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Ein Prosit auf die 100-Jährige:Geburtstagsfeier auf dem Friedhof

Ein Prosit auf die 100-Jährige:Geburtstagsfeier auf dem Friedhof

Wackelmänner mit 50 Umdrehungen machen die Runde: "Ein Schluck auf Oma!" Die Gratulanten nehmen einen Hieb und schütteln sich kurz. Nun bringen sie die Blumen aufs richtige Maß: "Die Schere schneidet ja, wie der tote Hund beißt!" Die Sonne lacht.

Und nicht nur die. Jemand fragt: "Habt Ihr die Oma gewaschen?" Nach dem Gießkannenprinzip wird der Grabstein gereinigt. Darauf gülden-goldig zu lesen: Erna Willfurth, 25.9.1915 - 13.6.1999.

Gestern hätte Erna 100. Geburtstag gefeiert. In den Herzen ihrer sechs Kinder, 19 Enkel, 27 Urenkel und zwölf Ur-Urenkel zwischen Sachsen, Niedersachsen, Bayern, Rheinland-Pfalz und Australien lebt sie weiter. Nein, auf dem Wurzener Friedhof trauerte niemand. Alle waren glücklich, Erna gekannt oder wenigstens von ihr gehört zu haben.

Oma sei mit allen Wassern gewaschen gewesen - vorzugsweise mit eiskalten, erinnern sich ihre Kinder Anita, Peter, Hannelore, Christel, Hubertus und Jochen. Erna, der netteste Feldwebel der Welt: "Als Rentnerin organisierte sie den Jugendtanz. Zahlte einer ihrer Pappenheimer im Dorfkrug nicht, schoss Oma die Summe vor, um sie am Morgen einzutreiben. Der Zechpreller solle sich zu ihr scheren, blies sie Eltern den Marsch." Die in Thammenhain geborene Bäuerin saß in LPG-Vorstand, Gemeinderat und Kommissionen. Sie war stolz auf den Titel "Erstes tuberkulosefreies Dorf der DDR", bezahlte mit Eiern und mästete Schweine. Die gingen ins NSW (nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet). Meist jedenfalls. Als ihr die Kapelle der Stahlwerker spontan ein Ständchen brachte, ließ sie kurzerhand zwei der Schweine schlachten. Nicht nur Genießer, auch Genossen nahm sie sich zur Brust.

Mit ihren Kindern, vielen Läusen und noch mehr Flöhen gelang ihr 1945 die Flucht aus Hinterpommern. In Frauwalde arbeitete sie bei Bauern, fütterte das Vieh, verzog Rüben und las Kartoffeln. Sie wollte von niemandem etwas geschenkt haben, verdiente sich das Geld für die Familie selbst. Wenn andere über die bösen Russen herzogen, widersprach sie. Sohn Hubertus tippt auf sein lichtes Haupt: "Hier, sehen Sie diese Narbe? Als kleiner Junge stürzte ich die Treppe nach unten und fiel auf den Kopf. Es waren die Russen, die die riesige Wunde zusammenflickten, die mir zu essen und zu trinken gaben."

Immer mehr Angehörige treffen auf dem Friedhof ein. Zwei Töchter bitten den Reporter auf die Bank und nehmen ihn in die Mangel: "Rechts und links zwei Rosenstöckchen, in der Mitte sitzt das Böckchen", scherzen sie. In mitgebrachten Alben zeigen sie Fotos ihrer Mutter: "Man könnte denken, sie hat im Blumengeschäft gearbeitet. Aber nein, der Schnappschuss entstand bei einer Geburtstagsfeier." Im Besitz der Familie sind zudem Tagebuchnotizen der Mutter, in Wurzen und Umgebung noch immer bekannt wie ein bunter Hund: "Ihre Aufzeichnungen lesen sich so spannend wie ein Roman. Man hätte ihn verfilmen können. Aber das hätte sie nicht gewollt. Sie wollte immer bleiben, wer sie ist."

Die Kinder betonen, ihren Partnern ein ganzes Leben lang treu geblieben zu sein. Genau das sei ihrer Mutter so wichtig gewesen, sagt die eingeschworene Truppe. Erna Willfurth selbst ließ sich nach dem Krieg von ihrem ersten Mann scheiden und lebte fortan mit Emil. Er, der Opa, kochte in der Nacht am liebsten Kaffee, unterstützte seine hochbetagte Erna beim Jugendtanz, und wenn er am Tag drei Sätze sprach, war das schon viel.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.09.2015

Haig Latchinian

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