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Wurzen Das Muldental im Fadenkreuz: Diese Ziele hatte das US-Militär im Visier
Region Wurzen Das Muldental im Fadenkreuz: Diese Ziele hatte das US-Militär im Visier
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00:29 08.01.2016
Der Spitzberg bei Wurzen, der früher mitten im Übungsgelände lag, ist noch heute gezeichnet von der damaligen Präsenz sowjetischer Soldaten. Quelle: Christian Fest
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Muldental

Gleich am Stadtrand von Wurzen beginnt – mit etwas Fantasie – ein Stück australische Dünenlandschaft. Friedliche Steppe, schier grenzenlose Weite und am Horizont der Spitzberg, der heilige „Ayers Rock“ des Stadtwaldes. Kaum zu glauben, dass die Idylle einst Truppenübungsplatz war. Herrliche Fernsichten, klares Wasser, zerklüftete Felsen. Mit Pinsel und Farbe verewigten sich an den Gesteinswänden ganze Generationen sowjetischer Soldaten. Zum Teil sind die noch immer deutlich zu lesenden Namenszüge 40 und mehr Jahre alt. Es heißt, das in Wurzen stationierte 242. Garde-Mot.-Schützenregiment gehörte 1968 zu den ersten Einheiten, die Kurs auf Prag nahmen. Als das Regiment nach der Niederschlagung des dortigen Frühlings wieder nach Wurzen zurück kehrte, war kurzzeitig schulfrei, die Einheimischen begrüßten die „Freunde“ mit Blumen und Geschenken.

Luftbild der „Muna“ Altenhain. Von 1945 bis 1992 diente das Waldstück als Munitionslager der sowjetischen 8. Gardearmee und ab den 1960er-Jahren als Standort der raketentechnischen Basis der 11. Raketenbrigade. Quelle: Privat

Für den 46-jährigen Heimatforscher Dirk Reinhardt ist die von US-Behörden jetzt erstmals öffentlich gemachte Liste mit möglichen atomaren Zielen in Mittel- und Osteuropa während des Kalten Krieges keine Überraschung. Die brisanten Papiere aus dem Jahre 1956 zeigen Pläne auf, wie die USA im Jahr 1959 einen Nuklearkrieg gegen die Sowjetunion und deren Verbündete geführt hätten. Laut LVZ standen Altenhain, Böhlen, Grimma, Pegau, Brandis und eben auch Wurzen ganz oben auf der Abschussliste.

Flugplatz in Waldpolenz diente als streng geheimes Testgelände

Reinhardt befasst sich seit Jahren intensiv vor allem mit zwei ehemaligen militärischen Hotspots, der einstigen Heeres-Munitionsanstalt Altenhain und dem Flugplatz Brandis. Auf einem Feld bei Polenz begann 1933 – zu der Zeit noch im Geheimen – die Ausbildung der Flieger. Die deutschen Piloten übten, nicht nach Sicht, sondern nur mit Instrumenten zu steuern. Oft wurden die Kabinen verhangen, um den Ernstfall noch besser zu simulieren. Später erlebte der Flugplatz wichtige Premieren: Der erste Düsenbomber der Welt, die Ju-287, wurde dort genauso getestet wie die Me-163, der weltweit erste Raketenjäger. Reinhardt weiß, dass die Sowjets kurz nach dem Krieg in Brandis-Waldpolenz ihre ersten Strahljäger erprobten – die MiG-15 und MiG-17. 45 Maschinen des weltgrößten, über zehn(!) Meter hohen Transporthubschraubers vom Typ Mi-6 waren ab 1961 auf dem Flugplatz stationiert. Helikopter der Baureihe Mi-10 konnten nicht nur Fahrzeuge durch die Lüfte schaukeln. Es war geplant, dass sie auch ganze Startrampen mit Raketen von A nach B bringen. Doch dazu kam es nicht mehr.

Der Flugplatz Brandis-Waldpolenz war ab 1949/50 Standort der sowjetischen Strahljäger MiG-15 und MiG-17 – potenzielle Gegner einfliegender amerikanischer Atombombenflugzeuge. Quelle: Privat

„Der heutige Landkreis Leipzig lag an der Nahtstelle zwischen Nato und Warschauer Vertrag. Da wunderte es nicht, dass der große Bruder seine Streitkräfte in der DDR mit den neuesten Waffensystemen ausrüstete“, so Reinhardt. Seiner Meinung nach war der Westen gut informiert über Art und Anzahl von Starts sowie Landungen. Auch über einen Scheinangriff, der sich in den 80er-Jahren ereignet haben soll. Die Amerikaner verfügten über ein dichtes Informantennetz. „Für die Nato war Brandis natürlich eines der Hauptangriffsziele.“

Dirk Reinhardt hat ein Faible für utopische Geschichten

Der in Wurzen geborene Reinhardt wuchs in Nitzschka bei Trebsen auf. Der kunstsinnige Junge mit Vorliebe für Comics, der utopische Geschichten von fremden Planeten, Außerirdischen und der Mondlandung erdachte, wollte nach seinem Abitur Malerei in Leipzig studieren, konnte sich unter den vielen Bewerbern aber nicht durchsetzen. Weil sein Herz auch für die Kriminalistik schlug, heuerte er bei der Bereitschaftspolizei an. Er studierte an der Offiziershochschule in Dresden-Wilder Mann und geriet mitten in die Wendewirren.

