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Wurzen Bernd Wagner mit Wurzen-Roman zu Gast auf er Buchmesse
Region Wurzen Bernd Wagner mit Wurzen-Roman zu Gast auf er Buchmesse
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10:37 15.03.2018
Der in Wurzen geborene Bernd Wagner wird Ende Mai 70 Jahre alt. Sein neuestes Buch widmete der in Berlin lebende Schriftsteller ganz seiner alten Heimat. Quelle: Foto: Nikolai Makarow
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Wurzen

Wenn in Wurzen jemand Wagner heißt, werden Schöngeister hellhörig. Erst recht, sollten die Vorfahren aus dem benachbarten Dörfchen Müglenz stammen. 1736 erblickte dort der Großvater des Komponisten Richard Wagner das Licht der Welt. „Es ist nicht ausgeschlossen, dass es verwandtschaftliche Beziehungen zu unserer Sippe gibt“, lacht Schriftsteller Bernd Wagner (69) und verweist auf die verlässliche Ahnenforschung eines Onkels aus Grimma.

Als Waisenjunge kam der Müglenzer Max Wagner, Bernd Wagners Großvater, nach Wurzen. Familie Hörig, die eine Schmiede betrieb, nahm ihn auf. Bei seinen Pflegeeltern erlernte Max das Schmiedehandwerk und leitete später selbst den Betrieb. Sein Sohn Rudolf, Bernds Vater, führte die Schmiede weiter und wurde Obermeister. Er war ein gefragter Mann, die Leute kamen mit ihren Pferden zu ihm. Vaters Hufbeschlag in der Friedrich-Engels-Straße 18 wurde – wenn man so will – zu Bernd Wagners erster Lehrwerkstatt: „Ich saß als Kind auf dem Amboss und lauschte den Geschichten der Männer. Sie sprachen viel, besonders vom Krieg.“ Als Dreikäsehoch habe er so wie nebenbei das Genre Erzählen in seiner mündlichen Form studiert, erinnert sich der Autor.

Bernd Wagner: Die Sintflut in Sachsen. Schöffling & Co. Quelle: Verlag

In seinem jetzt erschienenen autobiografischen Buch „Die Sintflut in Sachsen“ – das am Donnerstag auch in der LVZ-Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt wird - beschreibt Wagner die untergegangene quirlige Wurzener Welt der Handwerker. Alles pulsierte. Der Dampfhammer. Der Verkehr. Auf der Wiese machte eine Kuh muh, viele Kühe machten Mühe. Klein-Bernd half bei Kartoffelernte und Getreidemahd, vor allem aber schmiedete er – Freundschaften. Seine Straßenbande beteiligte sich an den legendären Seifenkistenrennen. Bernd war Konstrukteur und Pilot zugleich, seine Kumpels fungierten als Anschieber. Zwar empfand er die Schule zunächst als „Ende der Freiheit“ und doch gab es Lehrer, die er nie vergessen wird: Lothar Bribach etwa, „den Mann mit Holzbein“ und der alles andere als hölzernen Sprache, der viele Sportveranstaltungen launig kommentierte, auch das Seifenkistenrennen. Oder Peter Reichel, der die Literatur-AG leitete und ganze Generationen von Wurzener Schülern fürs Schreiben begeisterte. Er war es auch, der Bernd Wagner „überredete“, Lehrer zu werden.

Die Werkstatt der Firma Max Wagner Huf- und Eisenbeschlag in Wurzen. Quelle: Frank Schmidt

Als sein Vater starb, war der Junge gerade mal 15 und fortan allein mit seiner Mutter Hertha, einem robusten aber herzlichen einstigen Dienstmädchen aus Trebsen. „Ich musste Geld ranschaffen, ging Kegel aufsetzen – in Jägerhof, Schweizergarten, Hotel Pippig“, sagt Bernd Wagner ohne jeden Groll. Und er war „heftig unterwegs“ in den Tanzsälen. Die Wurzener seien davor gewarnt worden, zur Beat-Demo nach Leipzig zu fahren. Weil an dem Tag die DDR gegen Österreich spielte, fuhr Fußballfan und Chemie-Anhänger Wagner trotzdem. Was er nicht wusste: Schon vormittags wurden die Ersten von der Staatsmacht „abgeholt“...

