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Wurzen Hierhin hätte sich der DDR-Geheimdienst im Ernstfall zurückgezogen
Region Wurzen Hierhin hätte sich der DDR-Geheimdienst im Ernstfall zurückgezogen
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09:30 10.01.2017
Ein Museumsmitarbeiter kniet im Raum des Hauptschaltfeldes im ehemaligen Stasi-Bunker in Machern. (Archiv) Quelle: dpa
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Machern

Wer heutzutage an der „Kastanie“ in Gerichshain vorbeifährt, sieht einen gediegenen Landgasthof. Was kaum einer weiß: Zu DDR-Zeiten wäre die Gaststätte von der Staatssicherheit genutzt worden, im Spannungs- oder Kriegsfall. Dort hätte sich die Abteilung 6 der Stasi-Bezirksverwaltung Leipzig niedergelassen, die für die Überwachung der Transitwege zuständig war. Entlang der heutigen Bundesstraße 6 befand sich ein ganzes Netz von Einrichtungen, die die Stasi im Falle eines Falles belegt hätte, sagt Tobias Hollitzer, Leiter der Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke" in Leipzig. Im Zentrum dabei: der Stasi-Bunker in Machern.

„Dort sollte die Bezirksverwaltung unterkommen“, so Hollitzer. Der Bunker, nach einer entsprechenden Direktive von Stasi-Minister Erich Mielke aus dem Jahr 1967 zwischen 1968 und 1971 errichtet, war die Ausweichführungsstelle der Geheimdienstler. Etwa 100 Leute hätten dort Platz gefunden, darunter auch ein, zwei Tschekisten vom sowjetischen Bruderdienst. Insgesamt, so Hollitzer, wären drei Viertel der insgesamt 2401 hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter im Bezirk Leipzig im Krisenfall in einem Ausweichobjekt jenseits ihrer eigentliche Dienststellen untergekommen. Unter einem Krisenfall verstand das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) einen Krieg, in dem sich im Macherner Bunker auch ein Atomschlag hätte überstehen lassen. Mindestens genauso deutlich hatten die Mitarbeiter vom „Schild und Schwert der Partei“ aber auch die eigene Bevölkerung oder zumindest Teile davon als potenzielle „Krisenherde“ im Blick. Es gehört längst zum Allgemeinwissen über die DDR-Staatssicherheit, dass es exakt ausgearbeitete Listen gab, auf denen die Namen von Leuten standen, die in innenpolitischen Krisenzeiten inhaftiert werden sollten. Hollitzer: „Die Listen wurden in der Nacht vom 8. zum 9. Oktober 1989 noch einmal aktualisiert.“ Also unmittelbar vor der Leipziger Montagsdemonstration, die als der entscheidende Durchbruch im Wendeherbst vor 26 Jahren gilt.

Zu diesem Zeitpunkt allerdings war der Bunker in Machern, von dem Hollitzer zufolge wohl auch viel Macherner kaum oder nur wenig wussten, noch voll funktionsfähig. Zwar gab es keine Übung, bei der die Belegung des Bunkers sozusagen am Original trainiert worden wäre, die Technik allerdings wurde in regelmäßigen Abständen überprüft. Und natürlich übte die Stasi dennoch, „aber nicht mit großen Manövern, sondern eher punktuell“.

Zugleich gab es exakte Pläne und Festlegungen, wo sich wer von der Stasi im Krisenfall aufzuhalten hatte. So hätten die Mitarbeiter der Stasi-Kreisdienststelle Borna dann die Betriebsberufsschule des Braunkohlenkombinats Borna in Eula bezogen. Die Stasi-Kollegen in Geithain hätten das Lindenvorwerk in Kohren-Sahlis beschlagnahmt, während die Stasi in Wurzen ins Brandiser Jugendklubhaus gezogen wäre. Konspirativ auch das Ausweichobjekt der Grimmaer Stasi-Kreisdienststelle: die Konsumgaststätte in Großbothen.

Gaststätten hatten es den Mielke-Leuten ohnehin angetan. Die Stasi-Abteilung 8 der Leipziger Bezirksverwaltung, zuständig für Observation und Ermittlung und im Normalfall in einer repräsentativen Villa in Leipzig-Leutzsch untergebracht, hätte die HO-Gaststätte „Goldener Hirsch“ in Machern bezogen. Auch die HO-Gaststätte „Stadt Leipzig“, ebenfalls in Machern, wäre zum Stasi-Ausweichquartier geworden. Derartige Objekte waren auch die Zeltplatzverwaltung an den Lübschützer Teichen, das Sport- und Schulungszentrum der Deutschen Reichsbahn in Machern und das Kulturhaus „Ernst Thälmann“ in Deuben. Die Postkontrolleure der Stasi hätten sich in der Berufsschule in Borsdorf niedergelassen. Alles Objekte entlang der damaligen Fernverkehrsstraße 6 und in ziemlicher Nähe zum Bunker in Machern. Schließlich sollte auf diese Weise auch der Zusammenhalt der Geheimdienstruppe gewährleistet werden. Außerdem sollten die Ausweichquartiere nicht zu weit entfernt vom Leipziger Stadtzentrum liegen. Der Bunker in Machern ist der einzige, der weitgehend original erhalten und entsprechend ausgestattet ist, sagt Hollitzer.

Es gab es in jedem der DDR-Bezirk eine derartige Notfallunterkunft für die MfS-Mitarbeiter. Außer einem Bunker auf dem Rennsteig in der Nähe von Suhl, der allerdings keineswegs in einem vergleichbaren Zustand ist, bleibt das unterirdisch Bauwerk in Machern aber das einzige seiner Art, das noch besichtigt werden kann. Er gehört heute zur Gedenkstätte Museum „Runde Ecke“ in Leipzig und ist an jedem letzten Wochenende im Monat in der Zeit von 13 bis 16 Uhr geöffnet. Das Interesse daran ist seit zehn Jahren stabil, so dass jährlich zwischen 4000 und 5000 Besucher gezählt werden, wie Jana Bleyl vom Museum sagt.

Das Museum im Netz: www.runde-ecke-leipzig.de

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