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„Berufe im Blick“ – Der Orthopädietechniker: Mehr als nur ein medizinisches Handwerk

LVZ-Serie „Berufe im Blick“ – Der Orthopädietechniker: Mehr als nur ein medizinisches Handwerk

Die meisten würden bei einem Sanitätshaus nur an das Ladengeschäft denken, sagt Matthias Jeromin. Dass viel mehr dahinter steckt, hat Redakteurin Nathalie Helene Rippich sich bei einem Besuch in der Werkstatt zeigen lassen.

Christian Jeromin passt individuell gefertigte Einlagen in die Schuhe der Redakteurin ein.

Quelle: Thomas Kube

Wurzen. Matthias Jeromin führt seit Jahren erfolgreich ein Sanitätshaus mit Filialen in Wurzen und Brandis. 2013 hat er kräftig investiert und in der Ringelnatzstadt einen modernen Werkstattkomplex errichten lassen. Dort werden eifrig Gipsabdrücke gefertigt, um danach Orthesen und Prothesen zu fertigen, es wird vermessen, gefeilt, geschliffen und angepasst. Hier ist das Refugium der Orthopädietechnik-Mechaniker. Jenen Handwerkern, die alles dafür geben, Menschen durch individuell angepasste Hilfsmittel zu größtmöglicher Mobilität zu verhelfen – von der Beinprothese über Schuheinlagen bis hin zum passenden Rollstuhl.

Zu der enormen Investition war Jeromin nur bereit, weil er etwas hat, wovon viele Handwerker derzeit träumen – einen Nachfolger. Sohn Christian, der zunächst eine Ausbildung zum IT-Systemkaufmann machte, hat nach einigen Jahren im Beruf umgeschult und tritt nun in Vaters Fußstapfen als Orthopädietechnik-Mechaniker. „Hätte er sich nicht dazu entschieden, hätte ich nicht mehr ausgebaut“, sagt der Senior.

Doch Christian Jeromin hat in einem anderen Unternehmen als Lehrling angeheuert und nochmals die Berufsschulbank gedrückt. Hat sich zum einen das Handwerk beibringen lassen, zum anderen viel über den menschlichen Körper gelernt. Denn nur wer beides vereint, kann als Orthopädietechniker erfolgreich Menschen helfen. Im kommenden Jahr steht die Meisterprüfung an. Erst wenn die geschafft ist, steigt er voll ins Familienunternehmen ein. „Dann ist das Ziel definitiv, auch hier bei uns auszubilden“, macht er klar.

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Der Beruf des Orthopädietechnik-Mechanikers ist vielseitig und anspruchsvoll. Wir waren im Wurzener Sanitätshaus Jeromin zu Besuch und haben den Medizin-Handwerkern über die Schulter geschaut.

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Zur Zeit arbeitet er hauptsächlich in seinem Lehrbetrieb. „Es war uns wichtig, dass ich woanders lerne und meine Erfahrungen sammle“, sagt der bescheidene junge Mann, dessen Lust auf den handwerklichen Beruf sich am Computer entwickelte. „Ich habe hier im Unternehmen im Büro gearbeitet, alles nur am PC aufgenommen. Irgendwann wollte ich wissen, wie die praktische Arbeit aussieht“, erinnert er sich. Das Interesse für den vielseitigen Beruf habe sich so erst mit der Zeit entwickelt.

Das hat er mit seinem Vater gemeinsam. Auch für ihn war der Orthopädiemechaniker zunächst kein Traumberuf. Matthias Jeromin hat in der DDR gelernt, noch zu Schulzeiten wurde ihm der Beruf nahe gelegt. Ab den 1980er-Jahren leitete er die Werkstatt zunächst als Außenstelle des Kreiskrankenhauses Wurzen. Nach der Wende wurde privatisiert und das heutige Unternehmen aufgebaut. „Den Standort zu erhalten, war eine große Herausforderung. Aber ich hatte eine Verantwortung und an der bin ich gewachsen“, erklärt Jeromin, dessen Frau Gabriele ebenfalls im Sanitätshaus tätig ist.

