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Wurzen Bürgertreff auf dem Wurzener Markt: Demonstration in aller Munde
Region Wurzen Bürgertreff auf dem Wurzener Markt: Demonstration in aller Munde
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17:17 01.09.2017
Einige Wurzener verbarrikadieren ihre Schaufenster aus Furcht vor Zerstörung. Quelle: Frank Schmidt
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Wurzen

Elternrat Thomas Schumann hat sich extra ein T-Shirt bedruckt. Auf der Vorderseite steht: „Wurzen ist lebenswert.“ Auf der Rückseite: „Danke an alle aktiven Menschen.“ Genau diese gebe es im Ort mehr als genug: „Es ärgert mich, wenn unsere Stadt pauschal als braunes Nest tituliert wird. Leute, die nie hier waren, zeichnen ein völlig falsches Bild.“

Trotz Regens wurde der Wurzener Markt am Donnerstagabend zu einer Art „Speakers’ Corner“. Im Vorfeld der für Sonnabend angekündigten Antifa-Demo „Rassistische Hochburg Wurzen entnazifizieren – Tag der Sachsen abschaffen!“ trafen sich etwa 70 Bürger, um Ängste zu teilen, Argumente auszutauschen, sich Mut zu machen. Landrat Henry Graichen (CDU): „Die Stadt ist auf einem guten Weg. Sie, liebe Wurzener, brauchen sich von niemandem sagen zu lassen, wo es Defizite gibt. Das wissen Sie selbst, vor allem, Sie arbeiten daran.“ Das Wurzener Land sei eine aufstrebende Region, in der schon jetzt beispielhaft über den Tellerrand gedacht werde – in Verwaltung, Sport, Kultur, Unternehmerschaft.

„Wurzener Schulen – für Vielfalt und Toleranz“ war zu lesen. Die Gymnasiasten Richard Weigelt, Philipp Barth, Philipp Pensch, Sebastian Hartendorf und Max Lardy grillten Würste. Weil es regnete, half ihnen Marktgastronom Fadil Nuredini mit dem Sonnenschirm aus der Patsche. Seit 1993 ist der Mann aus dem Kosovo in Wurzen: „Ich fühle mich hier wohl, die Stadt ist meine zweite Heimat.“

Wurzen bereitet sich auf den 2. September vor. Das bundesweite Bündnis „Irgendwo in Deutschland“ hat zur antifaschistischen Demonstration gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit aufgerufen. Viele Wurzener befürchten Ausschreitungen und sichern Schaufenster und Häuser.

Der ehemalige Pfarrer Karl-Heinz Maischner zeigte sich tief bewegt: „Musste wirklich ein Wasserwerfer auf Probefahrt durch Wurzen geschickt werden? Hat er nicht zusätzlich Ängste geschürt?“ Bei allen Fortschritten in der Zivilgesellschaft dürfe der Alltagsrassismus nicht verschwiegen werden, so Maischner. Monika Maurer äußerte sich hin und her gerissen: „Antifaschistische Demo – da kann ich unmöglich dagegen sein. Andererseits, wer garantiert uns, dass nichts passiert?“ Der aufgeheizten Stimmung mit Parolen und Pauschalurteilen würde sie als Mitglied in Frauenchor und Ringelnatzverein gern mit Kultur begegnen.

Ganz in diesem, betont unspektakulären Sinne bereite sie eine neue Ausstellung vor, sagte Viola Heß, Vorsitzende des Ringelnatzvereins. Titel: „Karte, bitte weitergeben.“ Als Beispiel für den zivilen Widerstand im Nationalsozialismus will der Verein an das Schicksal des Ehepaares Hampel erinnern, das mit beschriebenen Postkarten wach rütteln wollte. Hans Fallada setzte den zum Tode verurteilten Hampels im Roman ,Jeder stirbt für sich allein’ ein Denkmal.

Klaus Meißner, Stadtrat der Linken, räumte ein: „Ja, auch in Wurzen gab es Vorfälle, bei denen Ausländer angefeindet wurden.“ Er kritisierte, dass die Antifa keinerlei Kontakt zu seinen Genossen an der Basis aufgenommen habe: „Die demonstrieren hier, sind wieder weg und machen die Bürger verrückt.“ Er selbst werde zum Treff gehen und danach entscheiden, ob er sich einreiht, so Meißner.

Oberbürgermeister Jörg Röglin (SPD) versicherte: „Wir werden uns nicht von unserem Weg abbringen lassen, das Zusammenleben in der Stadt zu gestalten.“ Er rechne mit einem friedlichen Verlauf der Demonstration: „Wurzen wird auch am Sonntag noch genauso schön sein wie am Tag zuvor.“

Von Haig Latchinian

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