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Wurzen Bennewitz: Deichbau wird noch ein hartes Stück Arbeit
Region Wurzen Bennewitz: Deichbau wird noch ein hartes Stück Arbeit
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16:35 19.05.2015

"Doch bis das komplette Vorhaben bis Püchau umgesetzt ist", erklärte Axel Bobbe, Betriebsleiter der Landestalsperrenverwaltung (LTV), "kann es schlimmstenfalls noch fünf Jahre dauern."

Wut, Resignation, Enttäuschung waren die vorherrschenden Gemütszustände derer, die am Dienstagabend zur Bürgerversammlung in den Gasthof Deuben gekommen waren. Betroffene klagten öffentlich an und beharrten auf Aussagen, auf wessen Konto die Verzögerungen gehen. Seit Jahren sehnen die Bewohner der Aue einen wirksamen Hochwasserschutz herbei. Pläne dafür liegen seit Ewigkeiten in der Schublade, konnten aber von den Hochwasserschützern nicht umgesetzt werden.

"Das Wasser ist abgeflossen, geblieben sind Gerüchte, Spekulationen und eine große Unsicherheit", eröffnete Knut Becker, Vorsitzender des Vereins "Wir für Nepperwitz" die fast dreistündige Veranstaltung. Drängende Fragen hatten sich seit der erneuten Überflutung von Nepperwitz, Dögnitz und Püchau aufgestaut: Warum wurden die Deichverhinderer nicht enteignet? Wie hat sich das Fehlen von Spundwänden ausgewirkt? Welche Rolle spielt für Bennewitz der Bahndamm? Warum wurde nicht wie am gegenüberliegenden Muldeufer um jeden Meter Hochwasser-Bollwerk gekämpft? Und vor allem die Frage: Schützt der neue 13-Millionen-Euro-Deich die Ortschaften nach seiner Fertigstellung wirksam vor künftigen Katastrophen?

Antworten wurden vor allem von einem erwartet: Axel Bobbe, Betriebsleiter der LTV für Elbaue, Mulde und Weiße Elster. "Ginge es nach uns, hätten wir schon vor Jahren mit dem Bau losgelegt." Doch mittlerweile sei das Planfeststellungsverfahren zur Rückverlegung des Deiches zwischen Grubnitz und Püchau eines der längsten in Sachsen. Im Gegensatz zu den Sachsen-Anhaltinern, die nach 2002 unbürokratische Verfahren ermöglichten und Deichprojekte auch gegen Kritiker durchsetzen, habe sich Sachsen für den anstrengenderen Weg entschieden. Hier bedürfe es einer aufwändigen Planfeststellung, bei der Einzelinteressen schon mal den Hochwasserschutz für eine ganze Region torpedieren. "Es gab 80 Eigentümer, die sich in die Obhut eines Münchner Anwalts begeben haben. Das ist ihr gutes Recht." Die zähen Verhandlungen, so Bobbe weiter, hätten sich bis vor einigen Tagen hingezogen. "Erst seit voriger Woche liegen uns wirklich alle Unterschriften vor, die für den vorzeitigen Baubeginn zwischen Grubnitz und Dögnitz nötig sind. Noch bis zuletzt wollten uns einige Beteiligte Fußfesseln anlegen."

Schelte musste vor allem die Landesdirektion einstecken. "Sie ist Herr des Verfahrens, wir sind nur Antragsteller", legte der LTV-Mann die Verantwortlichkeiten dar. Konflikte mit dem behördlichen Naturschutz sparte Bobbe nicht aus: "Unsere Planungsbüros sind von der Landesdirektion kriminalisiert worden. Dabei haben wir alles Mögliche an Heuschrecken und Gräsern dokumentiert", nahm Bobbe kein Blatt vor den Mund. "Für 150 000 Euro wurde von uns ein Top-Gutachter engagiert, der schon Projekte wie die Airbus-Erweiterung in Hamburg und die Dresdner Waldschlösschenbrücke betreute." Der international anerkannte Experte habe der LTV bescheinigt, dass ihre Planung naturschutzfachlich sauber ist. "Seit April liegen unsere zehn Aktenordner nun schon wieder bei der Genehmigungsbehörde in Leipzig", so Bobbe. Und bis dato warte er noch immer auf Antwort, wann die Landesdirektion gedenkt, die Unterlagen endlich auszulegen. "Bis das Planfeststellungsverfahren durch ist, werden noch ein bis zwei Jahre vergehen", schätzte Bobbe ein. Die rund zwei Kilometer Deich, die die LTV jetzt in Angriff nimmt, baut sie auf eigenes Risiko: "Wir mussten als Investor eine Erklärung abgeben, dass wir alles wieder zurückbauen, wenn die Sache negativ ausgeht."

