Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Wurzen Antidrogenzug macht Halt in Borna
Region Wurzen Antidrogenzug macht Halt in Borna
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:39 04.05.2018
Der Revolution Train lässt niemanden kalt. Seine Erfinder setzen bewusst auf Abschreckung, um Jugendliche vor den Gefahren illegaler Drogen zu warnen. Quelle: www.pelucha.cz/donotstealmyphotos
Landkreis Leipzig/Borna

Alles beginnt ganz harmlos: ein erster Drink in der Disko, später folgen Alkoholexzesse, Ärger mit der Polizei, Drogenrausch. Im „Revolution Train“ werden Jugendliche mit krassen Bildern konfrontiert, die ihnen vor Augen führen: So kann ein Leben aus dem Ruder laufen, so kann ein harmloser Party-Trip irgendwann einmal enden. Szenen, die in dem Antidrogenzug nachgestellt werden, lassen niemanden kalt. Jetzt hat der Landkreis dieses ungewöhnliche Präventions-Gefährt gebucht und will damit ein Zeichen im Kampf gegen illegale Drogen setzen.

Reise im gepanzerten Zug endet im Drogensumpf

Von außen macht der gepanzerte Zug nicht viel her. Überall dort, wo der silbernglänzende Riese vorfährt, sorgt sein Innenleben allerdings für bleibende Eindrücke. Jugendliche werden mitgenommen auf eine Reise, die tödlich endet. Erzählt wird das Schicksal von Gleichaltrigen, die immer tiefer in den Drogensumpf rutschen. Das Besondere: Alles geschieht interaktiv, die Jugendlichen, die den Zug besteigen, sind selbst Teil der Handlung, stellen sich mitunter unangenehmen Fragen nach eigener Verantwortung, nach Werten und Vorstellungen.

Aus Filmszene wird plötzlich Realität

Im Zug wird auch eine völlig verdrecke Junkiehölle nachgestellt. Die Szene zeigt Jugendlichen, wie weit ein Mensch mit Drogen abrutschen kann. Quelle: pd

Hinter den Stahlplatten des 300-Tonnen-Koloss verbergen sich mehrere Kinosäle, in denen Filmszenen laufen. Dann allerdings hebt sich die Leinwand und die Schüler finden sich mitten in einem Verkehrsunfall oder einer Gefängniszelle wieder. Über 40 000 Besucher hat der Zug mit seinem ungewöhnlichen Konzept bereits überzeugt. „Auch der Landkreis möchte dieses einzigartige Präventionsprojekt nutzen, um Jugendliche vor den Gefahren des Drogenkonsums zu warnen“, erklärt Landrat Henry Graichen (CDU). Ein Stopp ist am 18. und 19. Juni am Bahnhof Borna vorgesehen.

Drogenaufklärung im Schnellzug

Erfinder des Zuges ist Pavel Tuma. Der Tscheche verlor seinen Freund an die Sucht. Jahrelang suchte er Unterstützer, um seine Idee von einer Drogenaufklärung im Schnellzug aufs Gleis zu setzen. Sein Ansatz: Reine Vorträge über die Risiken von Alkohol- und Drogenrausch erreichen die Schüler nicht. Deshalb enthält sich der Zug vordergründiger Verbote oder Belehrungen. Vielmehr wird auf Emotionen, Gefühle und haptische Eindrücke gesetzt. So sind selbst die Innenwände des gepanzerten Zuges Teil des Inszenierung. Plastisch stellen sie das Körperinnere dar – Blutbahnen, Gewebe – das im Verlauf einer Drogenkarriere immer weiter Schaden nimmt.

Abschreckung ist Teil des Plans. Dass die Methode funktioniert, wird von höchster Stelle bescheinigt. So würdigte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, den Zug bereits als innovatives Projekt, das Jugendliche auf ganz neue Weise erreicht. Die letzten Weihen erfuhr der Revolution Train durch Leute, die es wissen müssen: Der Bund deutscher Kriminalbeamter (BDK), Landesverband Sachsen, lobte die Idee ausdrücklich. „Sicherlich interpretationsfähig, gewollt überzeichnet, aber im Kontext der beabsichtigten Wirkung nachhaltig“, kommentierte Peter Guld, Landeschef des BDK, die Aufklärungsinitiative. Die Kripo-Beamten engagieren sich seit März als neuer Kooperationspartner des Antidrogenzugs und unterstützen die tschechischen Partner fachlich.

