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Wurzen Gedenkfeier erinnert an dunkles Kapitel der Geschichte
Region Wurzen Gedenkfeier erinnert an dunkles Kapitel der Geschichte
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05:06 30.08.2018
Gedenktafel im Schloss Wurzen: Hier wurden die Verhafteten vor dem Abtransport ins Speziallager Mühlberg eingesperrt und verhört. Quelle: Klaus Peschel
Lossatal/Mühlberg

Joachim Liebmann hat die Geschichte seiner Jugend schon zigfach erzählt. Doch noch heute gerät der 89-jährige Großzschepaer bei mancher Episode ins Stocken und kämpft mit den Tränen. So zum Beispiel über seine Verhaftung am Morgen des 19. Septembers 1945. Der damals 16-Jährige arbeitete im Großzschepaer Bauerngut Neumeyer, als gegen 9 Uhr der Ortspolizist erschien und den Jungen aufforderte, ihn zum Bürgermeisteramt zu begleiten. Die Nacht zuvor schmierten Unbekannte Hakenkreuze und Hetzparolen an die Eisenbahnbrücke in Kleinzschepa. Jetzt suchte die Besatzungsmacht nach den Tätern.

Ein Martyrium über sieben Jahre

Zunächst musste Liebmann und mit ihm Rudolf Bitterlich ins Alte Rathaus von Wurzen, wo sich das Amt der Kreispolizei befand. Wenig später holte ein Kübelwagen die beiden ab und fuhr sie ins Schloss. Damit begann für Liebmann ein Martyrium, das erst mit seiner Entlassung aus sowjetischer Gefangenschaft im Juni 1952 endete.

Jenes Kapitel der Nachkriegsgeschichte verschwieg die DDR. Unter Androhung von Strafe wurde den Betroffenen verboten, darüber zu sprechen. Erst 1990 gründete sich eine Initiativgruppe Lager Mühlberg. Im sogenannten Speziallager 1 des Geheimdienstes NKWD, dem Volkskommissariat für innere Angelegenheiten, saß der Großzschepaer zwei Jahre ein, bevor er für weitere fünf Jahre zunächst nach Sibirien kam – ohne Verfahren und Schuldspruch.

Gedenkveranstaltung am 1. September

„Die Initiativgruppe hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Erinnerung an die Ereignisse wachzuhalten, den zahlreichen Opfern zu gedenken und die richtigen Lehren aus der Geschichte ziehen zu können“, sagt Liebmann. Am 1. September ist es wieder so weit. Ab 9.30 Uhr beginnt das 28. Treffen auf dem Friedhof in Neuburxdorf (Landkreis Elbe-Elster), und 10.30 Uhr findet dann im Zelt am Lagergelände – an der heutigen Grenze zwischen Sachsen und Brandenburg gelegen – ein Gottesdienst mit Pfarrer Torben Linke sowie dem Chor der Kantorei Mühlberg statt. 11.30 Uhr spricht schließlich Dietmar Woide (SPD), Ministerpräsident Brandenburgs, am Hochkreuz die Gedenkrede. „Hierzu möchten wir“, betont Liebmann, „alle Angehörigen und Bekannten, Enkel und Urenkel unserer toten Kameraden, aber auch alle Sympathisanten einladen.“ Mittlerweile sucht nämlich die Initiativgruppe Lager Mühlberg aufgrund der schwindenenden Zahl von Zeitzeugen neue Formen des Gedenkens.

Forderung nach Aufarbeitung der Geschichte

Leider, so der 89-Jährige, werde die Zeit nach 1945 und vor allem ihre Schicksale noch heute ausgespart – selbst in der Schule. „Wir wollen uns damit jedoch nicht abfinden. Denn ein Volk, dass seine Geschichte nicht ehrlich aufarbeitet, hat auch keine Zukunft“, appelliert Liebmann und wünscht sich ein wachsendes Interesse.

Schweigen musste er lange genug – bis zur Wende. Zum Beispiel über die Verhörmethoden des NKWD-Offiziers im Schloss Wurzen oder die Fahrt nach Mühlberg auf der Pritsche des requirierten Viehtransporters der Fleischerei Schubert. In Mühlberg starben Menschen „nicht durch Mord oder Folter, sie starben an Unterernährung, Erschöpfung, an Tuberkulose oder Darmerkrankungen“. Anfang 1947 stellten die Sowjets einen Zugtransport mit 921 Personen zusammen, der – weil die Gefangenen mit Tarnkleidung der Wehrmacht ausgestattet wurden – den Namen Pelzmützentransport erhielt. „Unser Endziel war Anshero-Sudschensk – 7000 Kilometer von der Heimat entfernt. Liebmann, gerade einmal 17 Jahre alt, schuftete unter Tage im Steinkohlebergwerk. Erst im April 1950 glaubte er nach Hause zu kommen. Indes dauerte das noch weitere zwei Jahre mit Zwischenstationen in Bresk, Minsk und Kiew.

Um die Jugend beraubt

Pfingstsonntag, am 1. Juni 1952, konnten die Eltern, Max und Martha Liebmann, dann endlich ihre einziges Kind wieder in die Arme nehmen – nach sieben Jahren, die Joachim Liebmann, ohne jemals etwas Unrechtes getan zu haben, die Jugend raubten.

Von Kai-Uwe Brandt

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