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Für einen Moment in Afrika

Für einen Moment in Afrika

Es ist keine leichte Aufgabe, die sich die Grünen Damen im Wurzener Krankenhaus ausgesucht haben. Doch es ist eine wichtige Tätigkeit, die sie seit mittlerweile sechs Jahren übernehmen.

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Herzliche Behandlung: Die Grüne Dame Karin Schlebe scherzt mit Frieda Richter.

Quelle: Matthias Pöls

Wurzen. „Es wäre schöner, wenn ich wieder laufen könnte", antwortet Frieda Richter auf die Frage, ob sie einen Wunsch hat. 92 Jahre ist die Frau alt. „Da haben sie sich aber gut gehalten", schmunzelt Karin Schlebe und beugt sich leicht über die Bettkante. „Gute Ware hält sich eben", entgegnet Frieda Richter in neckisch-sächsischer Mundart. Beide ziehen sich einen Moment hinter ihr Lächeln zurück. „Ich habe mein Leben gelebt", sagt Frieda Richter. Seit ein paar Tagen liegt die Hohburgerin auf der Station für Innere Medizin im Wurzener Krankenhaus. Karin Schlebe besucht die kinderlose Frau zum ersten Mal. Die 66-Jährige ist eine von zehn Grünen Damen in der Muldentalklinik. Die übernehmen zum Teil den Part der seelischen Betreuung. „Die Psyche spielt eine wichtige Rolle bei der Genesung", sagt Norbert Kirchner, Leiter des Fördervereins Krankenhaus Wurzen und Mitinitiator des Projekts Grüne Damen. Der Name ist entstanden, weil die Frauen bei ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit ein grünes Hemd tragen. Eine psychologische Behandlung leisten die Damen zwar nicht, aber eine herzliche. „Sie haben sicherlich schon viel erlebt und gesehen", versucht Karin Schlebe einen roten Faden zu finden. „Ja-ha! Ich war sogar schon in Afrika, aber nur für einen Tag", erzählt die bettlägrige 92-Jährige. Ein Affe sei ihr dort auf die Schulter gesprungen und habe das Päckchen Waffeln sofort verputzt. „Das war der schönste Tag in meinem Leben." Ein Tag von dem aus ihr nur ein Fragment der Erinnerung herauspurzelt. Eigentlich könnte sie davon heute noch zehren, meint Karin Schlebe, doch die alte Frau ist schon wieder bei einem anderen Thema. Beim Wetter und wie grau es draußen ist. Außerdem hätten die Schwestern vergessen, ihr die Klingel hinzuhängen. Frieda Richter ist dement. „Meist können sich solche Patienten nur an das erinnern, was ganz weit weg ist", erklärt Karin Schlebe. Sie müsse sich auf darauf einstellen. Seit knapp fünf Jahren ist sie bereits eine Grüne Dame. Einmal in der Woche kommt die frühere Zahnarzthelferin in das Wurzener Krankenhaus. Ihr Mann ist bereits mit 49 Jahren gestorben. Bis kurz vor der Rente schlug sie sich mit ABM im Altenheim durch. „Man muss mit dem Herz dabei sein. Jeder kann das sicherlich nicht machen. Aber mir macht es Spass." Vor allem die Momente, in denen die Grünen Damen bei einem Patienten sind, aber gleich die Belegschaft des ganzen Zimmers in fröhliche Redeschwälle verfällt. Bei Frieda Richter passiert das immer nur kurz und vor allem bei Kindheitserinnerungen: Bonbons in der Pfanne selber machen, aber nur wenn keiner da war. „Wir mussten die Fenster aufreißen, weil es niemand riechen sollte." Doch das komme nicht wieder, das ist vorbei. „Frau Richter erzählt eigentlich gern", sagt Schwester Gerlind. Nur bei dem gewaltigen Arbeitspensum der Schwestern fehle einfach die Zeit zum Reden. „Die Grünen Damen sind Gold wert." Die ehrenamtlichen Helfer erledigen auch mal kleine Wege, wenn die Patienten etwas aus dem Supermarkt brauchen. „Sie helfen bei privaten Problemen, Leiden oder Wehwehchen", sagt der Leiter des Fördervereins, Norbert Kirchner. Im medizinischen Alltag sei es kaum möglich, sich individuell mit den Patienten zu beschäftigen. Für das Persönliche bleibe zu wenig Zeit. Ein Problem, vor allem wenn die Menschen allein sind. Die Grünen Damen kümmern sich im ganzen Wurzener Krankenhaus seit fast sechs Jahren von montags bis freitags für ein paar Stunden um seelische Massagen. Frieda Richter zieht die Augenbrauen hoch und lächelt. Es ist eine Antwort auf das freundlich-ansteckende Lächeln von Karin Schlebe. Allein das stimuliert die 92-jährige Frau zu einer weiteren kleinen Erzählung aus ihrer Kindheit, zu einem Moment der Fröhlichkeit. Matthias Pöls

Matthias Pöls

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