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Wurzen Atemberaubend: Parthe-Anwohner schwärmen von ihrer Heimat
Region Wurzen Atemberaubend: Parthe-Anwohner schwärmen von ihrer Heimat
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13:58 27.07.2016
Zum neuen Buch über die Parthelandschaft „Stadt Land Flüsschen“ gibt es Postkarten mit markanten Sprüchen aus den Interviews, die die Autoren mit den Anwohner führten. Quelle: Grafik: Aufland Verlag
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Landkreis Leipzig

Wie lebt es sich im Partheland? Welche Sicht haben Menschen, die hier wohnen, auf die Kulturlandschaft, die es im öffentlichen Bewusstsein schwer hat, jenseits von dicht bebauten Siedlungen, einer alles dominierenden Autobahn und einem eingepferchten Flüsschen wahrgenommen zu werden? Im Rahmen des Forschungsvorhabens „Stadt-Parthe-Land“ wurden ganz verschiedene Personen befragt: Landwirte und Naturschützer, Künstler und Kommunalpolitiker, Alteingesessene und Neusiedler. Wie empfinden sie das Leben im Partheland? Welche Hoffnungen haben sie für die Landschaft vor ihrer Haustür? Entstanden ist ein kleines Büchlein, das 32 Personen vorstellt. Sein Titel: „Stadt Land Flüsschen“.

Der Mensch hat den Bachlauf radikal verändert

Alle Interviews wurden entlang der Parthe geführt. „In Leipzig, den Parthedörfern, in Ämtern und Betrieben“, berichtet Kenneth Anders vom Büro für Landschaftskommunikation. Wer etwas darüber wissen will, wo die Parthe entspringt, ist bei Meinhard Schatz aus Glasten bei Bad Lausick richtig: „Als ich Kind war, hat das ganze Dorf sein Wasser von der Parthenquelle bekommen“, schreibt der 85-Jährige. Früher habe man die Parthe immer mal angestaut sowie Feste draußen an der Quelle gefeiert. Heute sei vieles verboten. Und der Rentner wohnt seit 2002 offiziell im Überschwemmungsgebiet, weil damals bei der Jahrhundertflut alles abgesoffen war. „Die Trennlinie führt allerdings mitten durch mein Haus – eigenartig.“ Meistens sei die Parthe aber friedlich. Manchmal fließe sie „so stark wie der Arm“, manchmal aber nur „so schmal wie der Daumen“.

Landschaftsarchitekt Peter Fibich hat die Parthe ebenfalls vor der Haustür. Auch er erinnert sich an 2002, als aus dem kleinen Bach in Glasten plötzlich ein breiter brauner Fluss wurde. „Er eroberte sich seinen alten Lauf zurück, der plötzlich wieder sichtbar war“, so Fibich. „Über der jahrzehntelangen Ruhe des Flusses waren seine Grenzen in Vergessenheit geraten.“ Bereits an diesem kleinen ersten Dorf an der Parthe lässt sich für den Landschaftsarchitekten ablesen, wie der Mensch den Bachlauf nutzte, beeinflusste, schließlich radikal veränderte. So habe es zu DDR-Zeiten gar den Plan geben, im Forst ein Schwimmbad zu bauen. Ein halb gefüllter Teich künde noch heute von der ambitionierten Idee.

Halt macht der Autor auch in Beucha. „Hier leben wir ja nicht an der richtigen, sondern an der Faulen Parthe, die erst bei Albrechtshain in die Parthe fließt“, plaudert Bärbel Uhlig. Die gleichnamige Mosterei bedient Kunden, die ihre Kirschen, Äpfel, Quitten und Birnen meist zu Saft verarbeiten lassen. Aktuell plagt sich die Beuchaerin jedoch mit dem Thema Abwasser herum. „Abwässer von Mostereien müssen nun geklärt werden. Die Schmutzfracht ist unterschiedlich, deshalb haben die Bakterien keine kontinuierliche Versorgung. So was macht mir keinen Spaß. Ich kann Most machen, aber nicht Abwasser klären.“ Sonst lebe sie in einer schönen Gegend, findet Bärbel Uhlig. „Die Tina Turner musste dafür in die Schweiz ziehen, wir haben das hier.“

