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Wurzen Blinde RB-Fans aus Bennewitz erleben Spiel in München
Region Wurzen Blinde RB-Fans aus Bennewitz erleben Spiel in München
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15:45 23.12.2016
RB-Fan Frank Brümmel ist Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Landkreis Leipzig und selbst erblindet. Fußball „gucken“ geht trotzdem. Quelle: Frank Schmidt
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Bennewitz/Zschoppach

Sie mussten die Schmach von München nicht mit „ansehen“ – und das obwohl sie mittendrin statt nur dabei waren: Christiane (54) und Dieter Mertens (57) aus Bennewitz sind blind, verpassen jedoch seit Jahren kaum ein Heimspiel ihrer Leipziger Rasenballer. Nun reisten sie sogar zum Gipfeltreffen nach Bayern! Trotz 0:3-Klatsche finden sie durchweg anerkennende Worte: „Genau zweimal zu verlieren, ausgerechnet gegen den Bummelletzten und den Tabellenersten – das muss erstmal jemand nachmachen!“

Das Ehepaar vor den Toren Wurzens ist Mitglied im RB-Behinderten-Fanclub „Leipzig-Unified-Bulls“, der sich im Sommer am Cottaweg gegründet hatte und mittlerweile 25 Gleichgesinnte vereint. Donnerstag standen die beiden Bennewitzer noch ganz unter dem Eindruck des unvergesslichen Spiels in der ausverkauften Allianz-Arena: „75 000 Zuschauer, davon 7500 RB-Fans, Gänsehaut pur!“ Es sei phasenweise so laut gewesen, dass sie kaum ihr eigenes, geschweige denn das Wort des Audioguides verstanden: „Manch einer wird denken, was für eine Verschwendung, Blinde ins Fußballstadion zu schicken. Die sehen doch eh nichts. Von wegen. Wir sind stets bestens im Bilde, bekommen ein Empfangsgerät um den Hals gehängt und lauschen über Kopfhörer den Schilderungen zweier Kommentatoren. Exklusiv für Blinde. Eine tolle Sache.“ Wie beim Fernsehen im Zweikanalton entgehe ihnen kein Spielzug. Und nicht nur das: „Wir erfahren, ob der Schiedsrichter in Gelb, Rot oder Blau aufläuft, was auf den Transparenten der Fans steht und ob es die Trainer auf der Bank hält.“ So viele Freunde wie in der Bundesliga-Saison hätten sie noch nie gehabt, witzeln Christiane und Dieter Mertens: „Pro Nase können wir nämlich immer eine Begleitperson benennen.“ An ihrer Seite in München waren diesmal Uwe Wimmer und Jens Mühl.

Auch Frank Brümmel in Zschoppach bei Dürrweitzschen würde gern mal wieder im Stadion sitzen. Der 48-Jährige ist Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenverbandes im Landkreis Leipzig und bekennender RB-Fan: „Als Kind hatte ich jeden Tag mit den Kumpels gebolzt. Wir gingen zu Motor Grimma und Lok Leipzig zum Fußball, legendär die Europapokalspiele gegen Bordeaux, Bremen und Politehnica Timisoara.“ Mit 19 erblindete Brümmel. Netzhautablösung. Der gelernte Datenverarbeitungskaufmann sieht seitdem auf einem Auge schwarz, auf dem anderen flimmern Farben. Anders als der Volksmund behauptet, könnten Blinde also durchaus von der Farbe reden: „Na und von Fußball erst recht. Da bin ich keine Ausnahme. Gerade von unseren älteren, späterblindeten Mitgliedern haben viele früher selber gekickt. Da sind die Bundesliga und RB Leipzig derzeit Dauerthema.“ Ob via Radio, Handy oder Screen Reader – Frank Brümmel verfolgt alle RB-Partien. Er lacht: „Damals hatten wir Rotzer unsere weniger guten Spieler noch als Blinde verspottet, was für ein Irrtum. Es ist verrückt, wozu Blinde imstande sind: Kürzlich vermittelten wir einen blinden syrischen Flüchtling zum 1. FC Lok Leipzig. Der junge Mann war in seiner Heimat Fußballer und suchte Anschluss an einen Verein mit Blindenfußball-Abteilung.“ Brümmel weiß, wie wichtig der Fußball gerade für Menschen mit Handicap ist: „Seit 30 Jahren gibt es endlich wieder eine Leipziger Fußballmannschaft, die sogar international für Schlagzeilen sorgt. Immer wenn RB siegt, bin ich ganz anders drauf, fühle mich mitgerissen, für einen Moment gar nicht mehr behindert.“

Blinder Fanatismus im besten Sinne. Das Bennewitzer Ehepaar Mertens sitzt bei Spielen in Leipzig immer im Block 21, gleich über der VIP-Loge: „Der Fahrstuhl bringt uns zu den Plätzen. Der fliegende Catering-Service verwöhnt mit Essen und Trinken, über Kopfhörer gibt es alle Informationen. Bei RB bekommen wir Blinden dazu sogar ein 20-seitiges Programmheft in Punktschrift.“

Natürlich hätten sich Christiane und Dieter Mertens in München einen Sieg erhofft: „Aber gerade als Aufsteiger kann man schließlich nicht jedes Spiel gewinnen. Freuen wir uns auf die Revanche am 13. Mai in Leipzig!“ Vorwärts Leipziger Jungs, schießt ein Tor für uns: Die Fangesänge der Sachsen seien schon jetzt reif für die Champions League, sagt Christiane und präsentiert ihre Eintrittskarte fürs Münchener Stadion als sei diese der Ausweis für wahres Lebensglück. Sie würdigt die Arbeit des Behindertenfanbeauftragten Axel Ackermann, der für insgesamt 50 Personen auch den Bus nach München gechartert hatte. 23 Uhr ging es am Mittwochabend wieder zurück nach Sachsen. Gegen 5 Uhr war das Ehepaar Mertens daheim in Bennewitz. Um 6 Uhr fielen die beiden ins Bett. Um 9 Uhr war die Nacht vorbei. Das Telefon klingelte. „Wer stört?“ Die LVZ.

Von Haig Latchinian

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