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Bennewitzerin hofft auf Arbeit

Bennewitzerin hofft auf Arbeit

Andrea Szillat wird nie vergessen, wie ihre Tochter ihr zum ersten Mal entgegenlief. Da war sie zweieinhalb. Ein Jahr vorher hatten die Ärzte der jungen Mutter dafür keinerlei Hoffnung gemacht.

Bennewitz. Mit anderthalb war die Kleine an Meningitis erkrankt, eine geistig-motorische Behinderung absehbar. „Das Leben hat sich damals komplett verändert", erzählt die 46-jährige. Christin arbeitet seit fünf Jahren in der Behindertenwerkstatt der Arbeiterwohlfahrt in Wurzen. Sie stellt Verpackungen her, hat dort auch einen Freund gefunden. Morgens 6.45 Uhr holt sie der Transporter wochentags ab, 15.15 Uhr wird sie wieder zu Hause abgeliefert. Das klingt nach einem ganz normalen Leben. Doch Christin lebt in der Welt eines Vorschulkindes. „Was machen wir jetzt", fragt sie am Nachmittag fröhlich. Seit 24 Jahren ist Andrea Szillat rund um die Uhr vor allem Mutter. Ihre Tochter hat in Wurzen die Förderschule besucht, kann aber weder lesen noch schreiben. Sie hat gelernt, sich an Bildern zu orientieren. „Ich bin stolz darauf, dass sie alles so hinkriegt", bekennt die alleinerziehende Mutter. Ihren Alltag freilich meistert Christin nur, wenn er genau so abläuft, wie sie es eingeübt hat. Ist sie nur für kurze Zeit allein in der Wohnung, stellt ihre Mutter die Klingel ab. Ein unerwarteter Besucher könnte das Mädchen völlig aus dem Konzept bringen. Andrea Szillat ist in das Zusammenleben mit ihrer Tochter hineingewachsen, hat Unterstützung von ihren Eltern, dem geschiedenen Ehemann. „Viele sagen zu mir, Du bleibst auf der Strecke. Ich sehe das nicht so", erzählt die Bennewitzerin freimütig. Dennoch vermisst sie berufliche Perspektiven. Seinerzeit hat sie im Wurzener Nahrungsmittelkombinat gelernt und als Anlagenfahrerin gearbeitet. In diesem Beruf konnte sie in den 1990er Jahren allerdings keinen Blumentopf mehr gewinnen. Bei einem Bildungträger schulte sie über das Arbeitsamt um, eignete sich an, was man als Köchin und Kellnerin mitbringen muss. In der Reha-Klinik in Schmannewitz fand sie für fünf Jahre eine Arbeit, die ihrer besonderen häuslichen Situation gerecht wurde. Später beschäftigte sie die Gemeindeverwaltung Bennewitz über geförderte Maßnahmen in Kindereinrichtungen. „Wo bei der Betreuung oder in der Küche Not am Mann war, habe ich zugepackt", blickt Andrea Szillat zurück. Sie hat Bettchen bezogen, Wäsche gewaschen, Mahlzeiten vorbereitet und war froh, dass sie mit ihrem Einsatz den Erzieherinnen den Rücken frei halten konnte für die eigentliche Arbeit mit den Kleinen. Doch die Gelder für Kommunal-Kombi-Löhne oder Jobs auf Ein-Euro-Basis bleiben zunehmend aus. Seit Februar 2012 ist die junge Frau arbeitslos – eine Erfahrungen, die sie mit Unterbrechungen insgesamt bestimmt schon sechs Jahre machen musste. „Ich hatte solche Hoffnung, dass mich die Kommune weiter beschäftigen kann", erzählt die Bennewitzerin. Sie möchte arbeiten, nicht nur mit den Einkünften der behinderten Tochter über die Runden kommen. Doch Andrea Szillat teilt das Schicksal unzähliger Mütter, die seit Jahrzehnten für ihre behinderten Kinder da sind, mit ihnen ohne große Auszeiten den Alltag teilen und zu Therapien gehen. Flexibilität im Job ist da Fehlanzeige. Auf Sonderbedingungen jedoch lässt sich kaum ein Arbeitgeber ein. Andrea Szillat hat ihre Hoffnung auf eine Arbeit, von der sie leben kann, nicht aufgegeben. Sie möchte auf eigenen Füßen stehen. Manchmal sieht sie in Gedanken ihre Christin unter Gleichaltrigen in einer betreuten Wohngemeinschaft. Doch wird es ihr dort so gut ergehen wie zu Hause? Diese Sorge treibt sie um. Auch hier teilt Andrea Szillat das Schicksal aller Mütter in ähnlicher Situation. Und vielleicht ist Loslassen unter diesen Umständen besonders schwer...

Ingrid Leps

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