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Brandiser Kantor Joachim Kühnel hinterlässt eine breite Notenspur

Altersteilzeit Brandiser Kantor Joachim Kühnel hinterlässt eine breite Notenspur

Blonde Locken, Side Cut, Karohemd – wenn Joachim Kühnel so auf seinem Drahtesel in Brandis zwischen Kirche und Musikarche pendelt, könnte man ihn doch glatt für 36 halten. Vergangene Woche feierte er Geburtstag – mit der gedrehten Zahl. Jetzt beendet er seine Kantorentätigkeit, geht in Altersteilzeit. Der Nachfolger steht schon in den Startlöchern.

Kantor Joachim Kühnel will kürzer treten und ist nur noch als Gemeindepädagoge tätig.

Quelle: Ines Alekowa

Brandis. Blonde Locken, Side Cut, Karohemd – wenn Joachim Kühnel so auf seinem Drahtesel in Brandis zwischen Kirche und Grundschule pendelt, könnte man ihn doch glatt für 36 halten. Vergangene Woche feierte er Geburtstag – mit der gedrehten Zahl. Zeit, etwas kürzer zu treten, findet er. Kühnel beendet seine Kantorentätigkeit, geht in Altersteilzeit. Der Nachfolger steht schon in den Startlöchern. Die Gründe sind familiärer Natur, verrät Kühnel. „Ich habe hunderte Kinder an die Musik herangeführt, aber für meine eigenen sieben Enkel zwischen sechs und 14 habe ich – vor allem wegen der Wochenendverpflichtungen eines Kantors – keine Zeit. Das soll sich ändern.“

Kühnel hinterlässt seit mittlerweile 39 Jahren eine Notenspur in der Stadt, auf der ihm viele folgen und die kontinuierlich Ton um Ton reicher geworden ist. 1978 wurde er, frisch vom Studium an der Kirchenmusikschule Dresden, auf die Stelle in Brandis pflichtvermittelt. So war das damals. „Meine Frau Katharina und ich wurden sehr freundlich aufgenommen, und die Kleinstadt hat uns schnell gefallen, weil man einander kennt“, erinnert er sich. „Als Christ bin ich sicher, dass Gott mich hier haben wollte. Ich sehe das als Berufung.“

Trotzdem war es für den gebürtigen Bautzener eine Ankunft auf Umwegen. „Musik ist eine brotlose Kunst“, hatte Kühnels Vater, ein Dekorationsmaler, dem Sohn beschieden. Dabei machten die Eltern selbst Hausmusik. „Bei uns gab es viele Instrumente – Klavier, Cello, Laute...“, erzählt Kühnel. Mit sieben bekam er sein erstes eigenes, ein Akkordeon. Beim Kantor nahm er Unterricht und mit zwölf stand für ihn fest: Ich werde auch Kantor. Doch zunächst beugte er sich und nahm eine Lehre zum Büromaschinenmechaniker auf. Für die Aufnahmeprüfung zum Musikstudium lernte er nebenbei. „Ich hätte nie gedacht, dass ich die Fähigkeiten als Mechaniker später mal noch brauchen würde, aber wenn die Kinder heute kommen, wenn die Klarinette klemmt, hole ich meinen kleinen Schraubendreher raus, und dann wird das wieder spielbar gemacht“, schmunzelt er. Denn Kühnel kennt sich nicht nur mit Orgel und Klavier aus, die er, wie auch Religionspädagogik, studierte. Klarinette, Blockflöte und Gitarre hat er sich selbst beigebracht. „Der Klang und die Bauart der verschiedenen Instrumente haben mich schon immer gereizt.“ Klarinette und Orgel sind seine Lieblingsinstrumente, und trotzdem beschränkte sich Kühnel auf die Begleitung der Gottesdienste in Brandis und Polenz, später auch Beucha und Albrechtshain. Für Orgelkonzerte holte er Gastorganisten. „Zur Hälfte Kantor, zur Hälfte Katechet habe ich zu wenig Zeit zum Üben“, bekennt er.

Dafür nimmt er sich umso mehr Zeit, anderen das Spielen beizubringen. In der Kirchgemeinde hat er viele Jahre Blockflöten- und Gitarrenkreis angeboten. Im CVJM, den er 1990 in Brandis mit aus der Taufe hob, gelang es ihm, Musiker aus der Region für die Bläserarbeit zu gewinnen. Und als ihn die Kirche 1997 als Religionslehrer an die Grundschule schickte und deren Leiterin Gerlinde Lipfert ihn für den Aufbau eines Trommelkurses als Ganztagsangebot (GTA) zu gewinnen suchte, konnte er auch nicht nein sagen. „Obwohl GTA zu machen für einen Kantor schon etwas Spezielles ist.“ Andere Instrumente kamen hinzu, und jetzt gibt es ein ganzes Schulorchester. Nachwuchssorgen unbekannt. „Pro Jahrgang melden sich über zehn Kinder neu dazu, um von Freistaat und Schulförderverein gefördert, ein Instrument zu lernen“, freut er sich. In Hans Ross fand Kühnel – „auch das war eine Fügung Gottes“ – einen Mitstreiter. Gemeinsam gingen sie das Projekt Musikarche an, die im September ihr fünfjähriges Bestehen feiert. Das Haus ermöglichte, das musikalische Spektrum beispielsweise noch um Tanzen zu erweitern und vor allem den Musikunterricht auch über die Grundschulzeit hinaus anzubieten. „Denn der Bedarf ist da“, so Kühnels Erfahrung.

Überhaupt geht Kühnel, wenn erforderlich, gern auch mal ungewohnte Wege. Natürlich leitet er Kirchen- und Kinderchor. Aber er hat auch den Gospelchor vor über zehn Jahren mit aus der Taufe gehoben, der jetzt von Annette Erbrich geleitet wird. „Darüber bin ich heute noch glücklich“, sagt Kühnel. Und erzählt auch warum. „Die Kirche erlebt in Deutschland einen starken Rückgang. Denn wenn ich ein Christentum lebe, das sich vielfach mit alten Formen umgibt, finden die meisten Menschen keinen Zugang“, meint er. „Und das betrifft auch die Kirchenmusik mit manchmal über 400 Jahre alten Liedern. Man müsste in dem Musikstil singen, den Konfirmanden hören.“ Kühnel hält es da ganz mit Luther, der dem Volk aufs Maul geschaut und dann erst die Bibel übersetzt hat. Er weiß aber auch, dass das einen Spagat zwischen den Gewohnheiten der Älteren und den Interessen der Jüngeren erfordert. „Aber eine Umwälzung ist an vielen Stellen nötig, um Kirche voranzubringen.“

Ein bisschen möchte Kühnel daran auch noch mitwirken. Er gibt zwar seine Kantorenarbeit auf, „aber Gemeindepädagoge bleibe ich noch bis 65, denn das mache ich genauso gern“.

Von Ines Alekowa

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