Volltextsuche über das Angebot:

27 ° / 11 ° heiter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Ehemalige und heutige Neuweißenborner treffen sich in der Heimat

Dorfporträt Ehemalige und heutige Neuweißenborner treffen sich in der Heimat

Es war ein richtiges Sterntreffen. Aus ganz Deutschland und darüber hinaus kamen dieser Tage ehemalige und jetzige Bewohner eines der kleinsten Dörfer im Landkreis Leipzig zusammen. Familientreffen in Neuweißenborn bei Wurzen. Erinnert wurde an Amis und Russen, Bomben und Bonbons, an lustige Kinderstreiche und schwere Schicksalsschläge.

Alle heutigen und ehemaligen Neuweißenborner zum „Klassenfoto“ am Ortsausgang.

Quelle: Christian Fest

Wurzen/Neuweißenborn. Die 75-jährige Ruth Brose spielte schon als kleines Mädchen begeistert Akkordeon. Sie sang in der Kapelle „Rondo“ und wollte so gern auf die Musikschule nach Halle. Doch als Kind Nummer neun war an solche Extravaganzen nicht zu denken. „Du wirst Buchhalter“, beschloss ihr Vater. Tatsächlich arbeitete Ruth zunächst als Buchhalterin, später als Ökonom, zuletzt als Klubleiterin. Die alleinerziehende Mutter einer Tochter hatte es nie leicht: „Es war ein Makel, du fühltest dich wie Freiwild und es wurde getratscht. Aber ich habe immer so gelebt, dass ich die Achtung vor mir nie verliere.“ Sie besuchte ihre Eltern bis zu deren Tod jedes Wochenende, kümmerte sich, wo sie nur konnte. 1998 verkaufte sie, die so gern Künstlerin geworden wäre, schweren Herzens das Elternhaus – Ironie des Schicksals: an einen Musiker. Und was für einen. An einen Star. Jens Sembdner von den „Prinzen“ verliebte sich auf den ersten Blick in das Haus, zog mit seiner Familie ein. Und so war es auch ein Prinz, der Neuweißenborn wieder wach geküsst hatte. Immerhin: Mitte der 1980er-Jahre drohte das Minidorf auszusterben, hatte nur noch knapp ein Dutzend Einwohner.

Ruth Brose gehörte dieser Tage mit zu den Ehemaligen, die ihr einstiges Heimatdorf besuchten. Es war ein richtiges Sterntreffen. Die in alle Himmelsrichtungen verstreuten Ex-Neuweißenborner leben inzwischen in allen Ecken und Enden Deutschlands – und sogar darüber hinaus. Wie Gunter Mayer (62). Er ist in der Nähe von Litomerice (Tschechien) zu Hause, repariert Autos und hat eine eigene Werkstatt. In Leipzig hatte er bei Skoda gelernt, hatte oft im Nachbarland zu tun und schlug dort irgendwann Wurzeln. „Immer, wenn ich nach Leipzig fahre, mache ich Station in Neuweißenborn. Es ist meine Heimat, hier kenne ich jeden Baum und jeden Strauch. Ich liebe das Dorf.“

Er ist der Sohn der 86-jährigen Barbara und Volker Mayer aus Dresden, die beim Wiedersehen zu den ältesten Ehemaligen gehörten: „Mein Mann wurde 1955 als Förster in Neuweißenborn eingesetzt“, sagt Ehefrau Barbara, eine Dame von Welt: „Wir waren jung verheiratet und kamen aus der Großstadt. Das Leben auf dem Dorf war für uns eine gewaltige Umstellung. Zum Glück hatten wir einen Brunnen und somit Wasser, außerdem das einzige Telefon im Ort, weshalb alle zu uns kamen, wenn sie anrufen wollten oder eine Nachricht erwarteten.“ Eine Zeit lang musste sie sich um bis zu 400 Hähnchen der Staatlichen Forstwirtschaft kümmern: „Wir waren glücklich, und ich fuchste mich rein.“

