Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Wurzen Tragehilfen und Türöffnungen belasten Einsatzkräfte
Region Wurzen Tragehilfen und Türöffnungen belasten Einsatzkräfte
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:31 19.03.2018
Feuerwehrleute werden zunehmend angefordert, um Patienten aus oberen Stockwerken zu holen. Quelle: Dirk Hunger
Anzeige
Landkreis Leipzig

Landrat Henry Graichen (CDU) hat jetzt die Reißleine gezogen. Weil Probleme im Rettungswesen überhand nehmen, sah sich der Kreischef zu einem ungewöhnlichen Schritt gezwungen. „Wir können derzeit die Aufgabenerfüllung im Bereich Rettungsdienst und Brandschutz nicht mehr gewährleisten“, bekannte Graichen. Ein Offenbarungseid, den der Kreis auch gegenüber der Landesdirektion Sachsen leistete. Was der Kreischef offiziell nicht verlautbart: Der Schritt ist ein Hilferuf an die Aufsichtsbehörde, sich endlich einzuschalten.

Probleme mit Hilfsfristen

Hintergrund ist, dass der Landkreis zunehmend Probleme bekommt, die gesetzlich vorgeschriebenen Hilfsfristen einzuhalten. Im Notfall zählt jede Sekunde. Deshalb müssen die Retter spätestens nach zwölf Minuten vor Ort sein. Eine Maßgabe, die die Sächsische Landesrettungsdienstverordnung vorschreibt und die in 95 Prozent der Fälle eingehalten werden muss. „Noch liegen uns keine Statistiken vor, wie sich die Hilfsfristen seit dem Übergang auf die neue Leitstelle in Leipzig entwickelt haben. Aber wir haben Grund zu der Annahme, dass es hier Verschlechterungen gibt“, erklärt Graichen.

Die Ursache liege unter anderem darin, dass Rettungswagen aus dem Landkreis zunehmend im Leipziger Stadtgebiet „verschluckt“ werden. „Bei Fahrten nach Leipzig passiert es verstärkt, dass die Wagen den ganzen Tag im Stadtgebiet unterwegs sind.“

Rettungswagen im Einsatz Quelle: dpa

Sobald der Landkreis-Patient in einer Leipziger Klinik abgegeben wurde, greifen die Disponenten in Leipzig-Großzschocher im Notfall auf das Fahrzeug zu. In der Integrierten Regionalleitstelle zeigen die Computer an, wo sich jeder Wagen befindet. „Da wird nicht geschaut, kommt er gerade aus dem Landkreis und wird dort schnell wieder gebraucht. Es zählt vielmehr der Gedanke, dass das am schnellsten zur Verfügung stehende Rettungsmittel eingesetzt wird“, erläutert Graichen.

Die Folge des gemeinsamen Alarmierungsbereichs mit der Stadt Leipzig sei allerdings verheerend. „Mitunter sind unsere Rettungswachen dann den ganzen Tag verwaist.“ Dies betreffe vor allem Leipzig-nahe Standorte. Gegenüber der IRLS habe man diesen Missstand schon mehrfach mit Nachdruck kritisiert. „Da sich aber seit Monaten nichts ändert, haben wir jetzt die Landesdirektion informiert.“ Denn der Kreis sei schließlich Aufgabenträger des Rettungsdienstes und müsse dafür gerade stehen.

Kameraden müssen Patienten tragen und Türen aufbrechen

Ein weiteres Problem sei die zunehmende Inanspruchnahme der Freiwilligen Feuerwehren, wenn es um Tragehilfen für übergewichtige Patienten und Türöffnungen geht. „Diese Einsätze haben seit der Aufschaltung auf die Leipziger Leitstelle extrem zugenommen“, beklagt Graichen. Waren bisher jährlich 30 schwergewichtige Personen zu transportieren, erhöhte sich die Zahl der angeforderten Tragehilfen jetzt auf 19 im Monat. Auch als Türöffner werden die Kameraden zunehmend bemüht. In der Vergangenheit standen lediglich sechs brachiale Einsätze pro Jahr zu Buche. „Inzwischen brechen die Feuerwehren monatlich 15 Türen auf. Ein Zustand, den wir nicht länger dulden werden.“

