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Als das Märchenschloss zum Gefängnis wurde

Als das Märchenschloss zum Gefängnis wurde

Was wird dem damals elfjährigen Claus-Dietrich Seligmann am 9. November 1938 durch den Kopf gegangen sein? Es war jener Abend, als in Deutschland die Synagogen brannten.

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Die Zeichnung, die Claus-Dietrich Seligmann mit Buntstiften zu Papier brachte, erinnert an ein Märchenschloss.

Quelle: Privat

Wurzen. Auch vor dem Haus der Seligmanns in der Wurzener Domgasse 19 versammelte sich trotz Regens eine Menschenmenge. Schreie waren zu hören, Scheiben gingen jedoch nicht zu Bruch. Wie andere jüdische Männer wurde in dieser Nacht auch Claus-Dietrichs Vater Arthur verhaftet und im Seitenflügel des Schlosses eingesperrt. In jenem Gemäuer, das der Junge zuvor mit Buntstiften zu Papier brachte.

Am Sonnabend, 11 Uhr, verlegen Wurzener Bürger vier Stolpersteine am ehemaligen Wohnhaus der Familie Seligmann. Gabi Kirsten, Ulrike Ernst, Cornelia Hanspach und Ingo Stange, die Initiatoren, haben zur Gedenkveranstaltung auch Veronica Russel und deren Mann David eingeladen. Die Engländer reisen extra an, werden bereits morgen auf dem Leipziger Flughafen erwartet. Veronica Russel ist eine Tochter von Claus-Dietrich Seligmann, dem 1939 mit damals zwölf Jahren die Flucht nach England gelang. Er studierte, ging 1963 nach Seattle/USA und lehrte an der dortigen Universität als Professor für Architektur. Er starb 2014 mit 87 Jahren, hinterließ vier Kinder, sechs Enkel und eine Urenkelin. Veronika Russel unterstützte die Wurzener "Projektgruppe Stolpersteine" mit Informationen, Fotos und eben jener Kinderzeichnung ihres Vaters.

Während Claus-Dietrich in der Nacht des 9. November 1938 zusammen mit seiner jüngeren Schwester Gisela bei Nachbarn unterkam, wurde sein Vater ins Konzentrationslager (KZ) Sachsenhausen deportiert.

Arthur Seligmann war ein in Wurzen beliebter Allgemeinmediziner mit eigener Praxis, und er verstärkte den Wurzener Schützenverein. Er, seine Frau Susanne und beide Kinder gehörten zur Evangelisch-Lutherischen Gemeinde. Im Dom wurden Claus-Dietrich und Gisela getauft.

Seit 2012 wurden in Wurzen 15 Stolpersteine ins Pflaster eingelassen - in Erinnerung an die Familien Helft, Luchtenstein und Goldschmidt. Ab Sonnabend sollen Passanten auch in der Domgasse zumindest gedanklich über solche Pflastersteine stolpern. Oberbürgermeister Jörg Röglin (parteilos) unterbricht seinen Urlaub, um genau wie der ehemalige Superintendent Horst Schulze zu den Anwesenden zu sprechen.

Sicher wird Ehrenbürger Schulze auch an Pfarrer Carl Magirius erinnern, der sich selbst gefährdete, indem er jüdischen Gemeindemitgliedern half. Er war es auch, der die Flucht von Claus-Dietrich Seligmann unterstützte. Dem Jungen folgten damals auch Mutter und Schwester in Richtung England. Der aus dem KZ Sachsenhausen entlassene Vater Arthur Seligmann erreichte 1939 Liverpool. Vorausgegangen war eine Odyssee über Ecuador und Chile. Seine Frau Susanne fand als Dolmetscherin bei der BBC Beschäftigung, er arbeitete bis zu seinem Tod 1962 als Arzt. Tochter Gisela war ebenfalls Ärztin. Sie ist 86 Jahre und lebt in der Nähe von London.

Nach der Feierstunde in der Domgasse werden die Projektmitglieder die englischen Gäste zum Alten Rathaus begleiten, wo diese sich ins Goldene Buch der Stadt eintragen. Doch zuvor werden wohl alle noch einmal gemeinsam einen Blick auf das Wurzener Schloss richten. Auf jenen geschichtsträchtigen Bau, den der spätere Architektur-Professor Claus-Dietrich als Kind malte - damals so bunt, als wäre es ein Märchenschloss.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 06.08.2015
Haig Latchinian

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