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Wurzen Integrationskurse in Grimma bringen Sprache und Kultur näher
Region Wurzen Integrationskurse in Grimma bringen Sprache und Kultur näher
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00:30 02.03.2018
Im Deutschkurs an der Volkshochschule Muldental lernen Geflüchtete und Migranten die Sprache und Kultur kennen. Quelle: Maria Sandig
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Grimma

Es ist viertel eins, die Stunde beginnt. Die Kursteilnehmer finden sich nach einer kurzen Pause auf ihren Plätzen ein. Dagmar Henze-Lesurtel (61) verteilt die Kopien, auf denen zwölf Fragen stehen. Was ist ihr Ziel in drei Jahren? Was würden Sie gern am Wochenende machen? Was würden Sie nie wieder tun?

Dagmar Henze-Lesurtel unterrichtet seit zwei Jahren freiberuflich Menschen mit Migrations- und Fluchthintergrund an der Volkshochschule (VHS) Muldental. Seit Januar 2018 arbeitet die Pädagogin innerhalb der Woche täglich fünf Stunden mit dieser Gruppe. Was Herkunft, Hintergrund und Geschlecht angeht, ist der Kurs komplett gemischt.

Alle sitzen eifrig an ihrer Aufgabe: Jeder soll einer anderen Person im Kurs die Fragen stellen und später die Antworten vorlesen. Sie wirken leicht aufgeregt und motiviert. Es scheint, als hätten sie großen Spaß an der Übung. Bei der Gruppe handelt sich um einen Landessprachprogrammkurs. Zu dem Angebot der VHS gehören ebenfalls Integrationskurse. Unterschieden wird zwischen den beiden Kursen, da die Modalitäten der Vergabe unterschiedlich sind und auch unterschiedliche Fördermittel greifen.

Kurse richten sich nach vorhandenen Kenntnissen

„Es geht beispielsweise um die Herkunft oder mögliche Verbleibperspektiven. Das ist individuell geregelt“, erklärt Dmitry Feoktistov (46), der stellvertretende Fachbereichsleiter für Deutschkurse an der VHS. Er kümmert sich hauptsächlich um die Koordination der Kurse für Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund, die sich verbessern oder die Sprache grundlegend lernen möchten. In der VHS wird außerdem zwischen zwei Gruppen unterschieden, die den Fähigkeiten und Kenntnissen der Kursteilnehmer angepasst sind. „Sie haben unterschiedliche Voraussetzungen. Manche sind in ihrem Heimatland nur einige wenige Jahre zur Schule gegangen, andere sind Akademiker“, sagt Feoktistov. 15 Minuten sind vergangen. Dagmar Henze-Lesurtel fordert alle auf, sich auf ihren Plätzen einzufinden. Die Kursteilnehmer arbeiten weiterhin an der Aufgabe. Erst nach mehreren Anläufen greift die Ansprache.

150 Migranten in Vollzeitkursen

Aktuell gibt es an den Standorten Grimma und Wurzen über 150 Kursteilnehmer, die in etwa zehn verschiedenen Kursen Deutsch lernen. Darunter sind sechs Integrationskurse, die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gefördert werden und vier Landessprachprogrammkurse. Die maximale Stundenzahl der Vollzeitkurse darf 30 Unterrichtsstunden pro Woche nicht überschreiten. Alphabetisierungskurse für Teilnehmer, die mehr Zeit und Zuwendung als andere benötigen, werden mit maximal 15 Stunden pro Woche in Teilzeit durchgeführt. „Der zeitliche und kognitive Druck ist hier geringer. Die Teilnehmer sollen in den anfänglichen Schritten in keinem Fall überfordert werden. Für viele ist es eine Herausforderung, dass sie überhaupt zur Schule gefunden haben. Überforderung könnte zum Kursabbruch führen“, verdeutlicht der stellvertretende Fachbereichsleiter.

Anforderungen an Lehrer für Integrationskurse im Fach Deutsch an der VHS

An der Zweigstelle Grimma der Volkshochschule Muldental gibt es zur Zeit vier festangestellte Lehrkräfte und vier freiberufliche Dozenten. Die Volkshochschule kann auf weitere Lehrkräfte zurückgreifen, damit die geplanten Kurse definitiv stattfinden können.

Pädagogen, die an der Volkshochschule Muldental Deutsch für Menschen mit Migrations- und Fluchthintergrund unterrichten, müssen Deutsch als Fremdsprache als Studium abgeschlossen haben oder, im Fall von Quereinsteigern, die erbrachten Leistungen auf diesem Gebiet nachweisen können.

