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Wurzen Das leise Sterben der Straßenbäume im Landkreis
Region Wurzen Das leise Sterben der Straßenbäume im Landkreis
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09:40 13.09.2018
Straßenbäume bei Prießnitz – es verschwinden mehr Bäume als nachgepflanzt werden. Quelle: Jens Paul Taubert
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Landkreis Leipzig

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegen manchmal Welten. Auch am Straßenrand. Die Gründe, warum Straßenbäume gefällt werden müssen, sind vielfältig. Baumaßnahmen ist die häufigste. Aber auch die Verkehrsstatistik hat Einfluss auf den Baumbestand an Bundes- und Staatsstraßen.

Das Landschaftsbild verändert sich durch Baumfällungen schrittweise. Quelle: Jens Paul Taubert

 

Die Gesetzeslage

Der Straßenbaum wird oft nicht nachgepflanzt. Grund ist ein Schriftstück mit dem sperrigen Namen „Richtlinie für den passiven Schutz an Straßen“ von 2009. Laut dieser Regelung ist der Baum an der Straße in erster Linie ein Verkehrshindernis und Sicherheitsrisiko. Um das zu mindern, sollen Bäume grundsätzlich auf mindestens 7,50 Meter vom Fahrbahnrand verbannt werden. Die Richtlinie empfiehlt zwar Neupflanzungen, doch oft ist dies gar nicht möglich. Entweder ist zu wenig Platz neben der Straße, weil dort Wohnhäuser stehen. Oder zusätzliche Grundstücke wollen oder können nicht gekauft werden.

Auswirkungen in der Praxis

Der Baumbestand an Sachsens Bundes- und Staatsstraßen geht drastisch zurück, im Landkreis Leipzig zwischen 2010 und 2017 von 24 754 Bäumen auf 21 690. Das sind mehr als zwölf Prozent. Im vergangenen Jahr wurden 574 Straßenbäume gefällt und 209 nachgepflanzt, also nur ein gutes Drittel. Die Zahlen stammen aus der Antwort einer Kleinen Anfrage des Landtagsabgeordneten Wolfram Günther (Grüne) an die Sächsische Landesregierung.

Das sagen die Kritiker

Der Grünen-Politiker Wolfram Günther engagiert sich seit Jahren für dieses Thema. „Die Bilanz zwischen gefällten Bäumen und Nachpflanzungen ist seit 2010 leider durchgehend negativ. Das ist ein dramatischer Verlust“, sagt er. Der Landkreis Leipzig liege mit 33 Prozent Nachpflanzungen unter dem sächsischen Durchschnitt. Im Freistaat wurden seit 2010 durchschnittlich 37,2 Prozent der gefällten Bäume an Bundes- und Staatsstraßen ersetzt. Die Richtlinie, die dafür verantwortlich ist, müsse „dringend überarbeitet werden“, fordert der Politiker. Die Vorschriften sollten seiner Meinung nach nur bei Straßen mit hoher Verkehrsbelastung mit mehr als 2000 Fahrzeugen pro Tag gelten und bei besonders gefährlichen Streckenabschnitten im Bereich von Kreuzungen, Kurven und Böschungen.

Straßenbäume sind ein hoher Risikofaktor für die Verkehrssicherheit. Weswegen weniger Bäume neu gepflanzt als gefällt werden. Quelle: Tilo Wallrodt

Das sagen die Befürworter

Bäume sind eine unterschätzte Gefahr, wird häufig betont. Immer wieder sterben Menschen bei Verkehrsunfällen im Zusammenhang mit Straßenbäumen. Im Jahr 1995 wurde deshalb eine Baumunfallstatistik eingeführt. Die „Zeitreihen“ des Statistischen Bundesamtes – als PDF-Dokumente im Internet nachlesbar – zeigen die konkreten Zahlen. Diese sind rückläufig, sie sinken Jahr für Jahr. 1995 gab es in Deutschland fast 25 000 Unfälle im Zusammenhang mit Straßenbäumen. Dabei starben 2029 Menschen. 2009, als die neue Richtlinie eingeführt wurden, waren es 13 700 Unfälle mit 775 Todesopfern. 2017 verweist die Baumunfallstatistik auf 10 800 Unfälle mit 527 Todesopfern.

Diesen Trend zeigt die gesamte Unfallstatistik. Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland 2,6 Millionen Verkehrsunfälle. Dabei wurden 3180 Menschen getötet und 66 513 schwer verletzt. Im Jahr 1995 gab es 9454 Verkehrstote und 122 973 Schwerverletzte.

