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Wurzen Erinnerungen an die Wende in Brandis
Region Wurzen Erinnerungen an die Wende in Brandis
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05:00 25.01.2010
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„Den Mut, auch in Brandis etwas zu bewegen, holten wir uns aus den Montagsdemonstrationen“, berichtete die Brandiserin Gudrun Heer. „Ich erinnere mich noch sehr genau an den 9. Oktober in Leipzig. Wir waren voller Angst und überglücklich, als wir beim Zug um den Ring den Bahnhof passiert hatten und schließlich die Stasi-Zentrale erreichten, vor der Kerzen als Ausdruck friedlichen Protestes brannten.“ Auch Frank Mieszkalski, 1990 zum Brandiser Bürgermeister gewählt, zog im Herbst 1989 mit um den Ring. „Am 11. September, als die Staatsmacht noch Rache für die mutige Demonstration vom Messemontag eine Woche zuvor nahm, wurde ich vor der Nikolaikirche Zeuge, wie zivile Stasi-Leute den Protestierenden mit Anlauf ins Gesicht sprangen, sie niederrissen und wegzerrten.“ Etwa zehn Brandiser seien an diesem Tag vor Ort gewesen. „Unter den Zugeführten befand sich wohl auch der Brandiser Kinderarzt Mehnert.“ Schon frühzeitig fanden sich auch in Brandis Akteure zusammen, die sich einmischten. „Den Leuten genügte es nicht mehr, nur zu demonstrieren und Gorbi, Gorbi zu rufen, sie wollten auch in ihrer Stadt etwas tun“, berichtete der ehemalige Brandiser Pfarrer Manfred Schiertz. Bereits am 28. November fand in der Kirche eine erste Zusammenkunft statt. In den Folgemonaten riss der Runde Tisch das Heft des Handelns an sich. „Unsere Stadtverordneten waren ohnehin nicht mehr arbeitsfähig“, schilderte Ina Exner, die sich damals im Demokratischen Aufbruch engagierte. Die Bürgerrechtler der ersten Stunde stürzten sich in die Arbeit. Gruppen wurden gegründet, so für Umwelt, Ökologie und Stadtentwicklung, Fluglärm sowie Straßenwesen. „Wir deckten unglaubliche Umweltverschmutzungen auf“, schlug Irmhild Mummert in den ersten Protokollen des Runden Tisches nach. Verheerende Zustände herrschten rund um die Deponie Reinhild. „Wir schrieben damals selbst Firmen im Westen an und baten sie um Angebote für den Bau eines neuen Klärwerks.“ Fehlender Wohnraum brachte die Brandiser besonders auf die Palme. „Es gab 396 Wohnungssuchende, aber keine einzige freie Wohnung“, berichtete Ina Exner. „Wir haben versucht, uns um die dringendsten Fälle zu kümmern.“ Dass sie dabei von Erzürnten als „rote Socke“ beschimpft wurde, war nur eine der Episoden, die die Brandiserin beisteuerte. Es sei „eine schöne, aber wilde Zeit gewesen“. Den politischen Umgangsformen trauerte mancher nach. Damals habe man noch miteinander geredet, nicht übereinander, so Gudrun Heer. „Es gab kein Parteiengezänk, sondern man hat nach Lösungen gesucht.“ (Irmhild Mummert). Und das Phänomen, das Massen so gewaltfrei agieren und etwas verändern können, sei, so Ina Exner, heute leider in Vergessenheit geraten.

Simone Prenzel

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