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Wurzen Das soll aus dem Kulturhaus in Beucha werden
Region Wurzen Das soll aus dem Kulturhaus in Beucha werden
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12:06 11.02.2019
Das Kulturhaus in Beucha gegenüber vom Bahnhof bietet einen traurigen Anblick. Quelle: Ines Alekowa
Brandis/Beucha

 Das Beuchaer Kulturhaus bietet einen traurigen Anblick. Vor rund 100 Jahren als Gaststätte „Feldschlösschen“ erbaut, steht das Objekt inzwischen seit über 20 Jahren leer. Küche, Sanitäranlagen und sämtliche Medien sind hoffnungslos veraltet. Im Keller steht das Wasser, die Wände sind feucht, der Garten verwildert.

Kulturhaus: Die Küche ist hoffnungslos veraltet. Quelle: Ines Alekowa

Im Ortschaftsrat Beucha stellten Tina Meiercord und Hanka Lesser vom Landschaftsarchitekturbüro Knoblich jetzt erste Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie vor, welche die Stadt vor einem Jahr beauftragte. Die Fragestellung lautete: Wie kann das Traditionsgebäude durch Umnutzung wiederbelebt werden? Was muss dazu baulich geschehen und könnte wie finanziert werden? Die Antwort interessierte auch zahlreiche Bürger. „So gut besucht war unsere Sitzung seit Langem nicht“, freute sich Ortschaftsratsvorsitzender Wolfgang Drescher.

Potenzial ausschöpfen

Gesucht waren innovative Ideen unter dem Stichwort: „Was gibt es anderswo noch nicht?“ Dabei sollte einerseits das Potenzial der Immobilie ausgeschöpft werden – die ist gegenüber dem Bahnhof, wo stündlich Züge nach Leipzig fahren, ideal gelegen. Zugleich aber sollten Charakteristika des Hauses, wie das „Fass“ oder der große Saal erhalten bleiben.

Charakteristisches Merkmal des Kulturhauses: Das Fass. Quelle: Ines Alekowa

Meiercord und Lesser hatten an verschiedene Nutzungsmöglichkeiten durchgespielt, einige schnell wieder von der Liste gestrichen: Ein Ärztehaus, weil es Mediziner in der Umgebung mit eigenen Immobilien gebe. Ein Indoor-Erlebnis-Park oder ein Fitness- und Wellnessangebot käme angesichts der Konkurrenz in Leipzig nicht in Frage. Ein Hotel auch nicht, da fehle die Nachfrage.

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Gründerzentrum oder Coworking-Space

„Ideal wäre eine Kombination der verbliebenen Möglichkeiten“, so Meiercord. Das hieße wieder Gastronomie, denn das Angebot im Ort ist überschaubar, dazu Kultur und Veranstaltungen. Der Saal könnte für öffentliche wie private Feiern vermietet werden. Möglich wäre auch ein Gründerzentrum oder Coworking-Space, in dem junge Unternehmer für kleines Geld Räume und Equipment mieten können. Wohnungen im Dachgeschoss kämen dem Bevölkerungswachstum entgegen und böten zugleich eine sichere Einnahme.

Die Geschichte vom Kulturhaus Beucha

Versetzen wir uns einmal zeitlich um 80 Jahre zurück. Der Bahnhofsvorplatz ist noch nicht befestigt und die heutige August-Bebel-Straße allenfalls ein breiter Feldweg. Schräg gegenüber steht das „Feldschlösschen“, tatsächlich ein Schlösschen im Felde. Man kann im schattigen Biergarten sitzen, eine Kugel auf der Freiluftkegelbahn schieben, auf der Glasveranda einen Kaffee schlürfen, von der Eismaschine ein Eis holen oder in der I. Etage im Ballsaal das Tanzbein schwingen. Gustav Pietsch, der damalige Besitzer, hat daneben noch einen Hof mit Pferdeställen und Scheune, eine sog. „Ausspanne“. Man kann sich mit der Pferdekutsche fahren lassen. Vor dem „Feldschlösschen“ können beladene Wagen und Autofuhren, insbesondere vom Kohlehandel Grohmann, auf der Fuhrwerkswaage gewogen werden.

Umbau im Feldschlösschen

Nach dem Zweiten Weltkrieg änderten sich die Besitzverhältnisse, und die HO (Handelsorganisation) übernahm das Feldschlösschen. Die Betreiber wechselten, Johann Staudt lenkte von 1954 bis 1959 die Geschicke des Gasthofes. Danach fand ein Umbau statt. Auch das vorher private Kino wurde ab 1949 staatlich. Anfang der 70er-Jahre gab es Überlegungen für eine Veränderung. Die Gemeinde wollte hier einen großen Saal haben, auch eine Küche mit Abo-Essen; immerhin gingen viele Frauen in Beucha arbeiten. 1973 war Baubeginn.

