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In den Tiefen der Wurzener Vergangenheit

In den Tiefen der Wurzener Vergangenheit

Im Dom der Ringelnatzstadt lagern Bücher und Dokumente aus vier verschiedenen Archiven. Teils jahrhundertealte Schriften, Urkunden und Bücher stellen für Historiker ein wahres Eldorado dar.

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Wurzens ehemaliger Domdechant und jetziger Altdomherr Horst Schulze ist Wächter des Domarchivs.

Wurzen. Leider fehlt bislang das Geld, um den Bestand des Domarchivs professionell zu sichten und zu ordnen. Etliche Dokumente sind gar vom Buchfraß bedroht.

Im Dom liegt ein Schatz. Und Herr darüber ist Wurzens ehemaliger Domdechant und jetziger Altdomherr, Horst Schulze. Der will die Sache mit dem Schatz eher metaphorisch verstanden wissen. „Natürlich sind das wissenschaftlich betrachtet wertvolle Bestände.“ Aber einen richtigen Marktwert hätten derlei Schriften nicht. Nur einige Handschriften werden sicherheitshalber im Tresor verstaut.

Im Dom vereint sind das gesamte Domarchiv, das hiesige Gemeindearchiv und die beiden Archive der Wurzener Superintendentur. „Das alte Archiv, das bis 1878 geführt wurde und das Neue nach Wiedereinrichtung der Superintendentur in den 60er Jahren“, weiß Schulze. „Somit“, meint er schmunzelnd, „finden sich unter den Akten auch viele alte Bekannte aus meiner Zeit hier.“

Besondere Freude bereitet Schulze sichtlich das Blättern in einem alten Folianten. Der macht zwar von außen nicht viel her – kein richtiger Einband mehr und etwas zerrupft wirkt er auch. Aber der Wälzer hat es in sich. „Es handelt sich um Bischof Sahlhausens Lehensbuch.“ In dem zwischen 1488 und 1513 geführten Buch seien – handschriftlich, versteht sich – zum Beispiel die Eigentumsverhältnisse in und um Wurzen verzeichnet worden. Wem Waldungen und Territorien gehörten oder wem Fischereirechte zustanden. „Eine Art Grundbuch des ausgehenden Mittelalters.“ Verfasst sei es auf altdeutsch. „Man kann das lesen. Aber es ist sehr mühsam. Nicht zuletzt, weil die Schreiber seinerzeit ein stark lateinisiertes Deutsch verwendeten.“ Historisch gesehen sei das aber eine wahre Offenbarung für Heimatforscher. Selbst Unterlagen über die einst am Wurzener Bischofssitz ausgeübte niedrige und mittlere Gerichtsbarkeit seien erhalten.

Auch die Räumlichkeiten, die diese Bücherschätze beherbergen, sind einer ausführlichen Führung wert. Stundenlang könnte Schulze über die alten gewundenen Treppchen, Kammern und Gelasse sprechen, die sich hinter der Südseite des Domes verbergen. „Der Dom war ja insgesamt in einem schlimmen Zustand“, erinnert sich der Superintendent im Ruhestand. So auch die Archive, davon eines ursprünglich auf der Nordempore und eines im Nordturm. „Verfaulte Böden, schimmelige Wände und allerorten Nässeschäden, um nur einige Beispiele zu nennen.“ Zu DDR-Zeiten, als es kaum Geld für die Erhaltung des Gotteshaus gab, sei die Werterhaltung auch ehrenamtlichen Helfern zu danken gewesen, die in regelrechten Baubrigaden zum Einsatz antraten.

Deren Engagement habe sich gelohnt, die Bausubstanz sei heute in einem vergleichsweise guten Zustand. Leider könne dies nicht von allen Beständen gesagt werden. „Vieles ist kaputt“, bedauert Schulze und weist auf einen Schrank mit alten Schriften. Das Papier zerbröselt schon bei der leichtesten Berührung. „Uns fehlen die Mittel, um alles zu sichern.“ Unlängst habe eine Mitarbeiterin auf einer befristeten Stelle für das Gemeinde- und Supturarchiv beschäftigt werden können. „Die Frau hat sehr gute Arbeit geleistet, vieles archiviert und digital verzeichnet.“ Zudem seien die Schriften nach der Sichtung in säureresistenten Kartons verpackt worden. Dies wäre indes auch im alten Domarchiv erforderlich.

Denn es lagern noch immer ganze Stapel bedeutsamer Schriften in den Gewölben. „Eigentlich müsste das alles mal gezeigt werden“, sagt Schulze. Neben alten Schriften gebe es auch alte Gemälde von ehemaligen Pfarrern sowie etliche alte Gebrauchsgegenstände aus dem Kirchenalltag von einst. Hoffnung hegt der Altdomherr immerhin: „Vielleicht gelingt es uns ja, Fördermittel für die Bewahrung der Archive zu bekommen.“

Markus Tiedke

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