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Der schönste Kintopp Deutschlands

Der schönste Kintopp Deutschlands

Böhlitz. Die Leute gehen Wände hoch, durchs Wasser und in die Luft: Das Bergfilmfestival ist auch rund herum filmreif. Im Steinbruch wird geklettert, getaucht, balanciert.

. Bogenschützen treffen ins Schwarze, Klippenspringern brennen die Füße, Seilakrobaten klinken sich in luftiger Höhe aus. Da ein Hund ohne Leine, dort ein Kind mit Windel. Und vom Kanu aus bläst Ekki Jäcklin, der kletternde Trompeter, Mendelssohn-Bartholdys „O Täler weit, o Höhen."

Willkommen im Spielberg! Während Moderator Peter-Hugo Scholz die vom Nepperwitzer André Schedler gebastelten XXL-Langlaufski präsentiert und liebe Gäste aus Russland sowie dem Kongo begrüßt, verrät Vollblutmusiker Ekki – inzwischen auf einem Autoanhänger am Klavier sitzend – er sei Krankenpfleger und arbeite in der Psychiatrischen Klinik für suchtkranke Straftäter.

600 Kletter- und Filmfreunde strömten bei Postkartenwetter am Wochenende in den Bruch. Viel mehr als im Vorjahr, sagte Veranstalter Patrick Kliszak, Vorsitzender der IG Klettern. In der Hohburger Schweiz hatte der Leipziger in den 70-ern das Klettern erlernt: „Ich war früher Messdiener. Mit dem Kaplan fuhren wir bis Wurzen und stapften acht Kilometer über verschneite Felder. Bis zu den Knien versanken wir manchmal im Schnee."

Axel Hake, Kletterer aus Braunschweig, genießt den „schönsten Kintopp Deutschlands". Vor wenigen Tagen meisterte er in Albanien die letzte noch nicht durchstiegene 1000-Meter-Felswand Europas. Drei Meter unterm Gipfel sei ihm ein Felsblock auf den Fuß gefallen. Deshalb humpele er auch. Die fünf Wettbewerbsfilme will er sich dennoch nicht entgehen lassen. Der Wurzener Kletterer Denis Thomas nutzt das Festival, um mit der Spendenbüchse durch die Stuhlreihen zu laufen. Er sammelt Geld für den dieser Tage im Kirnitzschtal abgesoffenen, bei hungrigen Bergsteigern beliebten „Buschmüller".

Patrick Kliszak erlebte das Auf und Ab nicht nur am Fels: Aus dem Messdiener war damals ein Mitglied der Friedensbewegung geworden. Wegen „Beeinträchtigung staatlicher und gesellschaftlicher Tätigkeiten" landete er in den 80-er Jahren im Knast. Er wurde von der Bundesrepublik freigekauft. Im Westen baute er die Kölner Medienfabrik mit Druckerei, Werbeagentur und Fotostudio auf. Als 40-Jähriger machte er sein Hobby zum Beruf. In Leipzig-Mockau kaufte er einen Wasserturm und eröffnete darin 2004 die höchste überdachte, künstliche Kletterwand Europas. Obwohl er kein Vereinsmeier ist, engagiert er sich in der IG Klettern, für die Hohburger Schweiz und das Festival.

Ernst Schock, einstiger Sozialdezernent, ist hier Stammgast. Als Kletterer schwärmt er von den Steinbrüchen der Region, in denen damals auch Fritz Wiesener, späterer Pionier an der Eiger-Nordwand, kraxelte. Turnlegende Erika Zuchold ist die Schöpferin der Trophäe, die diesmal an den österreichischen Festivalgewinner Uwe Behringer mit „Blind am Abgrund" geht. Sie lobt die entspannte Atmosphäre des von Steinarbeitern erschaffenen Amphitheaters mit erleuchteten Felsritzen: „Wir haben sogar Vollmond. Was wollen wir mehr?" Sie kann nicht ahnen, was noch kommt: Nach dem Feuerwerk wollen laut Veranstalter acht junge Störenfriede mit Sieg-Heil-Rufen eine Schlägerei provozieren. Vergeblich.

Am Vorabend noch wurde das Festival als einer der „365 Orte im Land der Ideen" geehrt. Brauchen diese Orte demnächst Sonderbewachung? Patrick Kliszak ließ sich von den im Ort namentlich bekannten „Rotzern" nicht beirren. „Ich versuche innerlich dagegen anzukämpfen, mir von denen das wunderbare Festival versauen zu lassen. Aber es war schon oberpeinlich. Wir alarmierten die Polizei, doch die kam erst viel später."

Haig Latchinian

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