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Wurzen Am Volkstrauertag: Wurzener gedenken der Weltkriegstoten
Region Wurzen Am Volkstrauertag: Wurzener gedenken der Weltkriegstoten
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19:53 09.11.2018
Zeremonieller Akt: Jürgen Schmidt (von rechts) entnimmt im Beisein des Bürgermeisters von Mametz, Stephane Brunel, dem kleinen Raffael aus Mametz sowie Elke Ibing aus Warstein und Claude Roussez aus St. Pol die Erde. Quelle: Reinhold Großelohmann
Wurzen

 Wenn am 11. 11., 11.11 Uhr, die Konfettikanone los ballert, jährt sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal. Der Wurzener Geschichts- und Altstadtverein will kein Spielverderber sein. Er überlässt dem närrischen Volk das Feld kampflos. Während also am Sonntag im Muldental der Startschuss für die fünfte Jahreszeit fällt, gedenkt Wurzen eine Woche später ganz offiziell der zig Millionen von Weltkriegstoten.

Gottesdienst in der Wenceslaikirche von Wurzen

Am Volkstrauertag wird zunächst um 10 Uhr ein Gottesdienst in der Wenceslaikirche abgehalten. 11.30 Uhr beginnt am Gefallenendenkmal auf dem Alten Friedhof die eigentliche Andacht. Pfarrer Alexander Wieckowski gibt einen geistlichen Impuls, Oberbürgermeister Jörg Röglin spricht das offizielle Totengedenken, Wolfgang Ebert vom Altstadtverein würdigt die geschichtliche Dimension des Denkmals.

Auf dem Wurzener Friedhof erinnern Denkmale an die Gefallenen im ersten Weltkrieg.

Perversität des Völkerschlachtens

Die zeitliche Verzögerung des Gedenkens um eine Woche ist nicht unbegründet. Was kaum einer weiß: Jener 11. November 1918 gilt nicht nur als Ende des Ersten Weltkrieges. Das Datum steht gleichsam für die Perversität des Völkerschlachtens: So wurde der Waffenstillstand zwar morgens, 5 Uhr, besiegelt. Doch hielten es Einzelne für poetischer, die Waffen erst sechs Stunden später schweigen zu lassen – in der 11. Stunde des 11. Tages des 11. Monats. Mit der prosaischen Konsequenz, dass allein um des hübschen Zeitpunkts willen weitere Soldaten massakriert wurden.

Gedenken in Wurzen stärker als andernorts

In Wurzen ist das Gedenken traditionell stärker als andernorts. In jener Stadt, in der wohl einer der ersten Weltkriegstoten überhaupt zu beklagen war: Am 3. August 1914 erklärte Deutschland den Franzosen den Krieg. Nur zwei Tage später verunglückte der in Wurzen stationierte Fahrer Max Erwin Leutzsch aus Greifenhain. Und das, obwohl das Königl. Sächs. 8. Feldartillerie-Regiment Nr. 78 noch nicht ausgerückt und noch kein Schuss gefallen war. Lapidarer Vermerk auf der Verlustliste: Hufschlag ins Herz.

700 Namen gefallener Wurzener sind am Ehrenmal verewigt. Die meisten starben 1916. Insbesondere das Infanterieregiment war an vorderster Front eingesetzt. Die größten Verluste gab es beim verheerenden Gemetzel an der Somme. Bis lange nach der Wende erinnerte am Denkmal eine Kassette mit blutgetränkter Erde aus Nordfrankreich an die Toten. „Mehrere Systeme überstand die Kassette schadlos. Bis sie 2012 aus dem Mauerwerk gerissen und entwendet wurde“, schüttelt Jürgen Schmidt, Vorsitzender des Geschichtsvereins, den Kopf.

Viel beachtete Initiative: Erde aus Frankreich

„Erde aus Frankreich“ – so war fortan eine viel beachtete Initiative überschrieben, die den Wurzener Verein nur ein Jahr später nach Saint Pol und Mametz führte. Jürgen Schmidt, Ehrenbürger Wolfgang Ebert und Vereinsmitglied Ernst Petter entnahmen Erde vom dortigen Schlachtfeld, um damit die von Metalldrücker Christoph Müller angefertigte, originalgetreue Kopie der Kassette zu füllen. Mit einem feierlichen Akt sowie im Beisein des Mametzer Bürgermeisters Stephan Brunel und des Vize-Bürgermeisters von Saint Pol, Francois Lecoutre, wurde das Ehrenmal komplettiert. Es erklangen die deutsche, die französische und die Europa-Hymne.

Dass Unbekannte die Kassette nur wenige Monate später ein zweites Mal gestohlen hatten, könne ihn und seine Mitstreiter nicht entmutigen, sagt Schmidt. Sein Verein werde sich auch weiter für die deutsch-französische Freundschaft stark machen. Auf Einladung der Franzosen besuchte eine Wurzener Delegation um Bettina und Roland Mühlner 2016 die gerade eingeweihte riesige Gedenkstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges in Ablain-Saint-Nazaire: In alphabetischer Reihenfolge und unabhängig der Nationalitäten sind 600000 Namen von Gefallenen – darunter auch Wurzener – auf Kupfertafeln eingraviert.

Geschichtsverein von Wurzen besucht Friedhöfe

Der Geschichtsverein besuchte Schlachtfelder und Soldatenfriedhöfe, legte Blumen und Kränze nieder. Die deutsch-französische Aussöhnung, die Charles de Gaulle und Konrad Adenauer einst begründet hätten, sei im Westen längst keine leere Worthülse mehr, holt Schmidt aus: „Unsere Partnerstadt Warstein pflegt Freundschaften nach Frankreich, die bis weit in die Familien reichen. Davon können wir im Verhältnis zu unseren östlichen Nachbarn nur träumen.“

Eine Ehrung zwischen Faschingsauftakt und Martinsgans? Nicht mit den Wurzenern. Die laden am Volkstrauertag zum stillen Gedenken zu Sachsens wohl ausdrucksstärkstem Mahnmal des Ersten Weltkriegs ein. Die von Arthur Lange entworfene und von Georg Wrba vollendete Figurengruppe zeigt die weltbekannte Rot-Kreuz-Schwester Elsa Brändström mit einem gefallenen Soldaten. Alles andere als Heldenverehrung und damals ein Novum. Neuland beschritten auch die Wurzener selbst. So gelten sie als die ersten Deutschen, die ganz gezielt die Schlachtfelder an der Somme ansteuerten. Bisher war die Gegend fest in der Hand britischer Reisegruppen.

Von Haig Latchinian

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