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Ehemalige Lehrer und Eltern kritisieren Zustände am Freien Gymnasium

Borsdorf Ehemalige Lehrer und Eltern kritisieren Zustände am Freien Gymnasium

Viele Pädagogen sollen die Schule zuletzt verlassen haben – mehrheitlich aus Protest gegen die Schulleitung. Die Folge seien häufige Stundenplanänderungen und Unterrichtsausfall. Was steckt hinter der Kritik, die auch von einigen Eltern geäußert wird?

Am Freien Gymnasium Borsdorf unterrichten aktuell rund 40 Lehrkräfte mehr als 370 Schüler.

Quelle: Andreas Döring

Borsdorf. Das Freie Gymnasium Borsdorf (FGB) hat in der Öffentlichkeit den Ruf einer Mustereinrichtung unter den privaten Schulen in Sachsen. Die Bildungsstätte, die 2016 ihren ersten Abiturjahrgang verabschiedete, wird von der Volkssolidarität (VS) Leipziger Land/ Muldental geführt und pflegt Partnerschaften mit vielen Betrieben, Institutionen und besonders mit anderen Schulen. Ihrem Leitbild gemäß begreift sie sich als „offener Ort der Begegnung, Verständigung und Lebensfreude“.

Hinter den Kulissen scheint es allerdings Differenzen zu geben. Nach LVZ-Informationen sollen von Schuljahresende 2016 bis heute nicht weniger als 20 Lehrer ihre Anstellung am Gymnasium gekündigt haben. Die meisten davon, weil sie angeblich mit den Entscheidungen der Schulleitung nicht mehr konform gegangen sind. Mehrere Elternteile, die allesamt anonym bleiben möchten, haben das unabhängig voneinander bekundet. Unter anderem liegt der LVZ ein Leserbrief von Ende Oktober 2017 vor. Darin heißt es auch, dass Stundenpläne häufig geändert würden und der Unterricht in den höheren Klassenstufen auf der Kippe stünde.

Zwei Lehrkräfte, die nicht mehr am FGB arbeiten und ihren Namen nicht in der Zeitung lesen wollen, haben den personellen Aderlass gegenüber der LVZ bekräftigt. Von „schweren Differenzen“ ist die Rede. Ihre Kritik: Die Schulleitung habe Beschlüsse über die Köpfe des Lehrpersonals hinweg gefasst. Sie sei in ihren Entscheidungen mehr auf Außenwirksamkeit bedacht gewesen, worunter die Unterrichtsqualität sehr zu leiden gehabt habe.

Träger: Mehr Personalwechsel als uns lieb ist

Um die Wogen zu glätten, seien viele Gespräche geführt worden – ohne Erfolg, sagen die beiden Lehrkräfte weiter. Sie heben unter anderem hervor, dass sich bereits im vergangenen Jahr eine Gruppe von Pädagogen an den Träger gewandt und in einem von 17 Kollegen unterschriebenen Schriftstück ihre Sorgen kundgetan habe. Eine anschließende Mediation sei aber ergebnislos geblieben.

Lutz Stephan, seit anderthalb Jahren Geschäftsführer der Volkssolidarität Leipziger Land/Muldental, bestätigt Schriftstück und Mediation. Die gegen die Schulleitung erhobenen Vorwürfe weist er allerdings entschieden zurück: „Der demokratische Führungsstil an dieser Schule entspricht dem Leitbild der Volkssolidarität – unterschiedliche Elternmeinungen, fachliche Diskurse oder verantwortliche Leitungsentscheidungen sind nicht Widerspruch, sondern Ausdruck demokratischen Handelns.“

Schwere Differenzen zwischen einzelnen Schulgremien habe es ihm zufolge nicht gegeben. Vielmehr seien viele Vorhaben und Projekte erst durch das gemeinsame Wirken aller am Bildungs- und Erziehungsprozess Beteiligten möglich gewesen. Dass zuletzt vermeintlich 20 Pädagogen das FGB verlassen haben, bezeichnet Stephan als falsch, räumt aber ein, dass es „mehr Personalwechsel“ gab, „als uns lieb ist“. Als Begründung verweist der VS-Geschäftsführer auf die sachsenweit wirkenden schwierigen Rahmenbedingungen sowie den Lehrermangel, mit dem nicht zuletzt Schulen in freier Trägerschaft zu kämpfen hätten.

