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Ein Stück Deuben-Bennewitzer Industriegeschichte

Die Hülsmannschen Ziegeleien Ein Stück Deuben-Bennewitzer Industriegeschichte

Die Hülsmann-Werke prägten zwischen 1857 und dem Ende des II. Weltkrieges Deuben und Bennewitz. Der Deubener Günther Geißler hat alles Bekannte über die verschwundenen Ziegeleien in dem Buch „Die Hülsmannschen Ziegeleien um Deuben und Bennewitz“ zusammengefasst.

Die Tonwarenfabrik 1910, von West nach Ost gesehen. Im Vordergrund die Tongrube, links die Turmspitze der Villa Hülsmann, rechts im Hintergrund die Wenceslaikirche in Wurzen.

Quelle: privat

Bennewitz/Deuben. Die Hülsmann-Werke prägten zwischen 1857 und dem Ende des Zweiten Weltkrieges Deuben und Bennewitz. Um die Jahrhundertwende war Hülsmann mit 250 bis 300 Arbeitern hier der größte Arbeitgeber. Heute ist er meist nur noch den älteren Einwohnern ein Begriff. Bevor auch noch über die letzte Erinnerung – so wie schon längst über die ehemaligen Lehmgruben – Gras wächst, hat der Deubener Günther Geißler alles Bekannte über die verschwundenen Ziegeleien in dem Buch „Die Hülsmannschen Ziegeleien um Deuben und Bennewitz“ zusammengefasst.

Zu Jahresbeginn wurde er für sein heimatpflegerisches Wirken mit einem Ehrenamtspreis der Gemeinde Bennewitz ausgezeichnet (die LVZ berichtete). Denn es war nicht das erste Mal, dass der gebürtige Deubener auf diese Weise Heimatgeschichte bewahrte.

In feines, dunkelblaues Leinen gebunden liegt vor Geißler die „Chronik der Kirche Deuben“. Die hatte er nach zwei Jahren Arbeit 2014 fertiggestellt. Anlass, sich mit ihr näher zu beschäftigen, war die 2011 abgeschlossene Sanierung des Gotteshauses. „Damit hat die Kirche so gut ausgesehen, wie schon seit Jahrhunderten nicht mehr“, sagt Geißler, seit 40 Jahren im Kirchenvorstand aktiv. 2263 Akten hat er für die Chronik unter anderem im Kirchenarchiv in Bennewitz eingesehen. „Ich musste sogar die alte Schrift noch einmal lesen lernen“, erzählt er. Lohn war manche Überraschung. Zum Beispiel, dass der helle Taufstein zwischenzeitlich mit Ölfarbe gestrichen war, um rostige Eiseneinschlüsse im Sandstein zu überdecken. „Als Cornelius Gurlitt (1850 in Nischwitz geborener Kunsthistoriker – Anmerkung der Red.) das gesehen hat, ist ihm fast schlecht geworden. Er hat darauf bestanden, dass die Farbe entfernt wird. Der Kampf hat fast vier Jahre gedauert.“ Ebenso kurios sei, dass das Altarbild noch einmal existiert, nämlich in Bertsdorf bei Zittau. „Weil den Deubenern ihres nicht mehr gefallen hat, hat der Maler Wilhelm Walther seinen Entwurf für Bertsdorf genommen und für Deuben coloriert.“ Wer es nachlesen möchte – in der Kirche liegen zwei Exemplare zur Ausleihe.

Das Sammeln von Geschichte(n) begleitet den 66-Jährigen schon von Kindesbeinen an. Dabei sei er in der Schule weder in Geschichte noch in Deutsch besonders gut gewesen, wie er einräumt. „Mich hat weniger interessiert, wer wann wo regiert hat, sondern wie die einfachen Leute gelebt haben. Ich habe aufgeschrieben, was im Dorf los war und sich veränderte.“ Dazu entstanden die ersten Fotos mit dem Apparat des Vaters. Das erste Mal aus seinem Fundus schöpfte er 2002, als er zum 100-jährigen Bestehen der Feuerwehr, in der er ebenfalls lange Jahre Mitglied war (1962 bis 2005), deren Geschichte zusammenfasste.

