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Wurzen Einheit auf der Baustelle: Sachsen mischt beim Abriss des Opel-Werks in Bochum mit
Region Wurzen Einheit auf der Baustelle: Sachsen mischt beim Abriss des Opel-Werks in Bochum mit
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12:00 02.10.2016
Im Bochumer Opel-Werk I ging Ende 2014 der letzte Zafira vom Band. Quelle: Jürgen Schmidt
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Bochum/Landkreis Leipzig

„Sechse kommen durch die ganze Welt“ ist eines der berühmtesten Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm, fast alle kennen es. Heute sind es sechs mittelständische Firmen, die – wie im Märchen – alles Spezialisten sind und in kameradschaftlichen Miteinander Deutschlands größtes Abrissobjekt bearbeiten. Vier Firmen kommen aus dem Westen der Republik, zwei aus Sachsen – aus dem Landkreis Leipzig. Alles mittelständische Familienunternehmen, die sich hier nicht als Wettbewerber gegenüberstehen, sondern die Chance ergriffen haben, mit vereinter Kraft den Zuschlag für ein gewaltiges Abbruchobjekt zu erhalten. Eine Art Deutsche Einheit auf historischer Industriestätte.

Deutsche Einheit auf der Baustelle: Spezialisten bewältigen Deutschlands derzeit größtes Abrissobjekt in Bochum. Die Firmen Freimuth Abbruch und Recycling GmbH, Moß Abbruch-Erdbau-Recycling GmbH & Co. KG, Prangenberg & Zaum GmbH, Heinrich-Walter-Bau GmbH (alle Westdeutschland) sowie die sächsischen Unternehmen Kafril Abbruch GmbH aus Großzschepa (Wurzen) und die Reinwald GmbH aus Böhlen machen das Opel-Werk 1 in Bochum dem Erdboden gleich. Hier wird Platz für Neubau eines DHL-Logistikzentrums geschaffen.

Die Firmen Freimuth Abbruch und Recycling GmbH, Moß Abbruch-Erdbau-Recycling GmbH & Co. KG, Prangenberg & Zaum GmbH, Heinrich-Walter-Bau GmbH, Kafril Abbruch GmbH und Reinwald GmbH, reißen im Rahmen einer Arge das Opel-Werk 1 in Bochum ab. Innerhalb von wenigen Monaten soll auf dem 70 Hektar großen Areal Platz für den Neubau eines DHL-Logistikzentrums geschaffen werden. Die dänische Firma DSV, die zu den viertgrößten Transport- und Logistikunternehmen der Welt gehört, will hier bauen.Vorher muss der komplette Stahlbetonfußboden des ehemaligen Stahlwerks und die alle Keller, frühere Bunker und ähnliche Anlagen weg. Dazu gibt es den Auftrag, alle Fundamentgruben für den neuen Hallenbau mit über 70 000 Quadratmeter Grundfläche zu beseitigen und den Kanalbau.

Über 30 Großmaschinen, darunter 25 Bagger sind im Einsatz. Wöchentlich werden rund 40 000 Liter Diesel gebraucht. Zahlen, die die Dimension der Abbruchbaustelle erahnen lassen. Das hat es für keine der sechs beteiligten Firmen bisher gegeben, wobei alle schon auf Großbaustellen im Rahmen von Gemeinschaftsprojekten gearbeitet haben. Die Großzschepaer Firma Kafril hat beim City-Tunnel in Leipzig solche Größenordnung verspürt. Der Aufwand zur Bewältigung des Auftrages ist gewaltig. Die Stadt Bochum nimmt viele Millionen Euro in die Hand, um eine neue Dienstleistungsstruktur an einem alten Industriestandort zu schaffen, wie die Medien im Ruhrgebiet berichtet. Im Osten Deutschlands hat dieser Prozess schon 1990 begonnen.

Jeden Mittwoch macht sich in den frühen Morgenstunden gegen 4.30 Uhr ein Auto mit Chefs der Firma Kafril-Unternehmensgruppe Großzschepa auf den Weg nach Bochum, in den Ruhrpott. Das riesige Abrissprojekt verlangt meist die Anwesenheit von Geschäftsführer Jens Karnahl oder Prokuristin Katrin Weist, um Entscheidungen über den Einsatz von Technik und Arbeitskräften vor Ort zu treffen. Jens Karnahl, der geschäftsführende Gesellschafter von Kafril, spricht mit Hochachtung und emotionalem Unterton über das Projekt: „Erstmals arbeiten hier renommierte Firmen aus Ost und West in einer solchen Größenordnung miteinander, wir haben unser Leistungsspektrum auf Augenhöhe abgeschätzt und vertrauensvoll eine Arge organisiert. Wir wollten den Auftrag und haben manchen Kompromiss auf diesem Weg finden müssen. Wir achten uns gegenseitig und sind jede Woche zur Bauberatung in Bochum, um den Erfolg zu garantieren.“

Adam Opel AG Werk Bochum I

Im Dezember 2014 rollten hier die letzten Autos nach 52 Jahren Autoproduktion vom Band. Das 68 Hektar große Industriegebiet soll für eine neue Nutzung vorbereitet werden, die entsprechende Entwicklungsgesellschaft wird von Opel und der Stadt Bochum getragen. Die alten Hallen waren nicht weiter nutzbar – alles muss weg, um auf ebener Fläche der DHL die Möglichkeiten für einen Neubau zu bieten.

