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Wurzen Fachtag in Böhlen zur Beteiligung der Jugend
Region Wurzen Fachtag in Böhlen zur Beteiligung der Jugend
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11:11 08.11.2018
Tobias Burdukat vor seinem Plakat zum Dorf der Jugend in Grimma: Für ihn ist Jugendbeteiligung ein Teil der Jugendarbeit und sollte nicht von oben aufgepfropft werden. Quelle: Claudia Carell
Böhlen

„Schätzen Sie mal das Durchschnittsalter der Bevölkerung in unserem Landkreis“, sagte Landrat Henry Graichen (CDU). „60“, witzelte ein Besucher. 47 Jahre heißt die richtige Zahl. Beim Durchschnittsalter der Kreisräte lag der Witzbold aber fast richtig: 57 Jahre sind im Schnitt die Akteure des Kreis-Parlaments. Die Interessen junger Menschen seien damit nicht repräsentativ vertreten, schlussfolgerte Graichen zur Eröffnung der Fachtagung zur kommunalen Jugendbeteiligung am Mittwoch im Böhlener Kulturhaus. Daher sei es sinnvoll, hier aktiv zu werden.

Beteiligung ist im Gemeindeordnung vorgestellt

Das ist seit Anfang des Jahres sogar Gesetz. Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen wurde in der sächsischen Gemeindeordnung im Paragrafen 47a aufgenommen. Dort heißt es: „Die Gemeinde soll bei Planungen und Vorhaben, die die Interessen von Kindern und Jugendlichen berühren, diese in angemessener Weise beteiligen.“

Wie das funktionieren kann, war Thema der Tagung unter dem Motto „Interessen berücksichtigen & Mitsprache ermöglichen“. Das Flexible Jugendmanagement aus Bad Lausick und Partner hatten dazu die dreißig Kommunen des Landkreises eingeladen – gekommen waren Vertreter aus 14 Rathäusern sowie einige Stadt- und Gemeinderäte.

Das Jugendforum Böhlen ist ein noch junges Projekt, wo Jugendliche sich in ihrer Stadt engagieren können. Quelle: Claudia Carell

Salome Mothes warb dafür, diese gesetzliche Vorgabe als Chance zu sehen. Wenn es gelingt, mit Jugendlichen gemeinsam vor Ort Wünsche zu verwirklichen, haben sie eine stärkere Verbindung zu ihrem Heimatort und bleiben eher da, meinte die Mitarbeiterin der Servicestelle Kinder- und Jugendbeteiligung Sachsen. Letztendlich komme es immer auf Wille und Motivation der Leute in Verwaltung und Kommunalparlamenten an. Es handele sich um ein Soll-Gesetz, die Durchsetzung lasse sich nicht einklagen. „Die meisten Kommunen fangen auch nicht bei Null an, da ist oft schon was da“, so Mothes.

Das bestätigte Arno Jesse (SPD), Bürgermeister in Brandis: „Meist ist in einem Ort, was Jugendarbeit betrifft, deutlich mehr los, als man zunächst denkt.“ Allerdings ist seine kleine Stadt eine Vorzeige-Gemeinde in dieser Hinsicht. Vor fünf Jahren sagten sich die Brandiser „Ohne Jugend sieht unser Ort alt aus“. Sie starteten seitdem zahlreiche Projekte, zapften unterschiedliche Fördertöpfe an – und dabei geht es mittlerweile nicht nur um junge Leute.

„Markt der Möglichkeiten“ stellt Jugendprojekte vor

Spannend ist zum Beispiel ihre Mit-Mach-Stadt, wo Bürger sich für ein ganz bestimmtes Thema engagieren und dies umsetzen, ohne unbedingt fünf Jahre im Stadtrat zu sitzen. „Solche Beteiligungen sind eine große Chance auf lokaler Ebene“, so Jesse. Eine Kommune müsse dies wollen und fördern. „Das Entscheidende sind die Protagonisten, nicht die Rahmenbedingungen“, meinte der Stadtchef.

Beim „Markt der Möglichkeiten“ während der Fachtagung stellten sich Jugendprojekte der Region vor. Zum Beispiel der Skatepark Frohburg, wo Zehn- bis Fünfzehnjährige gemeinsam eine Skateranlage bauen wollen. Mit dabei waren auch Jugend bewegt Brandis, Kinder- und Jugendparlament Borna und Jugendforum Böhlen mit Open-Air-Kino.

Interessenten informieren sich beim "Markt der Möglichkeiten" über Jugendprojekte der Region. Quelle: Claudia Carell

Auch Tobias Burdukat vom Dorf der Jugend aus Grimma schrieb und zeichnete an einem Plakat für seinen Stand. Unter der Frage „Um welche Form der Jugendbeteiligung handelt es sich bei eurem Projekt?“ schrieb er in großen roten Lettern provokant „Keine“. Grund: „Ich habe eine generelle Kritik an der künstlichen Herleitung des Begriffs Jugendbeteiligung“, sagte der Sozialarbeiter, Kreisrat (parteilos) und seit Jahren wesentlicher Akteur im Dorf der Jugend in der alten Spitzenfabrik. Jugendbeteiligung sei immer ein Ergebnis guter Jugendarbeit, dürfe aber nicht von oben aufgepfropft werden, sondern müsse von den Heranwachsenden selbst kommen.

Städte stellen Projekte vor

Beispiel: Vor der Spitzenfabrik wurden drei Bäume gefällt. Das gefiel den jungen Leuten nicht und sie machten sich dafür stark, dass neue Bäume gepflanzt wurden. Oder: Der Skatepark in Grimma samt Grafitti-Wand kam weg. Jugendliche reagierten darauf mit Kritik, engagierten sich, suchten Ersatz.

Das ist für den Grimmaer ein guter Weg gemäß seiner Philosophie: „Ich baue erst mal das Dach, unter dem die Jugendlichen dann was machen können, ohne gleich auf die Schnauze zu fliegen.“

Lob für Austausch mit lokalen Partnern

Ronny Kriz vom Bildungs- und Sozialwerk Muldental lobte die Fachtagung: „Das ist eine gute Möglichkeit, sich mit lokalen Partnern vor Ort auszutauschen.“ Er habe Anregungen erhalten, wie man in Colditz das Thema Jugendbeteiligung angehen könnte.

Auch der Böhlener Stadtrat Mirko Altmann fand die Fachtagung vielseitig und gelungen. Allerdings sei diesmal nur über Jugendliche und nicht mit ihnen geredet worden – junge Leute waren nicht vor Ort. „Das sollte wohl nur einmalig so sein“, meinte der SPD-Mann.

Von Claudia Carell

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