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Wurzen Aus für Handwerker-Ausbildung im Rittergut Trebsen
Region Wurzen Aus für Handwerker-Ausbildung im Rittergut Trebsen
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08:02 21.04.2018
Auch im Gewölbekeller wurden Weiterbildungen am Denkmal praktiziert. Quelle: Thomas Kube
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Trebsen

Von Jerusalem bis Lemberg und von Dresden bis Oslo – überall, wo sächsische Restauratoren jede Menge Architektur von Weltrang retteten, ist das Entsetzen groß: Die beiden noch verbliebenen sächsischen Bildungszentren für Denkmalpflege in Görlitz und Trebsen stehen vor dem Aus. Und das, obwohl ausgerechnet Sachsen nach Bayern als eines der denkmalreichsten Bundesländer gilt. Bernd Bubnick, erfahrener Restaurator im Maurerhandwerk, bedauert die Schließung des auch über die Landesgrenzen hinaus bekannten Trebsener Bildungszentrums zum Jahresende sehr: „Für den Denkmalschutz in Sachsen bedeutet das einen gewaltigen Rückschritt.“

Es sei gerade die Pflege traditioneller Handwerkstechniken, die den guten Ruf der Fortbildungen in Trebsen begründeten: „Ob in der Meißner Albrechtsburg, in den Schlössern Wurzen und Trebsen oder auf der Burg Stolpen – man konnte sich nicht vorstellen, wie die Altvorderen die beeindruckenden Zellengewölbe fast schalungsfrei errichteten. Wir recherchierten und rekonstruierten in Zusammenarbeit mit der Wissenschaft nahezu vergessene Arbeitstechniken“, sagt Bubnick, Leiter des Bildungszentrums.

Die Aktivitäten des Bildungszentrums werden zum Ende des Jahres vollständig eingestellt. Mangelnde Nachfrage zu denkmalpflegerischen Fortbildungsangebote für Handwerker, fehlende Förderung durch den Freistaat und geringes öffentliches Interesse an der Erhaltung der Fortbildungseinrichtung sind die Gründe.

1992 wurde der Förderverein für Handwerk und Denkmalpflege gegründet. Es waren engagierte Bürger, die auf Initiative von Landesamt für Denkmalpflege, Handwerkskammer zu Leipzig, Bauinnung Leipzig, Landkreisverwaltung Grimma und Stadt Trebsen Verantwortung übernahmen. Etwa für das ruinöse Trebsener Schloss. Zwei seiner Flügel waren ohne Dach, in den anderen beiden wohnten noch 16 Familien. Die Idee war geboren, in diesem „Lehrobjekt“ das Fortbildungszentrum der sächsischen Denkmalpflege anzusiedeln. Zunächst mussten Wildwuchs, Schutt und Müll entfernt werden, ehe der Aufschwung Ost in Trebsen sichtbar wurde. Schon 1993, noch unter provisorischen Dächern, begann die berufliche Ausbildung der Stuckateure, wenig später öffneten im benachbarten Rittergut erste Werkstätten auch für Maurer, Maler, Tischler, Zimmerer und Steinbildhauer. Über fünf Millionen Euro wurden in all den Jahren in Schloss und Rittergut verbaut.

Die Fort- und Weiterbildung im Bereich der Denkmalpflege hatte stets eine hohe Priorität, sagt Volker Lux, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer zu Leipzig. Mehr als 250 Restauratoren und 180 Fachhandwerker wurden in Trebsen ausgebildet. „In den letzten Jahren hat sich leider herausgestellt, dass die Nachfrage nicht mehr in einem solchen Umfang gegeben ist, dass der Bildungsbetrieb wirtschaftlich vertretbar aufrechterhalten werden kann.“

Im Bergezentrum des Rittergutes Trebsen lagern handwerkliche Schätze. Quelle: Thomas Kube

Man habe immer auf Klasse statt Masse gesetzt, betont Gründungsmitglied und Geschäftsführer Uwe Bielefeld. Er spielt auf eine Trebsener Besonderheit an: „Unsere Restauratoren mussten ihre Fähigkeiten nicht nur in schriftlichen Abschlussarbeiten unter Beweis stellen, sondern auch ganz praktisch. Hier, sehen Sie, diese historischen Türen aus Bad Lausick, die mussten Maler und Lackierer innerhalb von 14 Tagen teilrestaurieren. Wir legten die Latte hoch und waren somit nicht unbedingt erste Adresse für die, die möglichst schnell und preiswert zu ihren Abschlüssen kommen wollten.“