Mitte 1960 begann die Errichtung dieses Opelwerkes und ab 1963 lief der Opel Kadett A auf 458 000 Quadratmetern überdachter Produktionsfläche vom Band. Beim damaligen Bau wurden mehr als zwei Millionen Kubikmeter Erde bewegt, etwa 500 000 Kubikmeter Beton verbaut. Aktuell wird vom Abriss fast aller Hallen mit 3,7 Millionen Kubikmetern umbauten Raums beziehungsweise 110 000 Quadratmetern Dachfläche, vom Aushub von rund 600 000 Kubikmeter Erdmassen oder der umfangreichen Beseitigung von Schadstoffen gesprochen.

Etwa 8000 Tonnen Asbest wird im alten Werk vermutet. Der steckt insbesondere im Estrich des Fußbodenaufbaues als auch im Kitt der Fugen von tausenden Fenstern. Der gesamte Abbruch soll bis Frühjahr 2017 geschafft sein, denn die DHL möchte ab 1. Juli kommenden Jahres mit dem Neubau beginnen. Ein anspruchsvoller Zeitplan.

Klar, dass bei einem solchen Mammutprojekt nicht alles reibungslos verlaufen kann. Erst vor ein paar Wochen brach neben einem der Brecher ein Feuer aus. Eine Phosphorbombe, Relikt aus dem 2. Weltkrieg, hatte den Brand ausgelöst. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst war schnellstens zur Stelle. Alles ging glimpflich ab. Pro Tag werden 1000 Kubikmeter Betonplatte aufgenommen und gebrochen – eine äußerst anspruchsvolle Leistung, damit wird das gesamte Gelände einen Meter unter der bisherigen Oberkante saniert und aufbereitet. Die gebrochenen Betonmaterialien bleiben vor Ort. Für jedes Haufwerk ist die Herkunft des Materials genau dokumentiert und wöchentlich kommt Lars Rademacher von der Firma Geologie Münster und führt Probenahmen durch. Das Material wird hinsichtlich Körnung, Altlasten und Restbeständen kontinuierlich untersucht. Je nach Ergebnis der Analytik fällt die Entscheidung zur Entsorgung der Massen oder der Freigabe für den künftigen Einbau in den Baugrund.

Ein anderes Mal machten mehrere gewaltige alte Trägerfundamente des früheren Stahlwerkes Schwierigkeiten. Markus Moß, Chef des gleichnamigen Partners aus Lingen (Ems), erläuterte: „Es sind massive Stahlkörper, jeweils über 55 Tonnen schwer, die wir auf der Baustelle nicht kleinkriegen. Für diese musste speziell ein Tieflader gechartert werden, der die Brocken ins nächst gelegene Sprengwerk bringt. Selbst die Stahlwerke im Ruhrgebiet könnten solche großen Blöcke nicht schneiden, also bleibt nur die Sprengung.“

Die zweite sächsische Firma – Reinwald aus Böhlen mit Andreas Stolle als Inhaber – hat die kaufmännische Leitung der Arge übernommen. Die technische Projektleitung obliegt der Firma Freimuth mit Jörg Freimuth an der Spitze. Auch dies ist ein Zeichen gewachsener deutscher Gemeinsamkeit. Die ostdeutschen Vertreter haben das westdeutsche Niveau schon lange erreicht und werden damit anerkannt. Die Freimuth Unternehmensgruppe wurde 1965 als Ein-Mann-Unternehmen gegründet und beschäftigt heute rund 350 Mitarbeiter in ganz Deutschland. Im internationalen Magazin „Demolition and Recycling“ wird Freimuth 2015 auf Platz 20 der weltweit erfolgreichsten Abbruchunternehmen genannt.

Das Familienunternehmen Moß wird in zweiter Generation von Markus Moß geführt, der für 150 Mitarbeiter die Verantwortung trägt. Aus seinem Hause stammt die Eigenentwicklung des Spezialbaggers ZX 870 XXL- Longreach für den Wasserbau mit einem 50 Meter Teleskop-Arm und 3 Tonnen Werkzeuge sowie weiteren Varianten. Prangenberg & Zaum ist seit über 30 Jahren ein inhabergeführtes Familienunternehmen in dritter Generation mit 130 Mitarbeitern und ebenfalls im internationalen Magazin unter den Top 100 der weltbesten Unternehmen für Rückbau gelistet. Die Heinrich-Walter-Bau ist seit 150 Jahren im Baugeschäft und hat rund 400 Mitarbeiter. Reinwald mit derzeit rund 70 Beschäftigten und Kafril mit 180 Beschäftigten sind Neugründungen nach der friedlichen Revolution und haben sich in kürzester Zeit zu leistungsstarken und zuverlässigen Partnern entwickelt. Jens Karnahl berichtet: „Wir haben im Juni mit unserer Belegschaft und vielen Freunden unser 25-jähriges Firmenbestehen gefeiert. Wir sind so gut wie unsere Mitarbeiter und versuchen jeden Tag mit Qualitätsarbeit Vertrauen bei den Auftraggebern zur erreichen. Eigentlich müssten wir alle sechs Firmen zu den Top 100 der Welt gezählt werden.“ Und Prokuristin Katrin Weist findet die selbstbewussten Worte, dass „wir sechs in der Arge auf jeden Fall die Crème de la Crème im mittelständischen Abbruchsektor Deutschlands darstellen“.

Von Jürgen Schmidt

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