An glückliche Jahre in Waldesnähe erinnert sich auch die langjährige Trebsener Bürgermeisterin Heidemarie Kolbe (67). Von 1971 bis 1976 wohnte ich mit meinem Mann Peter und den beiden Kindern in einer Neubauernstelle. „Es gab kein fließendes Wasser. Mit einem kleinen Hänger musste ich jeden Tag vier Milchkannen voll heranschaffen. Regelmäßig wurde der Waschhauskessel angeworfen. Ein Sohn stürzte rückwärts in die kleine Wanne mit kochendem Wasser. In Gummistiefeln, mit Schürze und Trabi ging es in die Klinik. Drei Wochen musste das Kind auf dem Bauch liegen. Zum Glück – alles wurde wieder gut.“

Peter Kolbe (73) erzählt über seinen Großvater Franz Jentzsch. Der einstige Schäfermeister, der Brot für die Dorfbewohner gebacken und auf dem Feld ein uraltes Steinbeil gefunden hatte, war einer der ersten Bewohner von Neuweißenborn. „Wie der Nachbarort Rothersdorf war auch Neuweißenborn ein Vorwerk vom Trebsener Rittergut. In Rothersdorf, im sogenannten Ochsenseminar, standen die Arbeitsochsen, in den beiden Neuweißenborner Ställen die Schafe“, sagt Peter Kolbe. Seine Mutter, Helma Jentzsch, war Tochter des Schäfermeisters. Sie wohnte in einer alten Kate und erlebte am 20. Oktober 1943 den verheerenden Bombenangriff auf das Dorf. Das Forsthaus wurde getroffen, ein großer Trichter auf der Straße nach Altenhain erinnerte noch lange an die Dramatik. Schutz suchten Helma und ihre Lieben im Erdbunker hinterm Garten. Weil sich das Dorf in der Nähe des Munitionslagers (Muna) befindet, waren die Auflagen für die Bewohner streng: Erst erlebten die Neuweißenborner die amerikanischen Besatzer, dann die sowjetischen Befreier.

Wolfgang Ponnwitz (66) hat das Wiedersehen der großen Neuweißenborner Familie organisiert. Er begrüßte aus Niedersachsen und Wurzen die Brüder Dieter (65) und Günther Thiele (64) mit ihren Partnerinnen Ingrid und Dagmar. Ponnwitz besitzt noch die steinerne Ortseingangstafel von 1853, die an den Advokaten Baumann erinnert, der als Bauherr in Erscheinung trat. Ponnwitz, dessen Vater Arthur LPG-Vorsitzender war, lernte Landmaschinen- und Traktorenschlosser, zog 1980 erst nach Eilenburg und dann im Auftrag seiner Firma in die große weite Welt: Unter anderem stieß er in Albanien und Venezuela auf Erdöl. 1995 kam er zurück nach Neuweißenborn und erlebte seitdem einen vergleichsweise stolzen Bauboom: Vier neue Doppelhäuser, dazu vier Eigenheime entstanden in jüngster Zeit. „Inzwischen sind wir fast 60 Einwohner, hier sind sogar Direktoren und Professoren zu Hause. Die Neuzugezogenen bringen sich mit ein, unter anderem haben wir schon zwei Kinderfeste gefeiert.“

Marianne Tekhaus (70), gelernte Industriekauffrau, reiste zur Feier des Tages extra aus Dortmund an. Sie zeigte sich gut gelaunt, dabei erlebte sie in Sachsen auch bittere Zeiten: „Meine Mutter Linda wurde 1986 auf ihrem Fahrrad von einem Laster der Roten Armee erfasst und starb sechs Wochen später im Krankenhaus.“ Zwar sei sie jetzt ein Wessi, aber das Sächsisch verrate sie noch immer: „Na und? Wir hatten zwar keine Bananen, mussten aber nicht hungern. Wir spielten für unser Leben gern. Am liebsten Räuber und Schlambambel.“ Sie erinnert sich noch an allerhand Kinderstreiche: „Wir hatten Gläser auf die Türklinken gestellt, geklingelt und sind abgehauen. Als geöffnet wurde, hörten wir es von weitem klirren. Ins Höhrrohr von Frau Zobel schütteten wir Wasser, und Kirschen hatten wir im Garten der Villa gemaust.“ Bärbel Erfurth (75), heute in Altenhain zu Hause, wohnte damals in der Villa: „Wir mussten jede Menge Kirschen abliefern. Mit dem Handwagen brachte ich sie auf den Trebsener Bahnhof.“

