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Jenseits der Provinz

Jenseits der Provinz


Wurzen. Provinz. Kein anderes Wort wird in Städten wie Wurzen so sehr gefürchtet. Er klingt nach Kleinbürgertum, nach Engstirnigkeit, nach Vormoderne.

. Dabei war es gerade dieser Begriff, der den jungen Künstlern in den Kopf schoss, als sie von Wurzen hörten – und davon, dass sie hier ausstellen sollten. Doch die sechs Schüler der Meisterklasse Neo Rauchs fürchteten das Provinzielle nicht. „Als junger Künstler stellt man sich immer vor, dass es gerade die Metropole sein muss, wo die eigenen Bilder gezeigt werden. Dabei ist es viel spannender auf dem Land auszustellen", sagte Sebastian Burger, der von Rauch unterrichtet wird. „Denn dadurch wird die Provinz ja überwunden."

Auch Neo Rauch betonte in seinen einführenden Worten, dass gerade die Ausstellungsflächen abseits der bekannten Museen ihren ganz eigenen Reiz haben: „Der Begriff Provinz wird überall dort angetroffen, wo man meint, dass nebenan die Party stattfindet", sagte er. „Dabei habe ich festgestellt, dass gerade hier die engagiertesten Kulturamtsleiter, Bürgermeister und Museumsleiter zu finden sind". Er sei deswegen der Einladung des Wurzener Museums gerne gefolgt. Auch wenn er gleich zu Anfang sagte: „Ich muss gestehen, ich war zweimal in Honolulu, aber bisher noch nie in Wurzen."

Neben Burgers Bildern sind bei der Schau mit dem Titel „Zum Gebrauch des Delfins" auch Werke von Stefan Guggisberg, David O‘ Kane, Titus Schade, Kristina Schuldt und Robert Seidel zu sehen. Zudem haben die sechs Künstler ein Gemeinschaftswerk angefertigt. Die Installation, die im hinteren Teil der Galerie gezeigt wird, ist eine Hommage an das Bild „Dachgarten der Irrsinnigen" von Joachim Ringelnatz. Der Gedanke dazu kam den Schülern bei einem Besuch in Wurzen, bei dem sie ihre Schau vorbereiteten. „Bei diesem Rundgang sind wir auf eine Abbildung dieses Gemäldes gestoßen", sagte Burger. Schnell sei ihnen klar gewesen, dass sie damit arbeiten wollten. „Uns war es wichtig, dass wir einen Bezug zum Ausstellungsort, zu Wurzen, herstellen können."

Rauch selbst forderte die Gäste der Eröffnung auf, den Ausstellungsstücken ihre Zeit zu schenken. „Es ist das Kostbarste, das wir investieren können, und ich bin sicher, dass alle diese Arbeiten eine lange Verweildauer verdient haben." Der Leipziger Maler verglich die Produktion im Atelier mit der Tätigkeit von Zirkusleuten. „Man hat zu balancieren, man hat zu bändigen. Auch wir verdingen uns als Dompteur", sagte er. Der Künstler müsse versuchen, den von ihm gefassten Gedanken auf die Leinwand zu übertragen. „Wir bedienen uns dabei einer klaren Apparatur", so Rauch. Genau dieses handwerkliche Verständnis versuche er, seinen Schülern zu vermitteln. Die Gespräche über die Arbeiten, die er mit seinen Studenten führe, drehten sich deswegen vor allem um Präzision. „Da geht es nicht so sehr um den Anstoß für ein Werk, sondern darum, ob man etwas zwei Zentimeter verrückt, um diese Intention herauszuarbeiten", so Rauch. Denn nur so könne das zweidimensionale Bild für den Betrachter geöffnet und vor der Leinwand ein Makroereignis erzeugt werden. Nur so werde der Ausstellungsbesucher aus seinem Alltag gerissen – aus der Provinz.

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