Dass sich Geißler nach der Kirchenchronik ausgerechnet für die Hülsmann-Werke interessierte, liegt an seinem beruflichen Hintergrund. Er hatte im Schamottekombinat Brandis, das nach Hülsmanns Enteignung 1948 und Zuordnung zum VVB FEMA in Meißen 1952 neuer Rechtsträger wurde, Elektriker gelernt und nach dem Fachschulstudium in Mess- und Regeltechnik bis Ende der 1990er in Brandis, Abteilung Energetik, gearbeitet, bevor er sich nach der Wende noch mit Wartung und Reparatur von Heizungsanlagen selbstständig machte. Sein Interesse hatte zudem eine Fotomappe von 1910 geweckt, die Schlossermeister Peter Hörig beim Aufräumen nach der Wende gefunden hatte. „Ich hatte mir schon immer mal vorgenommen, etwas daraus zu machen, aber nie die Zeit dazu“, verweist Geißler auf Kinder, Bauarbeiten am Haus. „Aber jetzt bin ich Rentner.“ Er stöberte in alten Karten der Deutschen Fotothek, sprach mit Urdeubenern, blätterte in den Sächsischen Heimatblättern und der Tonindustrie-Zeitung... „Um Deuben und Bennewitz“, weiß Geißler heute, „gab es laut einem Messtischblatt von 1907 sechs Ziegeleien, fünf sind verschwunden“: an den Ortsausgängen Deuben in Richtung Grubnitz, Wurzen (Turnhalle) und Leipzig (PVM) – hier lief die Produktion noch am längsten, bis 1963 –, an der Leulitzer Straße nahe der Bahnunterführung (Amselgrund) und sowie nördlich und südlich der Eisenbahnlinie. Allein letztere existiert noch – die heutige Firma Rath. Hier hatte Hülsmann auch begonnen. Als während des Baus der Eisenbahn Ton gefunden wurde, kaufte der Aufsichtsratsvorsitzende der Eisenbahngesellschaft, Gustav Harkort, das Gelände und gründete 1845 eine Tonwarenfabrik – Eugen Hülsmann (1831-1866), ein Neffe Harkorts, kaufte sie ihm 1857 ab und sein Sohn Hans Hülsmann sen (1862-1932) baute das Unternehmen weiter aus, indem er Ziegeleien in der Umgebung kaufte. „Er war eigentlich ein recht fortschrittlicher Unternehmer“, verweist Geißler auf eine für die Ziegeleien zentrale Dampfmaschinen- und Stromgeneratoranlage, 600 PS stark, – „als ich Lehrling war, ist sie noch gelaufen“ – lange, bevor das öffentliche Stromnetz Deuben und Bennewitz 1909/10 erreichte, und auf die Hülsmann-Siedlung für Arbeiter inclusive Kinderbewahranstalt. Zusammengefasst hat Geißler all das auf 65 Seiten, reich illustriert mit Karten, Luftbildern, Produktübersichten, historischen und neuen Aufnahmen von Betrieben und Arbeitern. Er dokumentiert aber auch den Wiederaufbau und Werdegang von 1945 bis heute und macht sich Gedanken über die Lebensbedingungen der Arbeiter in den verschiedenen Zeitabschnitten. „Mittlerweile habe ich in drei Auflagen 150 Exemplare des Buches drucken lassen“, freut sich der Deubener über das Interesse für dieses Stück Industriegeschichte.

Das nächste Projekt hat er übrigens schon im Blick: Die Geschichte der Wurzener Muldenaue. „Die ist eigentlich gut erforscht, aber über viele Publikationen verstreut. Es wäre interessant, das mal zu bündeln.“

Von Ines Alekowa

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