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Gewerkschafter befürchtet: „Qualität des Unterrichts wird nachlassen“

Lehrermangel Gewerkschafter befürchtet: „Qualität des Unterrichts wird nachlassen“

Auch für Gewerkschafter ist es eine bittere Erkenntnis: Ohne Seiteneinsteiger wird Schule in Sachsen nicht mehr funktionieren. LVZ sprach dazu mit Jens Nelle, Vorstandsmitglied des Sächsischen Lehrerverbandes und Pädagoge am Beruflichen Schulzentrum in Wurzen.

Jens Nelle ist Vorstandsmitglied im Sächsischen Lehrerverband und Bezirkspersonalrat. Als Pädagoge unterrichtet er seit 1999 am Beruflichen Schulzentrum in Wurzen.

Quelle: Andreas Döring

Landkreis Leipzig. An Sachsens Schulen herrscht Notstand. Während sich die Schüler in die wohlverdienten Sommerferien verabschieden, muss die Sächsische Bildungsagentur noch etliche Hausaufgaben erledigen. Derzeit ist alles andere als sicher, ob im neuen Schuljahr vor jeder Klasse ein Lehrer steht. Zur aktuellen Situation sprach LVZ mit Jens Nelle, Mitglied im Vorstand des Sächsischen Lehrerverbandes und Bezirkspersonalrat.

Welche Meinung vertritt der Sächsische Lehrerverband zur aktuellen Personalnot?

Wir sind derzeit an einem Punkt, an dem es nicht weiter geht. Ältere Kollegen gehen in den Ruhestand, und die neu ausgebildeten Referendare stehen nicht in dem Maße zur Verfügung. Zwar wurden genug Stellen bewilligt, um Neueinstellungen für das neue Schuljahr vorzunehmen. Aber es finden sich einfach nicht genügend ausgebildete Bewerber. Derzeit fehlen sachsenweit rund 540 Pädagogen, besonders angespannt ist die Situation im Bereich der Grund-, Ober- und Förderschulen. So ist der Markt für Deutschlehrer komplett leer gefegt, weil es auch durch die zahlreichen Kurse für Migranten sowie DaZ-Klassen einen großen Bedarf gibt. Selbst das Goethe-Institut, das Deutsch als Fremdsprache lehrt, hat Mühe, seinen Betrieb aufrechtzuerhalten.

Haben Sie einen genauen Überblick, was die Situation im Bereich der Regionalstelle Leipzig der Sächsischen Bildungsagentur betrifft?

Für den Schulamtsbezirk Leipzig, zu dem die Stadt Leipzig sowie die Landkreise Leipzig und Nordsachsen gehören, könnten 337 Stellen neu besetzt werden. Obwohl das schon quantitativ zu wenig ist, gelingt es nicht, genug ausgebildete Bewerber zu finden. Für die Grundschulen wurden bisher 46 ausgebildete Bewerber und 75 Seiteneinsteiger eingestellt. An Oberschulen wurden von 125 Stellen bisher 45 mit ausgebildetem Personal und 67 mit Seiteneinsteigern besetzt. Kleiner sind die Engpässe an den Berufsschulen, hier wurden 27 Lehrer und 15 Seiteneinsteiger gewonnen. Für die Förderschulen wurden 43 Stellen genehmigt, wovon 32 mit ausgebildeten Kräften und acht mit Neuankömmlingen besetzt sind. Das heißt, wir sind in allen Schularten bis auf die Gymnasien auf Quereinsteiger angewiesen. Mehr als jeder Zweite, der nach den Ferien neu an die Schulen kommt, ist kein ausgebildeter Lehrer.

Die Entwicklung war doch aber schon lange absehbar. Warum hat die Politik nicht früher reagiert?

Das dürfen Sie mich nicht fragen. Wir haben als Sächsischer Lehrerverband seit Jahren auf die Probleme hingewiesen und vor genau dieser Situation gewarnt, vor der wir jetzt stehen. Verschärfend kommt hinzu, dass vielerorts die Geburtenzahlen steigen und auch die Flüchtlingswelle für vollere Klasse sorgt.

Die Kritik richtet sich vielfach an die Adresse von CDU-Kultusministerin Brunhild Kurth. Setzt sie die falschen Akzente?

Schuld sind vor allem ihre Vorgänger im Amt, die jahrelang nicht reagiert und unsere Warnungen ignoriert haben. Spätestens ab 2006/2007, als die Zahlen zur demografischen Entwicklung der sächsischen Lehrerschaft auf dem Tisch lagen, hätte man unter dem damaligen Kultusminister Steffen Flath gegensteuern müssen. Die jetzige Ministerin versucht, den Schaden zu begrenzen.

Was aber mit Blick auf die steigenden Schülerzahlen und die starken Abgänge von älteren Kollegen in den Ruhestand offenbar nicht reicht. Warum will denn in Sachsen keiner Lehrer werden?

Sachsen bezahlt im Vergleich mit den 15 anderen Bundesländern am schlechtesten und verbeamtet seine Lehrer nicht. Solange man diesen Schritt nicht geht, werden alle Bemühungen nur hilfslose Versuche bleiben, sich im Wettbewerb mit anderen Bundesländern zu behaupten. Die Schulpolitik haben in Sachsen in Wahrheit zu lange die jeweiligen Finanzminister gemacht. Das rächt sich jetzt.

