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Wurzen Eilenburger feiern 60. Geburtstag ihrer Schanze
Region Wurzen Eilenburger feiern 60. Geburtstag ihrer Schanze
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17:06 06.11.2018
Längst Kult: Flutlichtspringen auf der Eilenburger Schanze. Felix Uhlmann vom WSV Bad Steben fliegt ins Muldental. Quelle: Alexander Bley
Eilenburg

 Martin Hamann aus Altenbach bei Wurzen träumt sein Leben nicht. Er lebt seinen Traum. Im Winterurlaub mit den Eltern, damals in Garmisch-Partenkirchen, stand für den siebenjährigen Spatz aus dem Muldental fest: Ich werde Adler, ich werde Skispringer! Nur drei Monate später ging er in Eilenburg tatsächlich von der Schanze. Schon formulierte er sein nächstes Ziel: „Ich will zur Vierschanzentournee!“

Skispringer Martin Hamann aus Altenbach bei Wurzen hatte seine Skisprungkarriere einst in Eilenburg begonnen. Quelle: Andreas Döring

Er machte das Wunder wahr, gab 2014 seine Premiere in Oberstdorf, scheiterte jedoch in der Qualifikation. Und das nur denkbar knapp. Ein Zehntelpunkt fehlte. Bei der Tournee 2017/18 klappte es – mit 108 Metern sicherte er sich in Oberstdorf den Platz unter den besten 50. Was für eine Leistung! Umso entsetzter waren Familie, Freunde und Fans, als Martin nur Sekunden vor seinem Sprung zurückgepfiffen wurde: Disqualifiziert trotz Qualifikation! Diesmal entschieden sechs Millimeter.

Der Muldentaler hüpfte einst in Eilenburg

Der heute 21-jährige Vizejuniorenweltmeister in der Mannschaft begann in Eilenburg bei Trainer Bodo Dotzauer. Dotzauer, so heißt kurioserweise auch Martins Freundin Lisa, mit der er sich im Erzgebirge eine Wohnung teilt. Martin: „Sie ist Langläuferin und Tochter des einstigen, bekannten Nordisch-Kombinierten der DDR, Uwe Dotzauer, der mit Bodo aber weder verwandt noch verschwägert ist.“ Da muss selbst Bodo lachen: „Mein Bruder heißt auch Uwe, ist genauso alt wie sein prominenter Namensvetter und sprang in Klingenthal auf der Vogtlandschanze sogar gegen ihn.“

Bodo Dotzauer ist Vereinschef der Eilenburger Adler. Quelle: Wolfgang Sens

So klein ist die Springerwelt. Und immer wieder fällt der Name Dotzauer. Josef Dotzauer, nach dem die Eilenburger Schanze inzwischen benannt ist, stammt aus Bublava, von der tschechischen Seite des Aschbergs. Als Kind war er dort bereits von der Schanze gesprungen. In den Kriegswirren verschlug es ihn mit seinem Vater und den Geschwistern in die Eilenburger Region. Im Sommer war er leidenschaftlicher Leichtathlet, im Winter erfolgreicher Skispringer. Zu Wettkämpfen wich er nach Klingenthal, Schneckenstein und ins benachbarte Hohburg aus, da es in Eilenburg zunächst keine Schanze gab.

Eilenburg: die weltweit vierte Mattenschanze

Das sollte sich bald ändern. Hans Renner, der damalige DDR-Auswahltrainer, erfand in Zella-Mehlis das Mattenspringen. Der Grundstoff dafür, das PVC, wurde im VEB-Zelluloidwerk in Eilenburg hergestellt. Also entschied der einstige Verkaufsleiter und bekennende Sportfreund Bernhard Schiele, in Eilenburg die weltweit vierte Mattenschanze zu bauen. Neben Sportlehrer Josef Dotzauer, dem Architekten Ernst Meixner und Übungsleiter Heinz Miersch gehörte auch der heute noch lebende Gustav Bieske zu den „Aktivisten der ersten Stunde".

Das Festprogramm

10. November

14 Uhr: Beginn des Springens in allen Altersklassen und auf allen drei Schanzen (K35, K22, K9)

Gegen 14.30 Uhr: Einweihung des mannshohen und künftig unter dem Kampfrichterturm frei hängenden Holzskispringers, den Uwe Dotzauer aus einem Baumstamm geschnitzt hat.

Im Anschluss: Radiomoderator Roman Knoblauch verabschiedet Ulrike Gräßler vom aktiven Leistungssport

Ab 17 Uhr: Kleines Festprogramm im Zelt, dazu Bilder aus 60 Jahren Schanze und Siegerehrung der Sprungläufe

Ab 20 Uhr: Disco mit Radio Sputnik bis gegen 2 Uhr

Mit Hacke und Spaten, Torf und Folie, Maschendraht und besagten Matten entstand in freiwilliger Knochenarbeit die Schanze der Jugend. Am 8. November 1958, dem Tag des Chemiearbeiters, bestieg der nach dem Krieg spät heimgekehrte, einst zum Olympiakader zählende Max Meixner den Holzturm und vollführte den umjubelten 13-Meter-Weihe-Sprung. Für seine vielen Aufbaustunden wurde der gelernte Sattler Kurt Brauße ausgezeichnet. Der ist heute stolze 83 – und gilt als Deutschlands ältester aktiver Skispringer.