Zu Meinungen, die Auendörfer seien geopfert worden, um andere Einrichtungen wie die Wasserwerke in Canitz und Thallwitz oder Städte wie Eilenburg zu schützen, nahm Landrat Gerhard Gey (CDU) Stellung: "Solche Entscheidungen hat es im Katastrophenstab zu keiner Zeit gegeben." Bobbe erklärte, auch bei Kollau und Canitz seien die Deiche gebrochen und auch die Kommunalen Wasserwerke habe es schwer erwischt.

Wenig überzeugend fanden die Betroffenen die Erklärungen zur Instandsetzung des vorhandenen Deiches. "Warum wurden hier an drei Stellen Spundwände ausgespart", wollte der Püchauer Harald Schmidt wissen. Dies sei ebenfalls eine Entscheidung der Landesdirektion gewesen, so Bobbe. Die Behörde habe exakt vorgegeben, wo der Deich zu verstärken sei und wo nicht. Die Bruchstelle bei Grubnitz habe keine Spundwände erhalten, ebenso der Schusterbusch, weil der Naturschutz dort auf eine Rückverlegung des Deiches gedrängt habe. "Eine Sollbruchstelle, wie von Ihnen behauptet, haben wir in Grbunitz aber nie beabsichtigt. Hier ist die Mulde einfach mit vollem Bums auf den Deich getroffen."

Wie der alte Deich, der nur vor einem 25-jährlichen Hochwasser schützt, instandgesetzt wird, wollten Nepperwitzer, Dögnitzer und Püchauer außerdem wissen. Dazu Bobbe: Für alle 35 Deichbrüche entlang der Mulde habe er binnen eines Tages Aufträge für 15 Millionen Euro ausgelöst. Die Arbeiten, auch in Grubnitz und Püchau, sind in vollem Gange. Der aktuelle Antrag der LTV sieht vor, den vorhandenen Deich, so wie er ist, zu erhalten. "Alle Spundwände, die geschlagen worden sind, bleiben drin - bis auf einen Abschnitt im Bereich des Lindelbachs bei Groitzsch." Eine vom Naturschutz geforderte Rückverlegung des Altdeichs am Schusterbusch sei nicht Bestandteil der Überlegungen. "Das allein würde noch einmal fünf Millionen Euro kosten." Im Wissen, dass dies die Fronten zwischen LTV und Landesdirektion weiter verhärtet, sei das dem Steuerzahler einfach nicht zuzumuten, teilte Bobbe noch einmal in Richtung Naturschutz aus. Zum geplanten neuen Deich erklärte der Flutmanager: "Er wird dicht an den Ortschaften verlaufen und damit ein ganzes Stück hinter dem bestehenden Altdeich." Bei größeren Hochwasserereignissen werde der vordere Damm überspült. Grubnitz, Nepperwitz, Dögnitz und Püchau seien dann aber durch den neu zu errichtenden Damm vor einer Flut geschützt, wie sie statistisch aller 100 Jahre vorkommt. "Bei einem HQ 100 wird der neue Deich noch 50 Zentimetern rausgucken. Bei einer größeren Flut sind Sie aber auch hinter diesem Deich nicht sicher." Als Beispiel, wie schwierig der Schutz der Flussanrainer ist, führte der LTV-Chef Döbeln an: "Hier bauen wir für 40 Millionen Euro eine Mauer, und die Stadt hat trotzdem nur die Gewissheit, bis zu einem HQ 50 trocken zu bleiben." Gey plädierte dafür, den Hochwasserschutz als Gesamtkonzept zu begreifen: "Hier in der Aue müssen wir der Mulde dafür mehr Raum geben. Dazu gibt es keine Alternative."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 27.06.2013

Simone Prenzel

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