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Wurzen „Fieber ist kein Grund, Antibiotika zu verschreiben“
Region Wurzen „Fieber ist kein Grund, Antibiotika zu verschreiben“
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05:00 09.03.2010
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. Ein medizinischer Fehlgriff, der nicht nur wirkungslos ist und den Körper schädigen kann. Er belastet auch die Kassen in Millionenhöhe“, sagt Dr. Wolfgang Kunze. Das Bundesgesundheitsministerium hat ein millionenschweres Forschungsprojekt angeschoben, das diese Entwicklung eindämmen soll. Kunze, langjähriger Chefarzt der Abteilung Kinder- und Jugendmedizin der Muldentalkliniken, wirkt an diesem Projekt mit.

„Wir sind schon ein wenig stolz, mit im Boot zu sitzen“, sagt Wolfgang Kunze mit Blick auf die ausgewiesenen Partner, Berliner Charité und Carl-Thiem-Klinikum Cottbus, sowie weiterer Forschergruppen in anderen Bundesländern. Rund 1,2 Millionen Euro investiert der Bund in die Arbeiten.

Nicht ohne Grund: Etwa 80 Prozent der Patienten, die wegen einer Erkältung zum Arzt gehen, verlassen die Praxis mit einem Antibiotika-Rezept. Die Wirkung der Medikamente sei in den meisten Fällen gleich Null, sagt der langjährige Kinderarzt. „Fieber, das oft bei Erkältungskrankheiten auftritt, ist kein Grund Antibiotika zu verschreiben.“ Das sei aber dennoch usus. Die Folge: Sollte den Patienten dann tatsächlich mit einem Antibiotikum geholfen werden müssen, schlägt das Medikament oft nicht mehr an. Die Erreger und Bakterien sind gegen die Wirkstoffe resistent, erklärt der Infektiologe.

Im Grunde sei das Problem lange bekannt. Schon Mitte der 1970er Jahre habe die Weltgesundheitsorganisation den Zeigefinger gehoben. In Deutschland rücke die Problematik im Vergleich zu den skandinavischen Ländern oder den Niederlanden erst schrittweise mehr und mehr in den Fokus. Grund dafür sei unter anderem, dass die klinische Infektiologie als Fachrichtung nicht ausreichend gelehrt werde. Während in Skandinavien vielfältige Weiterbildungen auf diesem Gebiet für Ärzte angeboten würden, sei dieser Wissensstoff in Deutschland bislang oft nur untergeordnetes Thema, so Kunze. „Dabei sollten gerade niedergelassene Ärzte auf diesem Gebiet besonders fit sein. Denn etwa 80 Prozent der Antibiotika-Verschreibungen finden in Praxen statt.“

Inzwischen scheint das Wissen um den Nachholebedarf auch in der Politik angekommen zu sein. Im Bundesgesundheitsministerium ist die „Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie“ (DART) ins Leben gerufen worden, für die entsprechende Forschungsgelder bereitstehen. 25 namhafte Institutionen bewarben sich um das Projekt, zwölf wurden schließlich berücksichtigt, die nun in vier Arbeitsgruppen forschen.

Unter ihnen Dr. habil. Wolfgang Kunze, der im Wurzener Krankenhaus geeignete Patienten in der Kinderabteilung untersucht. „Wir erfassen den Antibiotikaeinsatz bei Kindern unter verschiedenen Gesichtspunkten“, erklärt der 71-jährige Arzt.

Rund 190 Patienten sind bereits erfasst, bis einschließlich 2012 sollen jährlich weitere 200 hinzukommen. Die Daten wertet Kunze gemeinsam mit dem Infektiologen und Kinderarzt Prof. Werner Handrick (Leipzig) und dem Mikrobiologen Prof. Friedrich Bernhard Spencker (Leipzig) aus. Erste Zwischenergebnisse zeigten, dass das Problem weiter akut ist. Bei etwa 60 Prozent der Probanden seien die Antibiotika wirkungslos angewandt worden. Etwa 20 Prozent seien Grenzfälle, nur ebenso viele korrekt behandelt worden.

Inzwischen tragen Wolfgang Kunze und seine Kollegen die ersten Forschungsergebnisse auch in die Ärzteschaft der Region. Weiterbildungen für Kinderärzte und Allgemeinmediziner zu dem Thema haben bereits stattgefunden. Weitere müssen unbedingt folgen, fordert der Infektiologe.

Drago Bock

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