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Hast du Töne? Orgel von Wurzener St. Wenceslai bricht nach 40 Jahren ihr Schweigen

Denkmalstag Hast du Töne? Orgel von Wurzener St. Wenceslai bricht nach 40 Jahren ihr Schweigen

Über 40 Jahre sagte die mit floralen Elementen, gotischem Maßwerk und kleinen Säulen geschmückte Königin der Instrumente keinen Mucks. Wozu auch?! Das Kirchenschiff war die meiste Zeit eine Baustelle. Da die Arbeit nun getan ist und kein Staub mehr aufgewirbelt wird, widmet sich Kantor Johannes Dickert der Orgel. Am Sonntag will er sie wieder zum Klingen bringen.

Über den Rückspiegel kann Johannes Dickert sehen, was sich im Altarraum abspielt.

Quelle: Frank Schmidt

Wurzen. Sonst kommt aus der Orgel nur der gepflegte Ton. In der Wenceslaikirche ist das anders. Da kommt der völlig verschwitzte Kantor aus der Orgel. Plötzlich öffnet sich direkt neben dem Spieltisch eine hölzerne Tür und Johannes Dickert erscheint. Er stecke mitten in den Vorbereitungen auf den Sonntag, entschuldigt er sich. Was die Besucher zum Tag des offenen Denkmals erwarte, wisse er noch nicht so recht: „Wir sind Teil eines Experiments. Ich kann nur sagen, was es nicht geben wird – ein Orgelkonzert.“ Ja, das müsse ausgeschlossen werden. Manche Pfeife sei voller Staub, manche Stelle undicht, manche Katze mag sich noch irgendwo verstecken. Nach einer Königin der Instrumente hört sich das nicht an. Und doch ist die 1902 von den Gebrüdern Jehmlich gebaute Orgel ein Schatz, der nur darauf wartet, wachgeküsst zu werden. Genau das möchte Kirchenmusikdirektor Dickert am Sonntag versuchen, dann natürlich in Schlips und Kragen.

Über 40 Jahre sagte die mit floralen Elementen, gotischem Maßwerk und kleinen Säulen geschmückte Königin keinen Mucks. Wozu auch?! Das Kirchenschiff war die meiste Zeit eine Baustelle. Vom Dach bis zum Fußboden – alles musste auf Vordermann gebracht werden. In dem riesigen Ersatzteillager wurde immer wieder Staub aufgewirbelt. Gift für die Königin. Konzerte veranstalten die Wurzener entweder im abgetrennten Altarraum oder im Dom. Die alte Orgel in St. Wenceslai geriet in Vergessenheit. Sogar ein Verkauf wurde zwischenzeitlich erwogen.

Dickert, 64 Jahre alt, kennt die Dame mit viel Holz vor der Hütte noch aus seinen Studentenjahren. „Damals war ich mit dem Chor der Kirchenmusikschule Dresden hier und habe ihr noch mit eigenen Ohren gelauscht.“ Jetzt, da er selber beinahe zum alten Eisen gehöre, möchte er der Orgel zum zweiten Frühling verhelfen. Zumindest einige erste schräge Töne werde er ihr am Sonntag von 15 bis 17 Uhr entlocken, verspricht Dickert und streichelt die Königin. Schön ist sie, die holde Dame mit Spiegel und Wippen, mit 40 Registern und 2800 Pfeifen. Wie ein Schleifchen im Haar der krönende Leitspruch: „Singet dem Herrn ein neues Lied“.

Wieder schließt Dickert ein Türchen auf. Er führt ins Innere der zweigeschossigen, über 100-Jährigen: Jetzt wird es eng, staubig und stickig. Und finster. Im Balgraum hatten sich damals die Konfirmanden ein paar Pfennige hinzuverdient. Je stürmischer der Organist spielte, desto mehr Wind mussten sie machen. Treten, treten und nochmals treten. „Hier haben sie sich verewigt“, sagt Dickert und weist auf etliche Inschriften: Willi Miersch 1910, R. Keller 1905-1907, Karl Retzsch 1902-06. „Damit die Jungs hinten nicht schlapp machten, ließ der Kantor vorne schon mal Bonbons springen.“

Nichts ließ Dickert unversucht, der alten Dame ein erstes Lebenszeichen zu entlocken. Im Vorfeld des 7. Deutschen Orgeltages, der ebenfalls am Sonntag begangen wird, engagierte er die Wurzener Firmen Elmot und Latzel. Die brachten nicht nur den Motor zum Laufen, sondern schlossen ihn auch an den Blasebalg an. Für morgen habe sich zudem noch Orgelbauer Christian Reinhold angesagt. Der will noch einige undichte Stellen verschließen und Porzellanplättchen über den Registerknöpfen ergänzen. Nur eine Nothilfe. Eine fachmännische Restaurierung würde geschätzt 150 000 bis 200 000 Euro kosten. Dickert sehnt sich danach, die Dame eines Tages frisch herausgeputzt zu erleben – der Traum seiner schlaflosen Nächte. Er, Dickert, sei bereit, sich sogar später als Rentner ehrenamtlich dafür einzusetzen. „Viele Orgeln wurden im Laufe der Zeit stark verändert. Aus Kostengründen blieb unsere Orgel so gut wie unangetastet, das könnte ein Glücksfall sein. Ja, ich bin sogar der Meinung, dass niemand wirklich behaupten kann, ein Kenner des Königlich-Sächsischen Hoforgelbauers Jehmlich zu sein, ohne unseren Schatz in Wurzen bestaunt zu haben.“ Der Tag des offenen Denkmals am Sonntag sei ein erster Anfang, mehr nicht. Er wolle ja nicht gleich mit der Tür ins Haus – oder besser: mit der Tür aus der Orgel fallen.

Weitere Termine am Denkmalstag

: Führungen zum Thema Wasser und Wäsche im Dreiseitenhof, Straße der Einigkeit, 12 bis 14.45 Uhr, 15 Uhr Hauskonzert im Kuhstall, Finissage Kunstausstellung Reflexionen, 17 Uhr Diskussionsrunde „Wäsche damals“.

: Gutshof Wolfshain, Ausstellung und Bilderschau, Führungen über den Pferdehof, 13 bis 18 Uhr

: Kirche, Führungen von 10 bis 18 Uhr, Konzert für Orgel, Flöte und Oboe ab 16 Uhr.

: Premiere – Mit dem Steinmetz durch das Dorf der Baumeister Kössern, 10 Uhr, Treffpunkt, Zum Kösserner Rittergut 5

: Führung durch das Kräutergewölbe, den ältesten Gasthof Grimmas aus dem Jahr 1536, von 11 bis 14 Uhr zu jeder vollen Stunde

: Familientag am Speicher von 14 bis 18 Uhr unter anderem mit Ausstellung historischer Landwirtschaftsgeräte, Speicherführung und Turmbesteigung im Rittergut.

: 10 Uhr Führung durchs Wasserschloss mit Heimatforscher Rudolf Priemer

: Führung durch die Paltrockwindmühle Schkortitz von 11 bis 16 Uhr

: Dorfkirche Höfgen öffnet von 14 bis 17 Uhr, einzigartige Kirche in Sachsen im bäuerlichen Barock gestaltet

: 14 bis 17 Uhr Führungen über den Friedhof, durch die Kirche sowie die Ausstellung im Turm.

: 14.30 Uhr wird in der Kirche Kerstin Globigs neue Ausstellung „Arbeiten aus Filz und Acryl“ eröffnet, 15.30 Uhr folgt Michael Märkers Lesung von „Martin Luther – Eine Biografie“.

 

Von Haig Latchinian

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