwohnern fast doppelt so groß sei wie die Bundesrepublik, sagte der Marktschreier: „Seit so vielen Jahren ist Krieg. Vielleicht sollte das Geld nicht in immer modernere Waffen gesteckt werden, sondern in den Aufbau. Denn bis jetzt ist bei den einfachen Menschen nur sehr wenig angekommen. Sicher, eine Utopie.“

Haig Latchinian

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