In Wurzen gab es drängendere, dringlichere Probleme: Was wird aus der Schmiede? Wagner, der junge Lyriker mit den „zwei linken Pfoten“, fühlte sich wie das Kuckuckskind im falschen Nest, konnte und wollte nicht in Vaters Fußstapfen treten. An der Goetheschule machte er sein Abi mit Berufsausbildung. Von 1966 bis 1970 studierte er Deutsch und Kunsterziehung an der Pädagogischen Hochschule Erfurt. Fortan arbeitete er als Lehrer in Schmachtenhagen bei Oranienburg. Sein Schwager, ein Verkehrspolizist, nahm sich der alten Wurzener Schmiede an, baute im Hof mehrere Garagen, mangels Material auch aus alten Grabsteinen, erinnert sich Wagner.

Das Buch

Die Sintflut in Sachsen Roman Umschlagbild von Veronika Wagner Wir sind in Wurzen, einer kleinen Stadt bei Leipzig, Joachim Ringelnatz ist hier geboren, die Familie Wagner, deren Weg wir bis heute verfolgen, betreibt eine Schmiede, den Mittelpunkt eines Familienlebens, das Bernd Wagner zum Thema eines hinreißenden, eines bedeutenden Romans unserer Jahre macht. Bernd Wagners Panorama deutschen Lebens im kleinen Wurzen wie im großen Leipzig ist ein faszinierendes Buch für unsere Zeit. Verlag Schöffling & Co. 432 Seiten. Gebunden. € 24,00 €[A] 24,70 ISBN: 978-3-89561-142-1 Bernd Wagner in der LVZ-Autorenarena: 15. März, 11.30 Uhr (Halle 5, Stand D 100)

Als anderthalbjähriger Wehrdienstleistender besucht er Mitte der 1970-er Jahre die von ihm verehrten Gerhard und Christa Wolf in deren Kleinmachnower Wohnung. Wenig später gehört der Schriftsteller zu den Unterzeichnern der Protestresolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Im gleichen Jahr erscheint sein erstes Buch. Er ist freier Schriftsteller und lebt in Berlin. In den folgenden Jahren leidet er unter der Zensur. Er ist Mitbegründer der Untergrund-Zeitschrift „Mikado“, organisiert eine (missglückte) Demo gegen die Sprengung der drei Gasometer im Prenzlauer Berg, die er gern als Kulturzentrum gesehen hätte, und wird 1985 ausgewiesen.

Der dreifache Familienvater lebte in Westberlin, konnte seine drei Kinder nur im Urlaub in der Tschechoslowakei oder Ungarn sehen. Als die Mauer fiel, schnappte er sich sein Rad und dokumentierte das Geschehen. Er lief mit seiner Familie durchs Brandenburger Tor und erlebte in Leipzig eine der letzten Montagsdemos. Er reiste nach Wurzen, wanderte von dort aus bis zur Quelle von Freiberger und Zwickauer Mulde.

2005 erkrankte er, lebte von ALG II. 2008 erschien sein Buch „Berlin für Arme“. Zu dieser Zeit schrieb er bereits am Wurzen-Roman. Heute bezeichnet sich der in Berlin lebende Wagner als konvertierter Preuße, Wurzen ist ihm fremd geworden: „Vieles ist saniert. Aber das lebendige Wurzen des Handwerks, die Stadt der 100 Kneipen, gibt es nicht mehr, die Straßen sind leer, Geschäfte verwaist. Ich glaube, Wurzen muss sich erst wieder finden.“

Von Haig Latchinian

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