Urlaubsgefühle ergreifen auch Heike König, deren Schreibtisch fast im Wasser steht. „Tag für Tag sitze ich in meinem Büro des Grünen Ringes in Borsdorf und schaue auf die Parthe, mal Rinnsal, mal Fluss, mal grenzenlos. Wenn das keine Bindung ist! Es ist schön, als Regionalmanagerin so mittendrin im Umland zu arbeiten. Aus meiner Leipziger Kindersicht-Parthe am Zoo, in die ich leider nie rein durfte, wurde so im Laufe meines Nachwende-Lebens ein richtig spannender Flusslauf: mit Kunstaktionen, Radtouren, Wanderung, Paddeln, Konzepten, Diskussionen – in, an, durch, auf und über die Parthe, ihre Aue, ihre steinigen, grünen, stillen und lauten Seiten, ihre Anrainer.“ Für die vielen Facetten müsse man den hier lebenden Menschen immer wieder die Augen öffnen, sie mit der Nase auf die Schönheiten wie Parks und Auen stoßen. „Ach ja, und ich finde, dass jeder Ort an der Parthe den Fluss im Namen tragen müsste: Taucha an der Parthe, Borsdorf an der Parthe...“ Für Heike König haben schon die 30 veröffentlichten Interviews ein Umdenken bei vielen bewirkt. „Viele haben sich erstmals bewusst mit dem Partheland beschäftigt“, freut sich die Geschäftsstellenleiterin des Grünen Ringes über eine Vielzahl an Gedanken, Ideen und Visionen.

Zu DDR-Zeiten sah man in Leipzig, was in Naunhof gefärbt wurde

Einen Blick zurück wirft noch einmal Andreas Damm vom Heimatverein Borsdorf. Zu DDR-Zeiten konnte man an der Parthe genau erkennen, welche Farben die Färberei in Naunhof verwendet hat, erinnert sich der ehemalige Leipziger. „Die Parthe war einen Tag grün, einen Tag rot, einen Tag blau, je nach aktueller Tagesfarbe. Mein Vater erzählte mir, dass er Anfang der 50er-Jahre noch in der Parthe gebadet hat, was dann unmöglich wurde.“ Die anliegende Industrie habe ihre gesamten Abwässer in den Fluss geleitet. „Es gab zu dem Zeitpunkt nicht einen Fisch.“ Heute hingegen finde man wieder viele Flossentiere – „von kleinen Plötzen bis hin zum kapitalen Hecht“.

Der Borsdorfer Bürgermeister Ludwig Martin richtet den Fokus des Kommunalpolitikers auf die Landschaft. Neben städtebaulichen Sündenfällen nach der Wende sieht er vor allem die aktuelle Bedrohung durch das Straßenbauprojekt Bundesstraße 87 n. Martin beschäftigt aber auch, wie die Akteure miteinander umgehen und Konflikte lösen können. Perspektivisch er könnte sich zum Beispiel eine Renaturierung der Kunstlederfabrik vorstellen.

Den Blick des Hochwasserschützers auf die Parthe hat Axel Bobbe, Betriebsleiter der Landestalsperrenverwaltung. „Bei der Elbe weiß man Tage vorher, wie hoch der Wasserstand in Torgau sein wird. Bei der Parthe ist es anders.“ Wenn es in der Region schüttet, „dann ist die Parthe in drei bis vier Stunden voll wach und fängt an, durch Leipzig zu schießen“. Nicht die Gefahren, sondern vor allem viel Potenzial und die atemberaubend schöne Landschaft, die sich beim Blick vom Panitzscher Kirchberg bietet, beschwört hingegen Pfarrer i. R. Reinhard Freier: „Wenn Leipziger hierher kommen, sagen sie, dass die das nie erwartet hätten, so nahe vor den Toren der Stadt eine solche Landschaft zu finden.“

Kenneth Anders u.a., „Stadt Land Flüsschen“; Aufland Verlag Croustillier, 272 Seiten, ISBN 978-3-944249-17-9

Von Simone Prenzel

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