Waren die Kurse in den Anfangsjahren sehr gut besucht, so seien es in der denkmalpflegerischen Fortbildung in diesem Jahr lediglich noch drei Maurer. Bis zuletzt habe man vergeblich Bittbriefe an Ministerien, Ämter und Institutionen geschickt. Auch der Versuch, verschiedene Gewerke in einem Kurs zusammen zu legen, scheiterte letztlich. Übernahmen früher die Firmen die Teilnahmekosten ihrer Schützlinge, so würden die Handwerker immer mehr zu Einzelkämpfern. Deshalb komme man nicht um die Schließung des Bildungszentrums herum, sagt der etwa 30-köpfige Verein, der dieser Tage seine langjährigen Dozenten und Mitglieder der Prüfungsausschüsse verabschiedete. Bundesweit über 30 Meister ihres Faches vermittelten in Trebsen rar gewordenes Wissen – Maler Roland Mrugalla genauso wie Stuckateur Frank Herker, Maurer Robert Bialek oder Künstler Edgar Lange. Der Verein heimste zahlreiche Preise ein, Goldmedaillen auf der Leipziger Denkmalmesse etwa oder die „Silbernen Halbkugel“, die höchste Ehrung des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz.

Riesenkompliment für die Arbeit in 20 Jahren

Malermeister Bodo Herzog, Stadtrat in Trebsen, macht dem Verein ein Riesenkompliment: „Die Mannschaft um Bubnick und Bielefeld hatte den Mut, in Trebsen etwas auf die Beine zu stellen und damit neue Maßstäbe zu setzen. Als Selbstständiger bekam ich viele Einladungen, konnte aber keinen Kurs wahrnehmen. Ich musste mich entscheiden – entweder noch einmal die Schulbank zu drücken oder Geld zu verdienen. An Letzterem führte leider kein Weg vorbei.“ Keramikermeister Frank Brinkmann, Leiter des Künstlerhauses Schaddelmühle, reagierte schockiert auf das Aus in Trebsen: „Wie kein Zweiter hat der Verein auf heimische und vor allem ökologische Baumaterialien wie Lehm, Holz oder Stroh gesetzt. Außerdem rettete er im Bergelager wertvolle Bauteile aus Abrisshäusern. Ich denke, damit hat Trebsen viele Bauherren sensibilisiert.“

Schloss vor dem Ruin gerettet

Den Verein wird es weiter geben, wenn auch unter neuem Namen, kündigt Bielefeld an. Als Mitglied im Geopark Porphyrland wolle er auf dem vereinseigenen Rittergut die kulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen forcieren. Geplant ist etwa die Dauerausstellung „Edle Steine in Sachsen – Schätze in Porphyr“. Ein Gesteinsgarten unter anderem mit rotem Porphyrtuff, Dresdener Sandstein und Marmor aus dem Erzgebirge sei bereits in Arbeit. Die Herberge mit künftig zwölf Betten soll nicht zuletzt auch die vielen Radtouristen ins Rittergut locken. Die vom Verein seit Jahren veranstalteten, auch überregional ausstrahlenden Bluesnächte würden genauso ihre Fortsetzung finden wie die Internationalen Highland Games im Schloss.

Schlossherr Jochen Rockstroh, der zudem mit Rock’n’Roll und Mittelalterspektakel für Aufsehen sorgt, wünscht sich in unmittelbarer Nachbarschaft auch weiter diesen potenziellen Verbündeten: „Der Verein hat nicht nur das Schloss vor dem Ruin gerettet, er hat auch die Kulturhochburg Trebsen begründet.“

Bubnick und Bielefeld geben zu bedenken: „Ja sicher, in Sachsen mögen in den vergangenen 25 Jahren zwar 70 bis 80 Prozent des Denkmalbestandes restauriert worden sein. Aber was wird in 25 Jahren? Wenn die ersten restaurierten Häuser wieder saniert werden müssen? Dann sind die Restauratoren, die sich mit regionalen Besonderheiten auskennen, längst in Rente...“

Von Haig Latchinian

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