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Wurzen Aus für die Borsdorfer Tafel
Region Wurzen Aus für die Borsdorfer Tafel
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19:06 03.12.2018
Zwölf Jahre lang das Domizil der Borsdorfer Tafel: das Nebengebäude der Bibliothek in der August-Bebel-Straße 1. Ein Schild am Zaun informiert, dass Spenden wegen der Schließung der Tafel nicht mehr angenommen werden. Quelle: Ines Alekowa
Borsdorf

Der Weg zur Tafel wird für Borsdorfer Bedürftige weiter. Am Freitag öffnete Jean Scholz vom Trägerverein Borsdorfer Tafelservice das letzte Mal die Tür im Nebengebäude der Gemeindebibliothek, August-Bebel-Straße 1. Künftig ist die Leipziger Tafel in der Bennigsenstraße 14 in Volkmarsdorf der nächste Anlaufpunkt.

Frisches Obst und Gemüse bei der Borsdorfer Tafel

Brigitte Brückner hat noch einmal ihren kleinen Handwagen mit Tüten vollgepackt. Die 32-jährige Borsdorferin ist arbeitslos, und das, was ihr Lebensgefährte nach Hause bringt, reicht nicht zum Leben. Die junge Frau nimmt deshalb seit drei Jahren den Tafelservice in Anspruch. „Das hilft finanziell“, sagt sie. Sie freut sich vor allem, bei der Tafel immer Obst und Gemüse für ihre drei Kinder – zwei, vier und elf Jahre alt – bekommen zu haben. Diesmal kann sie ihnen sogar liebevoll weihnachtlich verpackte Geschenke mitbringen. „Vergangenes Jahr hat die Tafel auch Weihnachtsgänse besorgt“, blickt sie mit Dankbarkeit auf die Rührigkeit der Tafel-Mitarbeiter.

Persönliche Schicksalsschläge

Auch Petra Ruppl muss mit jedem Cent rechnen. Seit der Betrieb für Beschäftigungsförderung Leipzig 2002 eingestellt wurde, versucht die 62-Jährige, sich irgendwie über Wasser zu halten – Wochenblätter auszutragen, bringt einen kleinen Zuverdienst. „Ohne die Tafel wäre es schwierig“, sagt sie. Denn jeder Schicksalsschlag brachte weitere finanzielle Belastungen. „Die Bestattungskosten für meine Eltern zahle ich noch heute ab, und als mein Lebensgefährte starb, war es ganz vorbei“, erzählt sie und schnallt den Korb mit den heute erhaltenen Spenden auf ihrem alten Klappfahrrad fest. „Ich bin froh, dass ich für meine Katze noch mal Streu bekommen habe, die ist ja so teuer“, sagt sie.

Drinnen, in der Baracke, sind schon 11.15 Uhr an diesem Tag alle Kisten leer, der Kühlschrank wird abtransportiert, die Räume nochmal ausgefegt. Jean Scholz will sich zum Aus der Tafel nicht äußern. „Ich habe damit abgeschlossen“, sagt sie. Und es klingt auch ein bisschen bitter.

Trägerschaft wechselt in zwöf Jahren

Die Borsdorfer Tafel wurde Anfang 2006 eingerichtet, um Alg-II-Empfängern und sozial Bedürftigen mit preiswerten Lebensmitteln und Sachspenden unter die Arme zu greifen. Ellen Menzel-Rückwart brachte die Idee vom Wurzener Verein Zuversicht mit, der auch Starthilfe leistete. Danach nahm die Borsdorfer Nachbarschaftshilfe sie auf Bitte des Bürgermeisters unter ihre Fittiche. Aber nach drei Jahren habe man die Aufgabe wieder abgegeben. „Sie passte nicht so recht zu unserem Verein“, erinnert sich Renate Schlegel. Der Borsdorfer Tafelservice wurde gegründet, um die Einrichtung aufzufangen. Die Gemeinde half, wo sie konnte. Die Räume stellte sie anfangs kostenfrei zur Verfügung. Als der Verein zwischenzeitlich kein Auto hatte, um Spenden abzuholen, vermittelte sie den Kontakt zu einem Autohaus, das ein Fahrzeug sponserte.

100 Bedürftige aus Borsdorf und umliegenden Orten

Denn die Tafel wurde gebraucht. „In Spitzenzeiten suchten an die 100 Bedürftige – nicht nur aus Borsdorf, sondern auch aus Brandis, Beucha und Naunhof – hier Unterstützung“, sagt Rosmarie Warmann. Sie ist im Rathaus für Soziales zuständig. Die Schließung der Tafel fällt auf ihren letzten Arbeitstag vor dem Ruhestand. „Es ist schade darum“, sagt sie. „Aber man muss auch mal an die Leute denken, die das all die Jahre ehrenamtlich gemacht haben.“ Denn mit der Ausgabe der Spenden sei es nicht getan. „Die Sachen wollen organisiert, sortiert und portioniert werden.“ Wenn der Job jetzt Vorrang habe, habe sie dafür Verständnis.

Probleme bei der Organisation der Lebensmittel

Aber das ist offenbar nur ein Grund für das Aus. „Der Bedarf ist deutlich zurückgegangen“, sagt Bauamtsleiter Marcus Planert. Auf der anderen Seite hätten die Probleme hinsichtlich der Organisation der Lebensmittel zugenommen. Einige Händler und Märkte seien abgesprungen. „Viele Dinge werden auch von der Leipziger Tafel abgegriffen, so dass es schwieriger wurde, ausreichend Lebensmittel und Sachspenden zu bekommen“, weiß er. Dazu kamen wiederholt Einbrüche in das Objekt. „Dabei weiß jeder, dass bei der Tafel außer abgelaufenen Lebensmitteln nichts zu holen ist. Aber auch so was zerrt an den Nerven.“

Diakonie in Borsdorf als Träger nicht interessiert

Im Gemeinderat, so berichtet Planert, sei die Schließung zwar mit Betroffenheit aufgenommen, aber daraus kein Handlungsauftrag an die Verwaltung, einen neuen Träger zu suchen, abgeleitet worden. Die hätte im Übrigen schon vor einiger Zeit mit der stark im Ort vertretenen Diakonie gesprochen, um die Tafel auf sicherere Füße zu stellen. „Aber die Diakonie hat damals signalisiert, das sei nicht ihr Thema“, erinnert sich Planert.

Warmann konnte zumindest noch die Ersatzanlaufstelle in Leipzig-Volkmarsdorf organisieren. Die Wegbeschreibung wurde in der Ausgabestelle verteilt. Ob das allen Betroffenen hilft, ist fraglich. „Ich habe nur mein Fahrrad“, sagt Ruppl. „Damit komme ich nie dahin.“

Von Ines Alekowa

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