Der 46-jährige Trebsener Dirk Reinhardt forscht seit vielen Jahren zum Kalten Krieg. Quelle: Haig Latchinian

Für ihn unvergessen die Sicherung der Züge mit den Prager Botschaftsflüchtlingen, die auf ihrem Weg in den Westen in Dresden eintrafen. Reinhardt erinnert sich an Hardliner, die auf Gewalt setzten, vor allem aber an seine in Moskau ausgebildeten Vorgesetzten, die Friedfertigkeit propagierten.

Reinhardt orientierte sich neu, ging zunächst in den Handel. Der dreifache Familienvater wohnt seit 1998 in Trebsen, ist Mitglied im dortigen Heimatverein, Autor und beruflich im Wachschutz tätig. Als seine drei Jungs noch klein waren, begann er mit ihnen, die im Dritten Reich meistbefahrene Güterzugstrecke Beucha-Trebsen im Modell nachzubauen. Ein Projekt, das er später als Großvater unbedingt fertig stellen möchte.

In Altenhainer Munitionsanstalt wurden Gefechtsköpfe gelagert

Es war sein Ur-Opa Paul, der zu den Erbauern der Altenhainer Munitionsanstalt (Muna) gehörte. Knapp 100 Bunker und fünf Arbeitshäuser gingen am 1. April 1939 mitten im Wald bei Altenhain in Betrieb. Zumeist waren es Frauen, Zwangsarbeiterinnen und Gefangene, die Granaten montierten. Reinhardt geht davon aus, dass in Altenhain auch Gaskampfstoffe gelagert wurden, es gibt zudem Anhaltspunkte, dass dort auch Offiziere aus Thüringen verkehrten, die in die Entwicklung der V-Waffen einbezogen waren.

Von 1945 bis 1992 unterstand das Lager der sowjetischen Armee. Mehrere Skizzen aus dem CIA-Archiv beweisen, dass die Amerikaner, die die Muna nach dem Krieg kurzzeitig selber verwalteten, über die Abläufe in Altenhain gut unterrichtet waren. Als Zuträger fungierten offenbar deutsche Arbeiter und Reichsbahner, die die bis zu drei Ringe um das Lager regelmäßig befuhren.

Kaum 19-jährige sowjetische Soldaten mit einer Gruppe Altenhainer Mädchen vor der dortigen Kirche in den 1950er-Jahren - mögliche Opfer eines Kernwaffenangriffs nach der Zielplanung des amerikanischen SAC von 1956. Quelle: Privat

Ab 1960 wurden in Altenhain Raketen gelagert und gewartet. Zusätzlich, so Reinhardt, gab es in der Muna auch Gefechtsköpfe: „Ob zudem nukleare – darüber können wir momentan nur spekulieren. Vor ein paar Jahren war der letzte Kommandant der Muna, Oberst Iwan Iwanowitsch Kaleda, zu Besuch in Altenhain. Er bestätigte, dass atomare Waffen vorrätig waren.“ Reinhardt berichtet von sogenannten „Dunkelmännern“. So hießen in der Eisenbahnersprache als Güterzüge getarnte Nukleartransporte: „Die fuhren durch Bahnhöfe, deren Beleuchtung komplett ausgeschaltet war.“ Am 8. Dezember 1987 wurde der INF-Vertrag zwischen den USA und der UdSSR unterzeichnet. Gegenstand war die Vernichtung von amerikanischen und sowjetischen Raketen kürzerer und mittlerer Reichweite. In diesem Zusammenhang, so Reinhardt, wurden auch aus der Altenhainer Muna zahlreiche Rüstungen abgefahren: „Ein zu dieser Zeit in Altenhain stationierter russischer Offizier versicherte uns glaubhaft, dass damals auch der als Geheimdienstoffizier eingesetzte heutige russische Präsident Wladimir Putin persönlich in Altenhain war.“

„Wir wären zum Kanonenfutter geworden“

Für Reinhardt steht der Stadtwald von Wurzen symbolhaft für die geglückte Umwandlung eines ehemals militärisch genutzten Areals zum Naherholungsgebiet. „Auf dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen möge. Fakt ist: Wenn es zu einer Eskalation gekommen wäre, hätte es sowohl Ost- als auch Westdeutschland nicht mehr gegeben. Als Pufferzonen der Großmächte wären wir zum Kanonenfutter geworden.“ Reinhardt betont, dass die Russen ihre Truppen und Rüstungen im Osten abgezogen hätten. „Die Amerikaner haben dies im Westen Deutschlands bis heute noch nicht getan.“

Die Liste möglicher Ziele finden Sie auf der Seite des National Security Archive.

Von Haig Latchinian

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