Dorf engagiert sich

Jeder Betrieb des Ortes übernahm spezifische Arbeiten und bezahlte seine hieran beschäftigten Arbeiter weiter. Der VEB Kies- und Natursteine erledigte die Materialbeschaffung, die LPG „Granit“ stellte außer dem Bauleiter eine Maurerbrigade, Bottichbau Luckwitz fühlte sich alle Holzarbeiten zuständig, die PGH „Elegant“ übernahm Transport- und Reinigungsarbeiten. Der Meliorationsbetrieb stellte große Geräte zur Verfügung und half bei Ausschachtungsarbeiten. Auch alle Handwerker des Dorfes engagierten sich: So stellte Franz Scherzer Terrazzoplatten, -stufen, -fensterumrandungen her, Rolf Thier verlegte die Elektrik, Schmiede-Förster fertigte die Treppengeländer, Klempner Michael und seine Leute erledigten alle einschlägigen Arbeiten.

Freiwillige Helfer

Während des Baues waren viele Probleme zu lösen: Man kämpfte mit einer rückständigen Kohle-Heizungsanlage, aus dem Keller wurde das Wasser mit Schwimmerpumpen abgeleitet, die Umlüfter waren ungünstig. Fürs Kino, dass seit 1959 vom tatkräftigen Horst Bauer geleitet wurde, musste ein neuer Vorführraum geschaffen werden. Unzählige freiwillige Helfer aus dem Dorf packten ohne Bezahlung tüchtig mit an. Letztendlich beliefen sich die Baukosten auf circa 500.000 M. Die HO vollendete das Gemeinschaftswerk mit der Lieferung der Möbel und Kücheneinrichtung sowie des Geschirrs. 1976 konnte eine eindrucksvolle Einweihung gefeiert werden. Gedankt wurde allen Beteiligten, doch die größte Anerkennung verdiente Manfred Naumann, welcher der ständig laufende Motor des Baues gewesen ist.

Fass, Café mit Terrasse, Gaststube

Von nun an war das „Feldschlösschen“ unser Kulturhaus. In der unteren Etage befanden sich das beliebte Fass und das Café mit Terrasse, eine moderne Küche und die Gaststube. Die obere Etage hatte einen kleinen und einen großen Saal mit Bühne, die durch einen derben Vorhang getrennt oder vereint werden konnten, sowie eine Bar. Die Kinobesucher saßen im großen Saal, der Vorführraum lag eine Treppe höher. Die Sanitäranlagen waren vorbildlich. Jeder älterere Beuchaer weiß von einer Vielzahl Kulturveranstaltungen zu berichten: Konzerte, Festlichkeiten, Ausstellungen, Tanzvergnügen, Kino. Das Kulturhaus war nicht mehr aus dem Dorfleben wegzudenken.

Theater-Abende im Kulturhaus

Ein besonders ruhmvolles Kapitel waren die großen „Theater-Abende“ im Haus. Schon in den 20er-Jahren hatte es eine „Dramatische Abteilung der Arbeiter-Vereine in Beucha“ gegeben, wovon alte Programmzettel künden. Bis zu 40 Personen haben mitgespielt, so zur Aufführung von Gerhart Hauptmann Schauspiel „Die Weber“ am 10. Februar 1924 im „Feldschlösschen“. Mit Hitlers Machtantritt wurden alle Arbeitervereine verboten, was auch das Aus für die Dramatische Abteilung in Beucha war.

Wohl nicht wenige der damaligen Akteure sind gleich nach Kriegsende nochmals aktiv geworden, fanden sich mit Jüngeren zusammen, suchten nach spielbaren Stücken, probten und besorgten Kostüme. Erst nach 1952, als mit Kurt Sperling einer der wichtigen Schauspieler nach Berlin ging und dort noch 30 Jahre lang am Deutschen Theater kleinere Rollen spielte, zerfiel die Beuchaer Laien-Gemeinschaft.

Beuchaer vermissen kulturelles Leben

Nach der Wende begann der Abstieg des einst so beliebten „Feldschlösschen“, und nun fristet das Kulturhaus schon lange ein inhaltsloses entwürdigendes Dasein. Die Beuchaer vermissen das kulturelle Leben und fragen sich, was mit dem Kulturhaus geschehen soll. Noch immer gibt es keinen Entscheid über die weitere Nutzung. Und wenn Beucha das Nutzungsrecht erhält – wer soll das bezahlen?

Die erwähnte „Ausspanne“ des „Feldschlösschens“ erfuhr weitere Nutzung. Die Pferdeställe im hinteren Teil des Hofes wurden zur Wohnung des Hausmeisters ausgebaut. Daneben gab es den Schulungsraum der Freiwilligen Feuerwehr, seit das Gebäude 1962/63 vom Feuerwehrgerätehaus mit Schlauchtrockenturm umgebaut wurde. Ende der 50er-Jahre entstand im vorderen Teil der Scheune ein Waschstützpunkt mit mehreren Waschmaschinen, denn viele Familien hatten noch keine solche Hausfrauen-Erleichterung. Später wurden die Räume als Sammelstelle für Altstoffe genutzt, bei großen Sammelaktionen fasste der Hof kaum die Kinder mit ihren vollbeladenen Handwagen.