Macherner Wehr rückte zu drei Tragehilfen an einem Tag aus

So musste zum Beispiel die Macherner Wehr kürzlich an einem Tag gleich drei Mal zur Tragehilfe ran. „In zwei Fällen handelte es sich um einen Krankentransport, was schon die Frage aufwirft, ob ehrenamtliche Feuerwehrleute dazu da sind, Patienten in die Wohnung zu schleppen“, bemerkt Gemeindewehrleier David Kolodziej.

Thomas Pöge, Thallwitzer Gemeindechef und Mitglied des Kreis-Beirates für Brand- und Katastrophenschutz, gibt außerdem zu bedenken, dass man es mit Ehrenamtlichen zu tun habe. „In Leipzig machen das Berufsfeuerwehrleute, unsere Kameraden werden aber vom Arbeitsplatz weg geholt, um Aufgaben von Krankentransporten zu erfüllen.“

Auch bei den Feuerwehren Böhlen und Borna macht sich das Thema bemerkbar. So stieg die Zahl von zehn Tragehilfen und Türöffnungen im Jahr 2016 auf rund 20 im Vorjahr, so Tino Reim, Bornaer Stadtwehrleiter. Ein ähnliches Bild zeichnet sich in Böhlen ab. Auch Stadtwehrleiter Andreas Krilla musste seine Kameraden gehäuft zu Einsätzen schicken, um Rettungssanitäter und Notärzte beim Transport von Patienten durch enge Treppenhäuser zu unterstützen. „Bei uns hat sich die Zahl der Tragehilfen-Einsätze in zwei Jahren verdoppelt“, macht er deutlich. Das Problem sehen sowohl Reim als aus Krilla in der neuen Rettungsleitstelle in Leipzig. Diese schicke für solche Fälle immer wieder die ehrenamtlichen Kameraden aus der Region los, „Leipzig selbst hat eine Berufsfeuerwehr, die das übernimmt, aber wir arbeiten ja regulär, während der Dienst bei der Feuerwehr ehrenamtlich ist“, sagt Krilla. Für Reim und seine Kameraden bedeute das einen kräftezehrenden Mehraufwand. „Zumal die meisten Tragehilfen tagsüber angefordert werden, also während unserer Arbeitszeiten.“

Auch bei der Bornaer Stadtverwaltung ist die neue Rettungsleitstelle ein Thema – auch hier stößt auf Unverständnis, wenn Leipzig Rettungswagen abzieht. Deshalb, erklärt Oberbürgermeisterin Simone Luedtke, sei es in den vergangenen Monaten schon vermehrt zu Hubschraubereinsätzen gekommen.

Von Julia Tonne und Simone Prenzel

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der gebürtige Wurzener Bernd Wagner ist heute in der LVZ-Autorenarena der Leipziger Buchmesse zu Gast. Er stellt dort seinen Roman „Sintflut in Sachsen“ vor – ein Panorama deutschen Lebens im kleinen Wurzen wie im großen Leipzig.

15.03.2018

Kratzen im Hals, Husten, Schnupfen, Kopfschmerzen, Schüttelfrost und Fieber: Wer von solchen Symptomen urplötzlich in die Knie gezwungen wird, wurde mit großer Wahrscheinlichkeit von Influenza-Viren heimgesucht. Im Landkreis Leipzig forderte die Grippe in diesem Jahr bereits vier Tote.

18.03.2018

Die Stadt Wurzen will die Wärmeversorgung GmbH an die Wurzener Land-Werke GmbH verkaufen. Dafür wurde das kommunale Unternehmen jetzt durch externe Wirtschaftsprüfer bewertet. Demnach beträgt die Erlössumme für die 1992 gegründete Gesellschaft mit circa 3000 Kunden 3,77 Millionen Euro.

27.04.2018
Anzeige