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Ein zweites Leben für die Domstadt

Ein zweites Leben für die Domstadt


Wurzen. Dienstag, 24. April 2012: ein friedlicher, normaler Arbeitstag. Dienstag, 24. April 1945: ein bedrohlicher Kriegstag.

tstag. Dienstag, 24. April 1945: ein bedrohlicher Kriegstag. Vor 67 Jahren lastet die bange Frage auf den Wurzenern, ob sie ihn überleben werden. Die Amis haben den Beschuss aus der Luft und von Land her vorbereitet, falls die Garnisonsstadt sich nicht ergibt. Eilenburgs Schicksal droht: Tod und Trümmer. Schwarzer Trauerflor. Die Antwort in Wurzen aber heißt: Weiße Fahnen für das Leben! Gehisst von tapferen Männern um Oberbürgermeister Dr. Armin Graebert. Unter Einsatz des eigenen Bluts übergeben sie Wurzen kampflos den US-Streitkräften unter Major Victor G. Conley. Stadt und Einwohner überleben den Tag unversehrt.

Zahlreiche Publikationen haben die Ereignisse des 24. April nachgezeichnet. Mitunter vereinfacht und verfälscht eine grobe Schwarz-weiß-Sicht die komplizierten Vorgänge. Die überragende Leistung der Retter Wurzens wird aber erst deutlich, wenn die barbarische Situation der Kriegszeit und ihre beinahe unerträgliche Zuspitzung in den letzten Apriltagen objektiv und ganzheitlich in den Blick genommen werden. Dann wird auch klar, wie begrenzt der politische Handlungsspielraum Graeberts und seiner antifaschistischen Helfer war und was es sie an Mut und Tatkraft kostete, Wurzen eine friedliche Zukunft zu sichern. Denn Befehlsgewalt und Befugnis über alle wesentlichen Entscheidungen lagen beim Kampfkommandanten Adolf Gestefeld. Ihm war auch die Stadtverwaltung unterstellt. Der Kriegsinvalide vom Jahrgang 1889 war am 1. November 1942, zum Major d. R. befördert, für die Wehrmacht reaktiviert und der Flak zugeteilt worden. Am 25. Juni 1943 stieg er zum Kommandeur der Luftschutz-Ersatz-Abteilung 1 auf. Im März 1945 ernannte ihn das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) zum Kampfkommandanten der Domstadt. Dass Gestefeld ein gehorsamer Diener seiner Herren in Partei und Armee war, bewiesen seine Schandtaten vom 16. und 19. April: Er ließ die Muldebrücken sprengen, als die Amerikaner Bennewitz erreicht hatten. Und er drohte in seinem berüchtigten Durchhalte-Aufruf Widerständigen mit dem Standgericht.

Ein fanatischer Nazi schien Adolf Gestefeld dennoch nicht gewesen zu sein. Er erkannte die Vergeblichkeit letzten Blutvergießens durchaus. In seinen Aufzeichnungen nach dem Krieg heißt es: „Der Gedanke der Sinnlosigkeit solchen Unternehmens tauchte auf und brachte Konflikte zwischen Zweckdienlichkeit und soldatischem Gehorsam." So ließ er sich am 22. April letztlich doch auf Graeberts Vorstoß ein, gemeinsam die Stadt kampflos zu übergeben. Auch des Oberbürgermeisters Drängen, den Volkssturm aufzulösen und Wurzen zur Lazarettstadt zu erklären, gab Gestefeld in letzter Minute nach. Ein Befehl „von oben", sich mit seiner Truppe in aller Frühe des 24. April abzusetzen, enthob den Kampfkommandanten schließlich seiner persönlichen Mitwirkung an der kampflosen Kapitulation.

Ohne ihn vom Saulus zum Paulus umzudeuten, lässt die neuere Geschichtsschreibung dem 1976 Verstorbenen historische Gerechtigkeit zukommen. Stadtchronist Wolfgang Ebert erklärte, in der zweiten Auflage von „Grenzfluss Mulde" seien die Ereignisse zwischen dem 22. und 24. April 1945 differenzierter bewertet worden.

Unbestritten bleibt jedoch: Nicht Gestefeld, sondern sie waren es, die Wurzen am 24. April 1945 ein zweites Leben schenkten – Oberbürgermeister Dr. Armin Graebert, seine antifaschistischen Wegbegleiter Otto Schunke, Kurt Krause, Richard Beutel, Oswald Billwitz, Pfarrer Carl Magirius und Pfarrer Franz Wörner sowie US-Major Victor G. Conley.

Wulf Skaun

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