Aus: „Beucha – ein Dorfrundgang“ von Käte Löhr, 2008

Geschätzte Kosten: Drei Millionen Euro

Über Vereinsräume im Obergeschoss würde sich nicht nur der Heimatverein freuen. Das Foyer sollte für Ausstellungen erhalten bleiben – etwa um Touristen in Form eines Geoportals auf die zahlreichen Anziehungspunkte in und um Beucha hinzuweisen. Mit der Bergkirche am Steinbruch, dem See und Klettermöglichkeiten gibt es einige. Um bei öffentlicher Nutzung Ansprüchen an Barrierefreiheit und Brandschutz zu genügen, müssten ein Aufzug und ein zweiter Fluchtweg eingebaut werden. Der Hof böte Platz zum Parken, auch ein Freisitz ließe sich anlegen. Bei der Grobkostenschätzung allerdings blieb den Beuchaern erst mal die Luft weg: Rund drei Millionen Euro.

Beucha: Das Feldschlösschen vor dem Umbau. Quelle: Archiv

Auch deshalb stellte das Planungsbüro drei Betreiberkonzepte zur Debatte: Erste Variante: Die Stadt bleibt alleiniger Besitzer, muss Akquise und Verwaltung selbst stemmen. Diese Variante wollte das Büro ausdrücklich nicht ausschließen, riet aber davon ab: „Die Investitionen würden sich durch Einnahmen erst nach 40 Jahren rechnen.“ Zweite Möglichkeit: Eine gemeinnützige GmbH, vielleicht als Tochter der Stadt, wird gegründet, Vereine übernehmen Aufgaben mit, die Wohnungsgesellschaft verwaltet die Wohnungen. Drittes Konzept: Das Objekt wird an privat verkauft in Verbindung mit einem Forderungskatalog, der zum Beispiel Erhalt und Mitnutzung des Saales sichert. „Das wäre sicherlich wirtschaftlich am sinnvollsten.“

Unterhalt des Objekts kostet 6000 Euro im Jahr

„Jetzt ist es an uns, die Ergebnisse kritisch zu bewerten“, meinte Bürgermeister Arno Jesse (SPD). Und forderte zugleich auf nachzudenken, „ob das Kulturhaus das Geld wert ist, denn wir haben noch andere Aufgaben zu erfüllen“, verwies er unter anderem auf die Schulen. Schon jetzt kostet der Unterhalt des Objektes jährlich rund 6000 Euro. Andererseits, so Jesse, wäre weiterhin Kultur im Haus schön. „Sonst hätten wir es verkauft, wie es ist. An Ideen mangelt es sicher nicht, aber daran, wie wir die Investition stemmen und das Haus betreiben sollen. In den Doppelhaushalt 2019/20 passen drei Millionen nicht rein.“

Das Kulturhaus Quelle: Ines Alekowa

Einige Anlieger fürchteten um ihre Nachtruhe, wenn im Kulturhaus wieder Feste gefeiert würden. „Wir haben jetzt schon den Brennpunkt Bahnhof, wo abends ständig Lärm ist.“ Erwin Stache hingegen konnte nicht nur die Kosten von drei Millionen Euro „nicht nachvollziehen“. Er warnte auch: „Wenn das Konzept in Richtung Verkauf geht, bleibt die Kultur außen vor. Denn mit Kultur ist kein Geld zu verdienen.“

Anlieger fürchten Lärm

In der Diskussion gingen die Meinungen auseinander. Ortschaftsrätin Bärbel Uhlig leuchtete ein Verkauf zwar ein, aber sie bezweifelte nicht als einzige, „ob es dafür überhaupt Interessenten gibt, die auch noch Räume für nichts an Vereine geben“. Eine Frau fand den Saal-Erhalt „reizvoll, weil es sonst keine größeren Säle in der Umgebung gibt“, eine andere die Idee für Coworking sympathisch. „Das nutzt die Nähe zu Gewerbegebiet und Autobahn und bringt abseits von Gastronomie Kaufkraft in den Ort.“ Als zusätzliche Idee wurde eine Tagespflege genannt – die auf den Tag beschränkte soziale Nutzung würde nicht mit der Wohnnutzung im Haus selbst wie in der Umgebung kollidieren.

Der Saal im Kulturhaus bot 220 Besuchern Platz. Quelle: Ines Alkeowa

„Vielleicht haben die Beuchaer ja nichts gegen eine langsame Instandsetzung für kleines Geld“, stellte Claudia Kösters vom Kulturhaus-Verein in den Raum. „Lasst uns Bauabschnitte daraus machen“, griff Ortschaftsrat Uwe Hampel diese Idee auf. „Was wäre für wie viel Geld zu haben?“ Das Planungsbüro wird diese Frage bis Ende März beantworten. Dann müssen die Fördermittel abgerechnet werden. Die Studie kostet 48000 Euro und wird zu 60 Prozent aus dem Leaderprogramm gefördert.

Beucha: Das Restaurant "Feldschlösschen" mit der davor liegenden Fuhrwerkswaage. Quelle: Archiv

Von Ines Alekowa

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