Tschechien kämpft gegen Ausbreitung von Crystal

Dass die einzigartige Präventions-Idee aus Tschechien stammt, ist dabei kein Zufall. Das Nachbarland kämpft mit der zunehmenden Ausbreitung von Crystal Meth. Aus tschechischen Drogenküchen gelangt die Aufputschdroge auch nach Sachsen und Bayern. Besonders in den Grenzregionen stoppte der Revolution Train deshalb schon mehrfach mit großer Resonanz.

Dass er Jugendliche aufrüttelt, bescheinigen Lehrer und Schüler immer wieder. Das interaktive 90-Minuten-Erlebnis ist allerdings nichts für schwache Nerven. So stehen Besucher plötzlich vor einem demolierten Auto. Gerade noch auf der Leinwand, steht der Unfallwagen im Zugabteil im nächsten Moment vor ihnen. Die Wechsel zwischen Fiktion und Realität sollen bewusst schockieren. Wenige Meter weiter folgt das Verhör auf einer Polizeistation. Wer hatte Schuld an dem Unfall? Spielten Drogen eine Rolle? Eine kahle Gefängniszelle wird ebenfalls nachgestellt. Auch hier sind die Jugendlichen mittendrin. Letztlich landen sie mit den Protagonisten, deren Schicksal erzählt wird, ganz unten - in einer völlig verdreckten Junkie-Hölle, in der bisher noch jedem das Lachen vergangen ist.

Fragebogen kann anonym ausgefüllt werden

Geschulte Moderatoren begleiten die Gruppen durch die Abteile. Sie diskutieren mit den Jugendlichen, wollen wissen: Wie hätten sie sich entschieden, wären sie auch mit in den Wagen gestiegen, obwohl der Fahrer unter Drogen stand? So heißt es nach dem Zusteigen auch, freiwillig und anonym einen Fragebogen auszufüllen. „Habt ihr schon mal Drogen genommen? Wie lange braucht ihr, um euch in eurer Stadt Stoff zu besorgen?“ Was Jugendliche darauf antworten, öffnet besorgten Stadtvätern oft die Augen.

Auch im Landkreis trifft das Angebot auf großes Interesse. Schulklassen konnten sich für den Zug-Halt am 18. und 19. Juni bereits anmelden. „Wert wird auch darauf gelegt, dass die Erlebnisse im Nachgang aufgearbeitet werden“, betont Kreischef Henry Graichen. Eine Aufgabe, der sich geschulte Multiplikatoren später in den einzelnen Klassen stellen.

Von Simone Prenzel

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Theologieprofessor und SPD-Politiker Richard Schröder kommt am Montag nach Wurzen. Auf Einladung von Pfarrer Alexander Wieckowski spricht er zur Flüchtlingspolitik. Vermittelt wurde der prominente Gast von Christoph Mike Dietel, damals Mitbegründer der SDP, heute Kritiker der Flüchtlingspolitik und Vorsitzender des Neuen Forum Wurzen.

04.05.2018

Zwei Wochen das Klassenzimmer gegen ein Büro oder eine Werkshalle tauschen: Für die Geithainer Gymnasiasten war Praktikumszeit. Johannes Stein, der als Nachwuchsreporter für die Bornaer Redaktion der LVZ unterwegs war, hat sich bei Mitschülern umgehört, was sie erlebt haben.

03.05.2018

Jetzt ist es endgültig: Der Denkmalschutz fordert den Erhalt des Brandiser Ratskellers. Für einen Investor ist das Objekt damit unattraktiv. Jetzt übernimmt die Stadt die zwei Millionen Euro teure Sanierung.

06.05.2018