Mittlerweile beschäftigt er insgesamt 20 Mitarbeiter – vor dem Ausbau vor vier Jahren waren es noch zehn. Im modernen Werkstattbereich riecht es nach Kunststoff, Gips und Kleber. Maschinen surren und überall stehen Hilfsmittel. Seit einem halben Jahr gehört Jens Golde zum Team. „Das Tolle am Beruf ist für mich, dass man es mit Menschen aller Altersklassen zu tun hat.“ Dadurch sei der Beruf abwechslungsreich und es werde nie langweilig. Außerdem habe er eine große Verantwortung und freue sich, wenn er Menschen helfen kann. Stolz zeigt er eine Prothese, an der er gerade arbeitet.

„Das Bein der Dame wurde über dem Knie amputiert, sie ist über 80 Jahre alt, läuft mit Prothese trotzdem ziemlich gut.“ Sie brauche eine neue, da die alte zu groß geworden ist, erzählt der 40-Jährige. Im Werkstattraum nebenan liegt der Gipsabdruck eines Beines auf der Arbeitsplatte. „Der Patient hat einen Spitzfuß und braucht nun eine Schiene. Dafür haben wir einen Abdruck von seinem Bein gemacht.“ An diesen Beispielen, so Golde, werde deutlich, wie vielseitig die Arbeit ist – und wie wichtig.

Goldes Kollege Nico Döring arbeitet seit sechs Jahren für das Wurzener Unternehmen. Er ergänzt: „Neben dem handwerklichen sind zwei Sachen ganz wichtig. Teamarbeit, denn vieles funktioniert alleine nicht. Und der Umgang mit den Patienten.“ Diese seien unterschiedlich, manche seien sehr offen, andere eher verschlossen. „Man muss auf jeden individuell eingehen, denn auch das Hilfsmittel ist individuell. Da spielen automatisch auch Kreativität und Multitasking eine Rolle“, so der 34-jährige Orthopädietechniker.

Orthopädietechnik-Mechaniker

Aufgabengebiet : Maßnahme, Anfertigung, Anprobe und Wartung von Hilfsmitteln wie Orthesen, Prothesen, Rollstühlen und Bandagen, Zusammenarbeit mit Ärzten und Therapeuten

Ausbildung : Duales System aus Berufsschule und praktischer Arbeit im Betrieb, Dauer: 3 Jahre, Abschluss : Gesellenprüfung

Voraussetzungen : Einfühlungsvermögen, Interesse an handwerklicher Arbeit und Technologie, Bereitschaft zur Aneignung von medizinischem Wissen

Einkommen : Einstiegsgehalt in der Region zwischen 1400 und 1700 Euro, später rund 2000 Euro.

Perspektiven : Absolvieren einer Meisterausbildung und damit die Möglichkeit der Selbstständigkeit, anschließendes Studium etwa zum Orthopädietechnik-Ingenieur oder in betriebswirtschaftlicher Richtung

Doch nicht nur der Umgang mit Kollegen und Patienten will gelernt sein. „Es kommt vor, dass Ärzte Hilfsmittel verschreiben, die weniger geeignet sind als andere. Da muss man dann nachhaken, ob nicht ein neues Rezept ausgestellt werden kann“, sagt Jens Golde. Die Anamnese, also ein Gespräch mit dem Ziel relevante medizinische Informationen vom Patienten zu erhalten, und anatomisches Wissen spielen eine weitere wichtige Rolle für erfolgreiche Orthopädietechniker. „In der Ausbildung war das alles anfangs schon schwer, ich musste viel lernen, aber es ist auch sehr interessant und es macht Spaß, wenn man das ganze Wissen anwenden kann, um Menschen zu helfen“, so Golde.

In der Serie „Berufe im Blick“ stellt die LVZ Berufsbilder vor, die eher weniger oder auch allseits bekannt sind. Ob sie Branchen angehören, in denen Fachkräftemangel herrscht oder an denen das Interesse besonders groß ist. Viele dieser Jobs sind Ausbildungsberufe, die man in der Region erlernen kann. Bilden Sie in Ihrem Unternehmen aus oder wollen ein besonderes Berufsfeld vorstellen? Melden Sie sich bei uns – per Mail an landkreis.leipzig@lvz.de oder unter 0341/21 81 21 21.

Von Nathalie Helene Rippich

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