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Wurzen Verletzter 16-Jähriger spricht über Gewaltexzess in Wurzen
Region Wurzen Verletzter 16-Jähriger spricht über Gewaltexzess in Wurzen
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11:29 17.01.2018
Dienstagnachmittag versammelten sich am Ort der Auseinandersetzungen Demonstranten – erkannt werden wollen sie nicht.  Quelle: Foto: F. Schmidt
Wurzen

 Aus Fehlern wird man schlau, sagt der junge Mann und stützt sich auf Krücken. „Angreifen werde ich jedenfalls nicht mehr – nur noch die eigenen Leute verteidigen!“ Der 16-Jährige, der in einem Lossataler Dorf zu Hause ist, wollte unbedingt dabei sein – bei der Mahnwache Dienstagabend in der Nähe von Lidl. Es ist die Stelle, wo tagelang eine Blutlache an nächtliche Gewaltexzesse zwischen Deutschen und Ausländern erinnerte. „Ich denke jetzt an meinen Kumpel, den es noch viel schlimmer erwischt hat“, sagt der junge Mann. Er selbst trug Stichwunden an beiden Oberschenkeln davon.

„Fünf Millimeter neben der Arterie“, sagt er. Seine Mutter, die ihn begleitet, redet ihm ins Gewissen: „Du hättest nicht hinterher rennen dürfen. Man muss nicht alles mit Gewalt regeln.“ Der Sohn räumt ein, zur Tatzeit betrunken gewesen zu sein – 1,4 Promille. „Wir treffen uns schon lange im Park. Blöde Sprüche gibt’s dort regelmäßig. Von beiden Seiten.“ So ähnlich war’s auch in jener Nacht. Nur, dass der junge Mann den Fremden diesmal wutentbrannt nachlief: „Mein Kumpel und ich wollten das klären.“ An der Unterkunft der Asylbewerber wurden die beiden Angreifer zurück geschlagen, später, so der Polizeibericht, stürmten Einheimische das Haus, wobei drei Flüchtlinge verletzt wurden.

„Wenn nicht wir, die beiden Deutschen, im Krankenhaus gelandet wären, sondern die Ausländer – der Aufschrei wäre groß gewesen“, behauptet der 16-Jährige. Er ist enttäuscht, dass die in seinen Augen Schuldigen einfach so bei Freunden in Leipzig unterkommen können: „Was, wenn wir mit Messern zugestochen hätten?“

Er sei Lehrling und habe was gegen Ausländer: „Weil die auf unserem Geld sitzen und nicht arbeiten gehen.“ Auf den Einwand, dass viele der Flüchtlinge noch auf Anerkennung ihres Status’ warteten und deshalb keinem Job nachgehen könnten, reagiert der Junge kurz angebunden: „Das ist meine Meinung und dazu stehe ich.“ In der nächsten Woche würden die Fäden gezogen, dann werde hoffentlich wieder alles gut sein, hofft der 16-Jährige. Unterdessen legen weitere Demonstranten unter den wachsamen Augen der Polizei Blumen nieder. Kerzen flackern im Wind, fast so, als seien an der Stelle Menschen zu Tode gekommen. Andreas Loepki von der Polizei: „In sozialen Netzwerken war verschiedentlich die Rede davon, dass die beiden verletzten jungen Deutschen ins künstliche Koma versetzt wurden oder gar schon verstorben seien. Nichts als Gerüchte, beide haben das Krankenhaus verlassen.“ Der 16-Jährige verabschiedet sich. Er gehe nun zur Fahrschule, zur Theorie. Gas kann er im Moment sowieso nicht geben.

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