Das sagen die Ämter

Der Landkreis Leipzig bemühe sich grundsätzlich um Ersatzpflanzungen, erklärt Sprecherin Brigitte Laux. Beim grundhaften Ausbau einer Straße, also einer Komplettsanierung, sei dies allerdings oft problematisch, vor allem bei Alleen. Man brauche für einen 7,50-Meter-Abstand mehr Land. Das erhöht die Kosten. Oft würden auch Landwirte ihre Ackerflächen nicht verkaufen wollen. „Der Charakter der Landschaft wird sich durch die fehlenden Obstbaum-Alleen ändern. Hier gegenzusteuern ist aber für den Landkreis kaum möglich“, so Laux.

Ausgleichsmaßnahmen für gefällte Bäume gibt es trotzdem. Das betont Nicole Wernicke vom Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv). Wenn also Bäume vor Ort nicht nachgepflanzt werden, gibt es anderswo dafür einen Ausgleich. Entscheidend ist ihrer Meinung nach nicht der Vergleich des prozentualen Anteils der neu gepflanzten Bäume im Verhältnis zu den gefällten Bäumen, wie ihn die Grünen aufstellen würden. Zwar sei in Sachsen der Gesamtbestand der Straßenbäume von 2010 bis 2017 gesunken. „Der Gesamtbestand der Alleebäume blieb im gleichen Zeitraum dagegen annähernd konstant“, so Wernicke. 2010 seien es sachsenweit 42 623 gewesen, 2016 lag die Zahl bei 41 100.

Andreas Jahnel-Bastet, Pressesprecher der Grünen-Landtagsfraktion, hält die Ausgleichsmaßnahmen für keinen adäquaten Ersatz. „Das müssen nicht immer Nachpflanzungen sein und dies kann ganz woanders stattfinden“, sagt er. Eine Ausgleichsmaßnahme ist zum Beispiel auch die Renaturierung eines Bachs viele Kilometer entfernt. Das sei ja prima – „aber für den Ort, wo der Baum gefällt wurde, ist es kein Ausgleich“.

Das sagen die Kommunen

„Wir bemühen uns darum, die Baumaßnahmen so zu planen, dass so wenige Bäume wie möglich weggesäbelt werden müssen“, erklärt Sebastian Bachran, Sprecher im Grimmaer Rathaus. Die Stadt will „sehr grün agieren“ und legt Wert auf ihr Öko-Konto. Das sei spürbar. So gebe es weniger Kritik von Bürgern, was das Baumfällen betrifft.

Kritische Worte dagegen kommen vom Frohburger Bürgermeister Wolfgang Hiensch. Ihm geht es weniger um eine bestimmte Richtlinie, sondern allgemein um den Baum. „Zunehmend verschwinden Bäume aus dem Landschafts- und Ortsbild und werden nicht annähernd durch Ersatz- oder Neupflanzungen nachhaltig kompensiert“, kritisiert der Stadtchef.

Öffentlichen und privaten Bauvorhaben müssten immer wieder Bäume und Sträucher weichen. „Obwohl dafür meist Ersatzpflanzungen erfolgen, kontrolliert Jahre später niemand, ob diese noch existieren“, so Hiensch. Viele solcher Nachpflanzungen bieten einige Zeit später nur noch „einen jämmerlichen Anblick und werden wahrscheinlich nie wieder ein Wachstumsstadium erreichen, mit dem sie Nahrungsquelle und Brutplatz für Vögel und Insekten oder prägend für unser Landschaftsbild sein können.“

Straßenbaum

Ein Straßenbaum beschattet die Fahrbahn, absorbiert durch sein Laub im gewissen Maße Lärm und Schadstoffe, nimmt Kohlendioxid auf und liefert Sauerstoff, senkt an heißen Tagen durch die Verdunstung die Temperatur der Straßenluft und trägt durch sein Grün zum schöneren Ortsbild bei.

Außerhalb von Ortschaften gibt es landschaftsprägende Alleen, weit verbreitet in Ostdeutschland. Doch es werden von Jahr zu Jahr weniger.

Typische Straßenbäume sind Linden, Rosskastanien, Ginkgo sowie in wärmeren Gegenden auch Platanen. Gelegentlich werden Spitz- und Bergahorn, Mehl- und Vogelbeeren sowie Baumhasel verwendet.

Wegen der globalen Erwärmung wird davon ausgegangen, dass es in Zukunft mehr Hitze- und Trockenperioden bei zugleich kalten Wintern gibt. Baumarten wie Linde, Ahorn, Platane und Kastanie erleiden an manchen Standorten bereits Schäden durch Trockenheit, Frost und dadurch beförderte Schädlinge und Baumkrankheiten.

Experten gehen davon aus, dass deshalb vermehrt Baumarten aus Südosteuropa, Asien und Amerika gepflanzt werden. Dazu zählen Zürgelbaum, Hopfenbuche, Blumenesche, Silberlinde, Perlschnurbaum, Zelkove, Eisenholzbaum, Magnolie und Lederhülsenbaum.

Von Claudia Carell

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