Welchen Ausweg gibt es?

Wenn ich schon keine Lehrer verbeamte, müsste ich beim Gehalt drauflegen. Aber auch das passiert nicht in ausreichendem Maße. Finanzminister Unland wiegelt ab und sagt, die Verbeamtung würde zusätzlich etliche Millionen kosten. Von den Langzeitschäden, die wir in Kauf nehmen, spricht er nicht. Schließlich provozieren wir mit den jetzigen Notlösungen, dass die Qualität der Schulabgänger und damit der künftigen Arbeitskräfte nachlassen wird.

Aber inzwischen hat Sachsen doch draufgesattelt, zahlt zum Beispiel Zulagen, wenn man sich für eine Schule auf dem Lande oder Mangelfächer entscheidet und vergütet seit neuestem sogar alle Überstunden.

Das mag sein, aber versetzen Sie sich doch mal in die Lage eines Referendars. Der ist in der Regel jung, nicht selten ungebunden, hat noch keine Familie gegründet und ihn hält auch kein Eigenheim. Dann fällt es ihm leicht, Sachsen den Rücken zu kehren und eine attraktivere Anstellung in einem anderen Bundesland vorzuziehen. Dort wird er verbeamtet und hat bessere Perspektiven. Auch die Zulage von maximal 595 Euro, die Sachsen seit neuestem springen lässt, kann ihn nicht umstimmen. Denn andere Länder bezahlen ihn immer noch besser.

Und wie ist aus Ihrer Erfahrung heraus der Versuch geglückt, ältere Kollegen zum Bleiben zu überreden?

In den nächsten zehn Jahren erreicht die Hälfte der jetzt im Schuldienst tätigen Lehrer den Ruhestand. Die Bildungsagentur spricht jetzt mit denjenigen, die mit 63 Jahren eigentlich in Rente gehen wollten und damit vor Eintritt der Regelaltersgrenze und bittet sie, noch ein Jahr dranzuhängen. Die Zulage beträgt bis zu 595 Euro. Große Effekte bringt das aber auch nicht. Nur wenige Kollegen machen davon Gebrauch.

Sind die Seiteneinsteiger ein probates Mittel, die größten Löcher zu stopfen?

Es mag Fälle geben, wo das durchaus funktioniert. Es kann sein, dass an manchem auch ein begnadeter Lehrer verloren gegangen ist, der vor einer Klasse bestehen kann. Aber Sorgen macht uns die Absenkung der Standards. Die Bildungsagentur kann sich nicht mehr den Luxus leisten, auf pädagogische Zusatzqualifikationen zu achten. So werden vor Berufsschulklassen ab August zum Beispiel auch Laboranten oder Kosmetikerinnen stehen. Für die Grundschulen wurden viele Erzieher eingestellt.

Wie viele Seiteneinsteiger werfen denn wieder hin?

Offizielle Zahlen seitens der Bildungsagentur gibt es nicht. Aktuell sind mir sieben Fälle aus dem Bereich Leipzig bekannt. Aber die tatsächliche Zahl ist sicher höher.

Wie werden die Quereinsteiger an den Schulen aufgenommen – als zusätzliche Last oder als willkommene Hilfe?

Das Modell funktioniert so lange, wie alles im Rahmen bleibt. Schwierig wird es zum Beispiel an ganz kleinen Grundschulen auf dem Lande, die nur sechs bis acht Kollegen haben. Die Seiteneinsteiger beginnen mit einer niedrigen Stundenzahl und fallen wegen nötiger Qualifizierungen schon mal ein bis zwei Tage in der Woche aus. Außerdem dürfen sie auch keine 1. Klassen unterrichten. Die anderen Kollegen müssen diese Mehrarbeit abfangen, den Neuankömmlingen aber auch noch als Mentoren zur Seite stehen. Wenn in so einer Konstellation zwei Seiteneinsteiger eingestellt werden, bricht das System ganz schnell zusammen. Dann gerät die Schule in eine Spirale, die nicht mehr beherrschbar ist.

Merken Sie bereits, dass Eltern aufbegehren, weil Sie um die Qualität des Unterrichts fürchten?

Wir rechnen damit, dass die Elternbeschwerden deutlich zunehmen werden. Und ich bin mir wirklich nicht sicher, ob wir mit den nun verkündeten Schnellschüssen den Turnaround schaffen.

Werden uns denn die umworbenen Absolventen, die Bayern abgelehnt hat, retten?

Lehrer aus Bayern werden unsere Klassenzimmer nicht in Größenordnungen bevölkern, dafür ist der Verdienst nicht attraktiv genug. Schon eher werden sie sich nach Baden-Württemberg oder Rheinland-Pfalz orientieren.

Neben dem Lehrermangel sorgt auch die Umstrukturierung der Bildungsagentur für erste Diskussionen. Wie ist dazu Ihr Standpunkt?

Uns ist unverständlich, wieso man hier noch eine zusätzliche Baustelle aufmacht. Und das völlig ohne Not. Am Ende droht ein Bedeutungsverlust der Standorte vor Ort und damit längere Entscheidungswege, die die Situation an den Schulen weiter verschärfen. Dazu werden wir demnächst auch das Gespräch mit den Landräten suchen. In deren Interesse kann die neue Struktur ebenso wenig liegen.

Von Simone Prenzel

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