Helga Thiele (65) aus Nordhausen berichtet, dass ihr Vater Gerhard im Frühjahr 1945 noch mit eigenen Augen gesehen hatte, wie Tote vom KZ Mittelbau-Dora aus dem Zug geworfen wurden. Er flüchtete vor den Angriffen auf Nordhausen zu den Großeltern nach Neuweißenborn: „Dort wurde er bis Kriegsende versteckt. Mein Opa versorgte ihn. Er wollte nicht, dass der Junge noch verheizt wird.“

Und Ruth Brose, die Frau, die damals so gern Musik studiert hätte? Sie erzählt davon, wie es damals war, als sie das Elternhaus an den bekannten Popsänger Jens Sembdner verkaufte: „Anfangs wollte ich nicht. Aber der Prinz ließ nicht locker und ich willigte ein. Er sagte noch, seine Frau sei der glücklichste Mensch.“ Leider, und das beschäftige sie noch immer, wählte die Frau wenig später den Freitod, der Sänger habe das Dorf daraufhin verlassen. „Herr Sembdner schrieb ein vielbeachtetes Buch mit dem Titel ,Von unten betrachtet geht es nur nach oben: Mein Weg zurück ins Leben’. Ich habe es mir gekauft. Das Paar war sehr liebenswert. Schade, zu der Tasse Kaffee, auf die mich Herr Sembdner eingeladen hatte, ist es nicht mehr gekommen.“ Daraufhin hat die einstige Neuweißenbornerin zusammen mit Tochter Silke versucht, den Sänger am Rande eines Konzerts in der Arena abzufangen: „Ich wollte ihn doch so gern sprechen. Aber es war alles abgeriegelt. Keine Chance.“

Von Haig Latchinian

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Wurzen
  • LVZ-Fahrradfest 2017
    Logo LVZ-Fahrradfest

    Das 13. LVZ-Fahrradfest lud am 14. Mai 2017 wieder Radler ein, gemeinsam in die Pedalen zu treten. Fotos, Videos und Infos finden Sie in unserem Sp... mehr

  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • LVZ Sommerkino im Scheibenholz
    LVZ Sommerkino im Scheibenholz: Alle Infos zu Filmen, Ticketverkauf und dem Rahmenprogramm.

    Sehen Sie hier einen Rückblick auf das LVZ Sommerkino im Scheibenholz vom 14. Juli - 3. August 2016. mehr

Blättern Sie in der prall gefüllten Veranstaltungsbeilage und entdecken Sie die Termine aus unserer Region. mehr

Gemäß des packenden „Drei in einer Reihe“-Prinzips müssen Reihen aus mindestens 3 Steinen gebildet und aufgelöst werden. Hier kostenlos im Spieleportal von LVZ.de spielen! mehr

  • Gutes von hier

    Das regionale Schaufenster mit Produkten und Dienstleistungen aus dem Leipziger Raum - von traditionell bis innovativ. Gutes von hier eben! mehr

  • Auf dem Lutherweg

    Spannende Entdeckungsreise mit Martin Luther: Die LVZ pilgert zum Jubiläumsjahr der Reformation 2017 auf dem Lutherweg. mehr

  • Sparkassen Challenge
    Logomotiv der Sparkassen Challenge 2017

    "Sport frei!" heißt es auch 2017 bei zahlreichen Wettkämpfen der Sparkassen-Challenge. Alle Events mit vielen Fotos finden Sie hier! mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die LVZ in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten LVZ das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr

  • Onlineabo

    "LVZ-Online Extra" heißt das Online-Premiumangebot der Leipziger Volkszeitung, das Sie überall auf der Welt und rund um die Uhr nutzen kö... mehr

27.05.2017 - 21:05 Uhr

Mit diesem Sieg stehen die Pleißestädter aus Regis-Breitingen vor der Meisterschaft und dem Aufstieg in die Kreisoberliga.

mehr