Den Vorwürfen gleichermaßen eine Abfuhr erteilt Schulleiterin Kai Hakl. Bei einem Vorort-Gespräch betont sie, dass alle Kollegen aus der Zeit der Schulgründung noch immer dem Lehrkörper angehören: „Das spricht Bände für unseren Zusammenhalt.“ Heike Winter, Kunstlehrerin und stellvertretende Schulleiterin, sagt: „Wir haben diese Schule aufgebaut. Das war eine große Herausforderung. Die Anschuldigungen treffen mich hart.“

Schulleiterin: „Die Anschuldigungen treffen mich hart“

Die Gründe für den Weggang von Lehrern sind laut Schulleitung vielschichtig. „Wir haben ein sehr junges Kollegium“, hebt Hakl hervor. Vor allem hätten Veränderungen im persönlichen Leben wie zum Beispiel Schwangerschaften, berufliche Veränderungen, Wohnortwechsel sowie finanzielle Anreize eine Rolle gespielt. So sei es vorgekommen, dass Pädagogen mitten im Schuljahr vom Freistaat Sachsen abgeworben wurden. Konkrete Angaben zum Personal darf die Schulleiterin aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht machen. Nur so viel: Am FGB unterrichten aktuell rund 40 Lehrkräfte mehr als 370 Schüler.

In dem erwähnten Leserbrief wird auf einen angeblich „massiven Mathe-Ausfall“ hingewiesen. Dadurch hätten die zehnten Klassen bei der besonderen Leistungsfeststellung 2017 in Mathe nur einen Durchschnitt von 4,5 erreicht. Ein Schüler, der im vergangenen Sommer auf eigenen Wunsch zu einem anderen Gymnasium gewechselt ist, aber noch gute Kontakte zum FGB hält – sein Name ist der Redaktion bekannt – sagt: „Zurzeit hat die Schule nur drei Mathelehrer.“ Auch weil ein Mathe-Physik-Lehrer die Schule im Oktober verlassen habe.

Eltern: Massiver Mathe-Ausfall und schlechte Ergebnisse

Die Schulleitung spricht hingegen von 13 Lehrkräften, die Mathematik unterrichten, nennt zudem Zahlen zum regulären Unterricht in allen Fächern. Demnach habe die Ausfallquote im Schuljahr 2015/16 bei 2,4 Prozent gelegen, 2016/17 bei 3,0 Prozent, aktuell seien es 1,6 Prozent. „Leipzigweit bewegen wir uns damit im unteren Drittel“, sagt Hakl, die Änderungen im Stundenplan insbesondere auf die langwierigen Sanierungsarbeiten am Schulgebäude zurückführt.

Ein Kritikpunkt mehrerer Eltern: Die Schulleitung informiere nur unzureichend über die Zustände am Gymnasium. Dass zum Beispiel mehrere Pädagogen 2016 demonstrativ die Schulkonferenz verlassen hätten – ein Vorgang, den die beiden anonymen Lehrkräfte bestätigen, sei erst viel später publik geworden, sagt ein Elternpaar – auch dessen Namen liegen der Redaktion vor – und ergänzt: „Bei kritischen Nachfragen redet die Schulleitung alles schön.“ Ein anderer Vater und eine Mutter, beide haben jeweils ein Kind am Gymnasium und möchten ebenfalls ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, schildern ähnliche Erfahrungen.

Schulleiterin Hakl hält dagegen: Über das Gymnasium betreffende Dinge habe sie regelmäßig mit allen Beteiligten gesprochen. Sie habe mehr als 14 Elternbriefe innerhalb von anderthalb Schuljahren verschickt sowie umfangreiche Informationen bei Gesprächen im Elternrat übermittelt.

Lutz Stephan betont, dass es zwischen ihm, einigen Eltern und Lehrern mehrere konstruktive Gespräche gab. Seitdem sei eine Reihe von Punkten am Gymnasium umgesetzt worden, etwa im Bereich der Kommunikation, Rahmenbedingungen und tariflichen Ausgestaltung beim Personal. „Trotz der enormen Quereinsteigerquote in Sachsen haben wir ausschließlich grundständig ausgebildete respektive erfahrene Fachkräfte an unserer Schule“, hält der VS-Geschäftsführer fest. Dass die Lehrmethoden am FGB offenbar greifen würden, belegt er mit den im sächsischen Vergleich überdurchschnittlichen Abiturnoten von im Schnitt 2,3 für das Schuljahr 2015/16 und 2,2 für 2016/17.

Schulaufsichtsbehörde: Wir können nicht eingreifen

Nicht in das Geschehen am FGB involviert ist übrigens die Sächsische Bildungsagentur. „An freien Schulen liegt die Personalhoheit beim Träger“, sagt Roman Schulz, Sprecher der Regionalstelle Leipzig. Die Schulaufsichtsbehörde stünde nur bei konkreten Anfragen zur Verfügung, könne erst eingreifen, wenn der Schulbetrieb nicht mehr ordnungsgemäß gewährleistet sei. „Darüber ist uns am Borsdorfer Gymnasium aber offiziell nichts bekannt“, so Schulz.

Von Matthias Klöppel

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