Lehrer mit ausländischen Wurzeln müssen Deutsch als Zweitsprache vorweisen können. Nur dann werden sie vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge als Lehrkraft für Integrationskurse zugelassen.

Debatte um Fahrkosten

Ab und an kommt es vor, dass Teilnehmer vor Abschluss des Kurses durch Umzüge oder verschiedene Umstände abbrechen. Der VHS-Mitarbeiter bedauert diesen Umstand, sieht es jedoch weniger als gravierendes Problem für die VHS. „Natürlich würde ich mir wünschen, dass die Teilnehmer bei uns bleiben, bis sie ihr Ziel erreicht haben oder der Kurs beendet ist. Nicht nur für die VHS, sondern auch für die Teilnehmer selbst.“ Die größere Baustelle sieht Dmitry Feoktistov in der Finanzierung der Fahrten: „Seit 2018 gibt es die Regelung, dass Fahrkarten zum Teil vorfinanziert werden müssen.“ Für viele Interessierte stelle dieser Umstand ein großes Hindernis dar. Ein Großteil nehme diese Hürde auf sich, „aber es kann auch abschrecken, wenn sie zum einen drei Stunden am Tag unterwegs sind und dann unter Umständen noch zwei Monate auf die Rückerstattung ihrer Fahrtkosten warten müssen“. Nach seinen Aussagen möchte die Volkshochschule den Kursteilnehmern vermitteln, dass sie mit der Vorfinanzierung das Geld sinnvoll investieren.

Beim Goldschmiede-Workshop im Grimmaer Kinder- und Jugendzentrum „Come in“ lernen die Teilnehmer die Grundfertigkeiten des Berufes. Sozialpädagoge Stefan Kosiek ist gelernter Goldschmied und möchte ihnen Orientierung für die Zukunft geben. Die Kinder und Jugendlichen sollen lernen, sich auf eine Sache zu fokussieren. Quelle: Maria Sandig

Langsam fängt die 61-jährige Lehrerin an, die Fragen vorzulesen. Auch sie hat sich Antworten von verschiedenen Personen geben lassen, die sie als erste vorstellt. „Was wünschen Sie sich am meisten?“, fragt die Pädagogin. Sie liest die Antwort vor: „Aladdin würde gern mit seinen Eltern zusammen sein.“ Aladdin Al Shara (34) lebt seit November 2015 mit seiner Frau Kenana und seinem Sohn Sam im Asylbewerberheim Süd in Grimma. Seine Heimat Syrien musste er vor mehr als zwei Jahren verlassen. Er hat als Apotheker gearbeitet und muss das Sprachlevel C1 erreichen, um auch in Deutschland seinen gelernten Beruf auszuüben. „Negative Reaktionen gibt es viele. Gerade viele ältere Menschen sind unfreundlich zu uns. Doch es gibt auch sehr viele hilfsbereite und offene Leute hier“, sagt er. Der 34-Jährige kann sich vorstellen, in Deutschland zu bleiben. „Durch den Krieg ist meine Heimat zerstört. Wenn wieder alles gut wäre, würde ich natürlich gern zurück.“

Kulturelle Unterschiede

Dagmar Henze-Lesurtel kam selbst erst vor zwei Jahren nach Deutschland. „Ich kann mich ein stückweit in die Teilnehmer reindenken. Neben der Sprache versuche ich ihnen zu vermitteln, wie ein Großteil der deutschen Bürger tickt und welche Erwartungen damit verbunden sind“, erklärt sie. Die Vermittlung des kulturellen Unterschieds sei ihr sehr wichtig. Pünktlichkeit und Höflichkeit bei der Anrede mit Du oder Sie hätten beispielsweise in anderen Kulturen einen anderen Stellenwert. „Wenn sie in den Augen ihrer deutschen Mitbürger einen Fehler machen und nicht wissen, was das Gegenüber falsch daran findet, kann das sehr schwierig für sie sein“, sagt sie. In der Regel hätten die Kursteilnehmer traumatische Erlebnisse hinter sich: „Fingerspitzengefühl ist hier angebracht. Wenn ich merke, dass ich einen wunden Punkt getroffen habe, bohre ich nicht weiter.“

Im Mai kommt auf alle eine Test zu, danach haben die Kursteilnehmer das Sprachniveau B1 erreicht. Als die letzte Frage beantwortet ist, verabschiedet sich die Lehrerin.

Von Maria Sandig

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