Deutschlands ältester aktiver Skispringer Kurt Brauße. Quelle: Christoph Busse

Brauße stand in Schmiedefeld erstmals auf Brettern, die fortan seine Welt bedeuteten. Nach den Meisterschaften in Hohburg wagte sich der tollkühne Bursche sogar den Bakken am vogtländischen Aschberg hinunter. Er absolvierte ein Fernstudium und arbeitete 20 Jahre als Sportlehrer an der Friedrich-Schiller-Oberschule in Eilenburg. Zwar wetteiferte Kurt Brauße in seinen besten Jahren mit solchen Assen wie Harry Glaß, den Sprung nach ganz oben schaffte er nie: „Als BSG-Sportler war das auch nicht drin." Nach wie vor trainiert der zweifache Senioren-Weltmeister mehrmals wöchentlich. Ja, er möchte noch einmal springen, zum Abschied, vielleicht sogar in Eilenburg, lacht Brauße, der seit fast 50 Jahren in Suhl lebt.

„Wir freuen uns, dass Kurt am 10. November dabei ist, wenn wir den 60. Geburtstag unserer Schanze feiern“, sagt Bodo Dotzauer, Leiter der Abteilung Ski des SV Lok Eilenburg. 24 Mitglieder hat die Sektion, darunter Langläufer, Nordisch-Kombinierte und eben Spezialspringer. Die große Schanze wurde Mitte der 1960er-Jahre umgebaut. 1994 musste sie aus Sicherheits­gründen gesperrt werden. Einige Jahre standen nur die beiden kleineren Schanzen zur Verfügung. Erhard Künitz, Bernhard Schiele, Werner Tauchnitz und all die anderen ließen nicht locker. Nach langem Kampf weihten die Skispringer am 6. November 1999 im Beisein von Weltmeister Jens Weißflog ihre neue Schanze ein. Neben Land, Landkreis, Stadt und Sponsoren beteiligten sich auch die Bürger mit 40 000 Mark an dem 250 000 Mark teuren Stahl-Koloss.

Die Eilenburger Skispringerin Ulrike Gräßler hatte 2009 bei der Weltmeisterschaft in Liberec die Silbermedaille gewonnen. Die Titelkämpfe in Tschechien galten als die ersten Weltmeisterschaften für Frauen im Skispringen. Quelle: dpa

Andy Jacob ist mit 37 Metern Schanzenrekordhalter. Eine könnte sicher nicht mehr über diesen Bakken gehen – die Eilenburgerin Ulrike Gräßler. Sie ist viel zu gut für die Schanze, würde irgendwo in den Kleingärten landen. Sie galt lange als beste Skispringerin Deutschlands und beendet am 10. November ihre leistungssportliche Laufbahn genau dort, wo sie 1994 begonnen hatte – in Eilenburg, ihrer Heimatstadt. Fliegende Mädchen waren zu der Zeit noch die absolute Ausnahme. Sie mussten ihre Wettkämpfe gemeinsam mit den Jungen austragen.

Im Flachland gibt es selten Erhebungen, konsequent wird das in Eilenburg ausgenutzt. Das Skispringen von der Schanze am Burgberg hinab ins Muldetal hat eine 60-jährige Tradition.

Ende der 1990er-Jahre nahm das Damen-Skispringen immer mehr Fahrt auf. Es gab erste internationale Vergleiche. Im Herbst 2000 reiste „Ulli“ zum internationalen Damenskispringen nach Meinerzhagen und wurde Vierte. Trainer Bodo Dotzauer ließ daraufhin seine Beziehungen nach Klingenthal spielen und überzeugte die Verantwortlichen im Landesleistungszentrum, Ulrike als erste Springerin in die Trainingsgruppe von Heinz Wosipiwo aufzunehmen. Unter dessen Fittichen wuchsen Ulli Flügel. Sie stieg in der Folgezeit zur erfolgreichsten deutschen Springerin auf.

Ulrike Gräßler bleibt Eilenburg treu

2009, bei den ersten Weltmeisterschaften der Damen, gewann Ulrike Gräßler in Liberec die Silbermedaille auf der Normalschanze. Als bei den Nordischen Skiweltmeisterschaften 2013 in Val di Fiemme erstmals ein Mixedmannschaftswettbewerb ausgetragen wurde, gewann Gräßler mit der deutschen Mannschaft an der Seite von Carina Vogt, Richard Freitag und Severin Freund hinter Japan und Österreich die Bronzemedaille. Ulrike ist echte Eilenburgerin. Die 31-Jährige wohnt noch immer in der Stadt. Auch Vater Robby und Mutter Sylvia leben in der Region. Genauso wie Bruder Axel, dessen Sohn Bjarne in die 1. Klasse geht und Skispringer ist.

In einer Woche, zur Geburtstagsfeier der Heimatschanze, erleben die hoffentlich zahlreichen Zuschauer das Einlösen einer nicht ganz alltäglichen Wette. Roman Knoblauch, Moderator bei Radio Leipzig, den Ulrike Gräßler durch ihre Tätigkeit als Co-Kommentatorin für Eurosport kennt, hat ihr damals in die Hand versprochen: „Wenn du mal aufhörst, springe ich von der Eilenburger Schanze.“ Ob er Wort hält? Helm, Anzug, und Stiefel hat er bereits geholt, die Skier anprobiert ...

Von Haig Latchinian

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