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Wurzen Ein Tag zwischen den Extremen: Lukas behält den Kopf oben
Region Wurzen Ein Tag zwischen den Extremen: Lukas behält den Kopf oben
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00:20 07.09.2017
Provokateure wie dieser „Clown“ störten die Demonstration immer wieder – die Polizei musste am Bürgermeister-Schmidt-Platz mehrmals eingreifen.  Quelle: Foto: Thomas Lieb
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Wurzen

 Hellgraues T-Shirt, beigefarbene kurze Hose, schnittige Söckchen – zwischen dem uniformierten Schwarz wirkt er wie aus einer anderen Welt: Für den 16-jährigen Lukas ist es die erste Demo seines Lebens. Nie zuvor hat er in seiner Stadt so viel Polizei gesehen. Wasserwerfer, Hubschrauber. Und das SEK erst! Mit Knarre, Maske, Helm. Ein Hauch Dessert Storm vorm Dänischen Bettenlager. Kuschelkurs sieht anders aus.

Lukas hat Muffensausen und schwitzt. Er will nichts falsch machen. Läuft immer der Frontlinie entlang. Vor, hinter oder neben den Polizisten. Für die Demonstranten der Antifa sind sie nur die Bullen. Das ärgert den jungen Mann. Sie machten doch einen guten Job, findet er. Lukas wollte selber mal Polizist werden. Rauschte aber durch den Eignungstest. Jetzt ist er Lehrling. Was Technisches, sagt er.

Lukas steckt sein Handy weg. Macht keine Fotos mehr. Er spürt, dass das die Demonstranten provoziert. Klar, die wollten nicht erkannt werden. Das verstehe er. Vor seiner ehemaligen Schule tönt es aus dem Lautsprecherwagen: Flüchtlingskinder seien in der Einrichtung mit Eisenstangen traktiert worden. Lukas fühlt sich in seiner Ehre verletzt. Ja, es habe Konflikte gegeben. Und auch einen ernsten Vorfall. Aber Eisenstangen... nö. Mit anderen befestigte er damals ein riesiges Banner an den Fenstern: „We say no to Racism“. Und eine Patenschaft hatte er auch übernommen. Zwei Tage später sei der Flüchtlingsjunge aber nicht mehr in die Schule gekommen...

Auf dem Bürgermeister-Schmidt-Platz weicht er zurück. Sirenengeheul, ein Clown, heftige Wortwechsel. Demonstranten und Gegendemonstranten kommen sich bedrohlich nah. Ob er nicht doch lieber nach Hause gehen wolle? Nein, sagt der Junge. Er bleibe. Wolle sich selbst ein Bild machen. Er traue den sensationsgeilen Medien nicht. Die wollten nur Panik verbreiten. Die Eltern wüssten, dass er hier ist. Sie hätten ihn zwar gewarnt. Aber letztlich sei er groß genug.

Rechts, links. Er könne damit nichts anfangen, sagt Lukas. Viele seiner Kumpels redeten nicht über Politik – aus Angst, ausgegrenzt zu werden. Er dagegen sei neugierig und offen: „Wir können sicher nicht alle Flüchtlinge aufnehmen. Aber wer unsere Hilfe braucht, soll sie bekommen.“ Wenn er schon wählen dürfte, dann eine Partei, die das Lachen im Programm hat. Nein, er müsse nicht zu den Siegern gehören.

Regen setzt ein. Lukas ist durchgeweicht. Er zittert. Ob vor Kälte oder aus Angst? In der Altstadt wird es enger. Eine Demonstrantin mit schwarzer Sonnenbrille reicht dem jungen Wurzener ein Flugblatt. Er nimmt es und lässt es in der Hosentasche verschwinden. Lesen werde er später. Er finde es wichtig, dass über Neonazistrukturen aufgeklärt werde – aber nicht so. Das schrecke die Anwohner eher ab, glaubt er. Die Demo zieht über den Markt und die Wenceslaigasse zum Bahnhof. Lukas will gerade auf den letzten Metern nichts riskieren. Er wählt die Abkürzung über den Jacobsplatz und den Möckelberg. Er wolle weder zu Demonstranten noch Gegendemonstranten gehören. Er sei neutral, sagt er.

Vorm Bahnhof fährt ein Krankenwagen mit Blaulicht vor. Lukas erkundigt sich, was passiert ist. Ein Reisender soll einen Schlaganfall erlitten haben, heißt es. Der Junge setzt sich auf den Bordstein. Seine erste Demo ist geschafft. Und Wurzen steht noch! Lukas greift zum Handy und gibt ein Lebenszeichen. Alles gut gegangen, bin okay, schreibt er den Eltern. Erst, als er sicher ist, dass ihm niemand mehr folgt, tritt er den Heimweg an.

Von Haig Latchinian

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